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Leben

Casino: Gespielt wird auch in Zeiten der Krise

Es geht immer noch was!

Banken gehen Pleite, Milliarden Euro werden als Schutzpakete mobilisiert, Sparer haben Angst um ihre Schätze. Rien ne va plus? Mitnichten! Die Roulettekugel rollt weiter. Ein Abend in der Spielbank Hamburg.


Foto: Piel

Lola rennt. Ins Casino, Schweiß verfärbt ihr bauchfreies Sommertop. Der Croupier, genervt: "Ihre Einsätze, bitte." Lola setzt ihr letztes Geld auf die Zwanzig, atemlos, volles Risiko, der Gewinn soll ihrem Freund das Leben retten. Die Kugel rollt, rien ne va plus, Lola schreit. Gellend, durchdringend, Gläser zerplatzen, Casinobesucher pressen die Hände auf die Ohren. Im Kessel klackert die Kugel, wird langsamer. Bleibt liegen auf der Zwanzig, Lola hat gewonnen, mit geballten Fäusten.

Lola, die wilde Kinofigur von Tom Tykwer, braucht das Geld zum Überleben, es ist eine existenzielle Frage. Und das ist es ja immer, Geld ist Bedingung, Folge, Ursache. Geld ist das, was alles zusammenhält. Geld ist das Thema zurzeit, jetzt, wo das Finanzsystem in seiner größten Krise steckt, wo viele Angst haben vor dem schwarzen Loch, in das Aktien, Geldanlagen, Firmen gerissen werden. In der Finanzwelt ist das Geld ein riesiger Strom, der meistens fließt und manchmal stockt. Im Casino ist das Geld ein Fluss, kleiner zwar, aber unendlich. Im Casino sind sie immer, die Zocker, die Glücksucher, die Reichen, die Armen, die Noblen, die Abgerissenen. Das Casino kennt keine Rezession.

Es ist Abend, recht mild für Oktober, der Feierabendverkehr in der Hamburger Innenstadt hat sich beruhigt. Wie ein leuchtender Tempel steht das Casino Esplanade am Stephansplatz. Wer hineingeht, gelangt in eine Parallelwelt, in der das Geld auf Poker- und Roulettetischen geopfert wird oder eine wundersame Vermehrung erfährt; eine Welt aber auch, in der das Draußen nicht mehr zählt. Das Ambiente am Stephansplatz ist klassisch, wie im Film: roter Teppich, schwarze Decke, gedämmtes Licht. Stimmenwirrwarr, geraunt und geheimnisvoll, liegt in der Luft. Die Spieler sind in ihrem Element. Konzentriert, angespannt, ernst, wie unter einer Glocke. Der Alltag ist vergessen. Zumindest der Alltag der Normalen - aber der Zocker ist nicht normal, für ihn ist Spielen Alltag. Eine seltsame Empfindung ergreift den Spieler, "ein Verlangen, das Schicksal herauszufordern, ihm ein Schnippchen zu schlagen, ihm eine Nase zu drehen". So empfindet schon Aleksej Iwanowitsch, der Protagonist in Fjodor Dostojewskis nahezu autobiografischem Roman "Der Spieler" (1866). Er setzt den höchsterlaubten Einsatz - und verliert. Darauf holt er "alles, was mir geblieben war, hervor, setzte wie vordem und verlor abermals, worauf ich wie betäubt den Tisch verließ." Dieses Gefühl der Betäubung, des Nicht-glauben-Wollens kennen sie alle. Eine Finanzkrise, die den einen oder anderen vorsichtshalber zum Sparen animiert, zählt da gar nichts. Es ist eine höhere Gewalt, die im Casino Regie führt. Alles andere, die Bühne also, das Arrangement des Spielsalons mit Tischen, Bar und Sesseln, folgt festen Regeln. Der Croupier gibt Jetons oder Karten aus, der Spieler setzt oder legt. "Ich war wie von Fieber geschüttelt und schob den ganzen Haufen Geld auf Rot - und kam plötzlich zur Besinnung! Ein einziges Mal an diesem Abend fuhr mir kalter Schrecken durch die Glieder und ließ Hände und Beine erzittern. Mit Entsetzen wurde mir plötzlich bewusst, was es für mich jetzt bedeuten würde, zu verlieren! Der Einsatz war mein Leben!"

