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Leben

Austausch: Wie acht Kubaner Hamburg sehen

Kalt, leise, grün und wunderschön

Zum ersten Mal in einem anderen Land und in einer größeren Stadt. Acht Kubaner besuchen für drei Wochen Hamburg. Um einen Kulturschock zu vermeiden, bereiteten sie sich ein halbes Jahr auf die Reise vor. Ihre ersten Eindrücke schildern sie hier.

Ein Restaurant auf einem Schiff? Was soll das?" Miguel, Che-Guevara-Touristenführer aus einem Bergdorf in der Sierra Maestra, blickt verwundert auf ein Restaurantschiff im Hamburger Hafen. Zum ersten Mal in seinem Leben hat er sein Land verlassen und besucht eine Großstadt. Er ist einer von acht Kubanern, die mit dem Austauschprogramm des Internationalen Jugendverbands Europa-Lateinamerika für drei Wochen in Deutschland sind. In seiner Heimat lebt der 27-Jährige mit seiner Familie in den Bergen. "Ich finde es gar nicht gut, dass hier so viele große Schiffe unterwegs sind. Das ist doch Umweltverschmutzung." Transportmittel scheinen ihn überhaupt zu faszinieren. Auf den Hinweis, dass die U3 eine der beliebtesten Bahnstrecken ist, weil sie am Hafen entlangführt, stellt er erstaunt fest: "Und die ist ganz schön schnell, oder?"

Wer mit Fremden durch seine eigene Stadt läuft, wird selbst wieder zum Touristen, entdeckt völlig neue Seiten, nimmt eine andere Perspektive ein. Zum Beispiel, dass es hier sogar an einem sonnigen Tag bitterkalt ist. "Das Wetter war ein Schock", sagt Dayana. Auf der größten Insel in der Karibik herrschen momentan tropische 30 Grad. Die Reisenden hatten bei ihrer Ankunft nur Sandalen und Shirts im Gepäck. Schal und Jacke bekamen sie vom Verein und ihren Gastfamilien. Ricardo stellt fest, dass die Stadt riesig und voll mit Autos und Menschen ist. "Trotzdem erscheint sie mir sehr ruhig. Havanna ist viel lauter und hektischer", so der Englischlehrer. "Ich dachte, es wäre mehr Leben und Bewegung auf der Straße." Kein Wunder, denn in Kuba spielt sich das Leben eben dort ab. Klingt nach Klischee, ist aber real: Aus offenen Fenstern dringen Rhythmen, Menschen tanzen, machen Musik mit Dosen und Trommeln. "Die Menschen hier sind so leise", findet auch Dayana. Beeindruckt war sie auch von der Größe der Elbe. "Bei uns sind die Flüsse nicht so tief und beschiffbar. Daher dachte ich zuerst, es wäre das Meer." Die Kubanerin hat gerade ihr Diplom in soziokultureller Arbeit gemacht.

Tanz, Theater, Musik - Kultur gehört in Kuba zum Alltag. In etwa 400 Kulturhäusern können Kinder und Jugendliche Instrumente lernen, im Chor singen und in Workshops an Choreografien arbeiten - kostenlos. Einige der Besucher arbeiten in dem Kulturhaus in Bayamo, einem kleinen Ort rund 800 Kilometer von Havanna entfernt. Eugenio Montenegro, Kulturbeauftragter in der Provinz Granma, leitet die Gruppe. Sie gehören zu der Brigade "Jose Martí", die von Fidel Castro gegründet wurde, um Kultur in einem ganz neuen Modell zu fördern und auf diese Weise entlegene Regionen zu erreichen. Die Besucher sind nicht nur zum Vergnügen hier. Ihr Auftrag: den Kulturbetrieb in Deuschland kennenlernen. Was kostet eine Theaterkarte? Wie ist Musikunterricht organisiert? Welchen Stellenwert hat Kultur?

Weiter auf dem Programm stehen eine Stadtführung mit zwei Obdachlosen von Hinz und Kunzt, ein Besuch in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, ein Empfang im Rathaus sowie eine Sightseeing-Tour rund um Hafen und Michel, eine Besichtigung des Airbuswerks und der Holstenbrauerei. Ausflüge zum Oktoberfest in München und in die Hauptstadt Berlin runden den Deutschlandbesuch ab. Höhepunkt und Abschluss ihrer Reise bildet das Lateinamerika-Festival im Museum für Völkerkunde am 6. und 7. Oktober, wo einige von ihnen Musik und Tanz vorführen werden.

In Gastfamilien untergebracht, lernen sie auch den Alltag kennen und entdecken: "Hier gelten ganz andere Sitten. Als ich bei meiner Gastfamilie ankam, sollte ich die Schuhe ausziehen", sagt Ricardo. "Das ist bei uns nicht üblich. Das Nächste, was ich sah, war ein riesiger Hund, der auf mich zurannte. Ich hatte Angst, aber er war gut erzogen und hat sich nur gefreut." In Kuba haben Hunde einen anderen Stellenwert. Sie leben draußen, bewachen Haus und Hof. Isbel, die Gitarre und Gesang unterrichtet, gefällt, "dass die Menschen tierlieb sind und auf die Umwelt achten. Auch in Kuba wird viel Wert auf Umweltschutz gelegt." Das Land hat die beste ökologische Bilanz im Verhältnis zum Lebensstandard. Entgegen dem weltweiten Trend hat die Waldfläche seit 1990 zugenommen. Kuba ist mit führend im Einsatz von ökologischen Pflanzenschutzmitteln, nicht zuletzt, da es an impor- tierten Düngemitteln mangelt.

Ismaray, Tanzlehrerin, fielen die vielen Grünflächen in Hamburg auf. "Toll, dass man ohne Strafe über den Rasen laufen kann." Ansonsten überwiegen eher die Gegensätze als die Gemeisamkeiten. "Das Essen schmeckt anders. Sogar Reis hat einen anderen Geschmack als in Kuba. Das muss an den Gewürzen liegen", sagt Aracelis, Theaterlehrerin. "Nur bei Schokolade habe ich keinen Unterschied feststellen können." Beim Picknicken vor dem Michel entdecken sie, dass es Schokolade auch als Brotaufstrich gibt. Alles ist perfekt - und jemand fragt nach einer Gitarre.

 

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