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Thema

Initiative: Gegen Gentrifizierung und für mehr öffentlichen Raum

Denn jeder Kopf hat eine Stimme

Zuerst waren sie zu dritt, jetzt sind es 100, und die Zahl derer, die keine Lust mehr auf die Latte-Macchiatisierung der Schanze haben, wächst. Als Nächstes soll eine Genossenschaft gegründet werden - für mehr Mitsprache und kommerzfreie Räume.

Sie hatten das Gefühl, dass wichtige Entscheidungen für den Stadtteil an ihnen vorbeigehen. Zuerst war es die Gestaltung der Piazza am Schulterblatt. Dann der Bau des Hotels im Wasserturm im Schanzenpark und natürlich die jahrelange "behutsame Sanierung" der Schanze. Dem Viertel, das sich aus Teilen von Eimsbüttel-Süd, St.-Pauli-Nord, Schanzenviertel und Karoviertel zusammensetzt. "Viele Leute sind darüber unzufrieden, dass Kommerz wichtiger als öffentlicher Raum oder das Wohl der Anwohner sein soll", sagt Tina Fritsche, die 21 Jahre lang im Stadtteil gewohnt hat und sich, obwohl sie jetzt in der Altstadt lebt, immer noch für die Entwicklung dort interessiert. So sehr, dass sie zusammen mit ein paar anderen Leuten die Idee hatte, sich zu engagieren. Und der "immer weiterschreitenden Kommerzialisierung" etwas entgegenzusetzen. Ein politisch-soziokulturelles Zentrum, eine Sozialgenossenschaft St. Pauli, das "Centro Sociale". Was das genau ist und leisten soll, das wird auf den wöchentlichen Treffen noch besprochen und entwickelt. Jeder kann kommen und teilhaben. Viele Ideen sollen verwirklicht werden, "eben ganz demokratisch". Jeder soll eine Stimme haben.

Das Centro ist der Gegenentwurf zur Individualisierung. Was hier zählt ist die Gemeinschaft. Es scheint hier eine Parallelgemeinschaft zum zu großen, immer anonymer werdenden Viertel zu entstehen. Es ist die Sehnsucht nach einer Nachbarschaft oder Durchschaubarkeit der Instanzen, die man sonst nur vom Dorf kennt. Die Städter kehren sich ab und sehnen sich nach etwas wie einem Dorfplatz: Und ihr Dorfplatz ist eine Genossenschaft, die im September gegründet werden soll.

Derzeit kommen zu den großen Treffen an jedem dritten Mittwoch im Monat um die 100 Leute. Die Treffen finden in dem Backsteingebäude, genannt "Pferdestall", an der Sternstraße 2 statt. Dieses Gebäude neben der alten Rinderschlachthalle würde die Genossenschaft gern von der Städtischen Entwicklungsgesellschaft (SteG) mieten. Mieter ist bis jetzt noch die Lerchenhof Handwerksgenossenschaft, die aber wohl aus dem Vertrag, der noch bis Ende 2009 läuft, frühzeitig aussteigen würde. In diesem etwa 500 Quadratmeter großen Gebäude soll ein "Centro Sociale" entstehen. Das bereits dort ansässige Cafe Feldstern darf bleiben. In der anderen Haushälfte sollen die Menschen des Viertels einen Raum finden, wo jeder einfach sein kann, Vorschläge machen kann für Aktivitäten und eigene Projekte verwirklichen, wo diskutiert wird und abgestimmt. Ein Ort, wo Feste gefeiert werden können, ohne die üblichen Mietpreise wie in Lokalen zahlen zu müssen. "Wir wollen jeden ansprechen mit dem Centro", sagt Tina Fritsche. Stephan Last, einer ihrer Mitstreiter, betont: "Vor allem diejenigen, die nicht viel Geld haben oder allein sind oder Menschen mit Behinderung, für die es nicht viele Orte in der Schanze gibt." Er möchte einen Tischlerkurs für Menschen mit Behinderung anbieten. Wer Mitglied in der Genossenschaft werden möchte, muss eine Einlage von 100 Euro zahlen. Im Centro seien aber alle willkommen, auch ohne Einlage. Und egal, wie viele Genossenschaftsteile eine Person kaufe: "Jeder Kopf hat nur eine Stimme", sagt Fritsche.

Fritsche und ihre Mitstreiter wollen mit dem Centro auch einen Kontrapunkt zur Gentrifizierung setzen. Der Begriff beschreibt einen sozialen Umstrukturierungsprozess eines Stadtteils, der häufig mit einer Veredelung oder Aufwertung des Wohnraumes und somit auch mit einer Veränderung der Bevölkerung einhergeht. "Viele Bekannte von uns mussten schon umziehen, weil sie sich die gestiegenen Mieten nicht mehr leisten können", sagt Stephan Last. Im Gleichzug würden aus vielen Mietwohnungen auch Eigentumswohnungen gemacht, die eine neue, wohlhabendere Schicht ins Viertel hole. Und darüber noch mehr Boutiquen und Coffeeshops eröffnen, die die alteingesessenen Einzelhändler verdrängen.

Um "Verdrängungen der Bewohner" entgegenzuwirken und stärker aufzutreten, soll sich ein Netzwerk bilden. "Denn die Vernetzung der Anwohner", so sagt Fritsche, "war überfällig."


Das nächste Centro-Treffen findet übrigens am Mittwoch, 20. August, um 19.30 Uhr an der Sternstraße 2 statt.

 

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