Wie Dostojewskis Held spielt auch Horst R. für seinen Lebensunterhalt. "Ich bin ein Zocker", sagt er den wenigen, die sich dafür interessieren. Heute ist sein 162. Spieltag - in diesem Jahr. Der Mann, von kleinem Wuchs, mit einem Gesicht, auf dem schon so manches Erlebnis seine Spur hinterlassen hat, ist sorgsam gekleidet. Sein gelbes Jackett beißt sich mit dem bunt gemusterten Schlips, über die kahle Stelle auf seinem Kopf hat Horst R. ein paar Haare gekämmt. Manchmal zittern seine fleischigen Hände mit den ordentlich manikürten Fingernägeln, wenn er die Jetons aufs Tableau legt. Diese Handbewegung ist ihm mindestens so vertraut wie das Zähneputzen. Seit 36 Jahren. Es war ein eiskalter Februartag, damals, als der junge Elektriker mit seiner Freundin und einem weiteren Pärchen in Travemünde spazieren ging. Am Casino vorbei. Horst R. und seine Freundin schlendern eng umschlungen, genießen den Nachmittag. "Komm, lass uns reingehen und ne Runde zocken", sagt sein Bekannter. Sie gehen hinein.

Heute weiß Horst R., dass er an diesem eiskalten Februartag zum Spieler wurde. Seitdem treibt ihn diese innere Stimme an den Roulettetisch. Eine innere Stimme, die ihn lockt, so wie Achim Reichel im Song "Der Spieler" (1981) singt: "Komm rüber, Spieler, Spieler, komm rüber (...) Erst, wenn du nichts mehr hast, bist du frei". Frei vom Spieldrang wird Horst R. wohl nie mehr sein, eine Freundin hat er lange nicht gehabt. Hätte er jemals seine Traumfrau gefunden und eine kleine Tochter zu Hause, hätte er mit dem Spielen längst aufgehört, sagt er. So aber ist das Casino sein Lebensinhalt, mindestens jeden zweiten Tag ist er hier, mit sorgfältig umgebundener Krawatte. Mehr als eine Million Euro habe ihn seine Spielleidenschaft über die Jahre gekostet, er führt Buch. "Ich will mich nicht selbst betrügen", sagt er. Sein Unternehmen, das Süßigkeiten vertreibt, läuft schon lange schlecht, nicht erst, seitdem alle von der Rezession sprechen. Wie viel Horst R. fürs Leben bleibt, wenn die Zwei-Zimmer-Wohnung am Michel bezahlt ist, entscheidet sich am Roulettetisch. Anfang des Jahres, als das neue Glücksspielgesetz in Kraft trat, gab es einen Knick in den Bilanzen der Casinos und Spielhallen, bundesweit zwanzig Prozent weniger Umsatz. Wer an Spielautomaten zocken will, muss seine Personalien am Empfang hinterlassen. "Das wollen viele nicht", sagt ein Mitarbeiter des Casino Esplanade. Aber die Finanzkrise? Interessiert hier niemanden. "Wir spüren Krisen nicht, nie." Im Verlieren und Gewinnen sind alle gleich, das Glück ist ein großer Nivellierer. Nur die Einsätze sind verschieden. Pepe S. lehnt am Tresen, starrt in sein Bier. Er sucht Abstand, innerlich, zu seiner Pechsträhne und den 100 Euro, die er gerade verloren hat. Das Zocken um viel Geld ist nicht sein Ding. Zu hart hat er sich sein Vermögen mit mehreren Lokalen erarbeitet. Pepe S. ist 53, sein Geld auf der Bank sichert ihm ein sorgenfreies Leben. Das soll es auch in Zukunft tun - mehr als 300 Euro nimmt der spanische Gastronom nicht mit zu seinen wöchentlichen Besuchen im Casino. Das nennt er Selbstbeherrschung.

Das Ehepaar aus Bergedorf am Nachbartisch, er ist Banker, sie Hausfrau, hat ebenfalls ein Budget vereinbart: 100 Euro für jeden. Sie spielt risikofreudiger, gewinnt mehr. "Mein Mann ist Schwabe", erklärt sie. Schwabe und scharfer Kritiker seines Berufsstandes. "Die haben gezockt, an der Börse und in ihren Büros", meint er, klappert mit den Jetons in seiner Hand und schüttelt den Kopf. Dann geht er zum Roulettetisch und setzt, diesmal alles auf Schwarz.

 

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