Der herzliche Hirte
Heike Gätjen trifft jede Woche Menschen aus Hamburg. Heute Erzbischof Werner Thissen.
Ach, diese Fragen! Esgibt so unendlich viele. Und manche erwischen einen völlig kalt. Nicht weil hier im erneuerten Mariendom in St. Georg die Heizung noch nicht auf vollen Touren läuft. Sondern weil sie absolut überraschend kommen. Wie die berühmte Gretchenfrage: Nun sag', wie hast du's mit der Religion? Aber der Fragesteller ist ein nachsichtiger Mann. Fordert keine Antwort ein. Erklärt mir lieber, was denn ein gottgefälliges Leben sei. Nach dem Evangelium leben. Und das tut er. Erzbischof Dr. Werner Thissen, katholisches Oberhaupt des Bistums Hamburg, zu dem auch Schleswig-Holstein und Mecklenburg gehören. Von der Fläche her das größte der Republik und mit etwa 397 000 Katholiken gut bestückt. Am 23. November wird der neu gestaltete und renovierte Mariendom in einer großen Feier mit allen Honoratioren der Stadt geweiht.
7,8 Millionen Euro waren dafür eingeplant, sind leicht unterschritten. Das Zeitlimit wurde eingehalten, sagt Thomas Jochem, der Baureferent des Bistums, der uns durch den Dom begleitet. Sie hätten eben von Anfang an mit realen Zahlen gearbeitet, sagt er. Der Name eines Hamburger Prestigeprojekts hängt im Raum. Und wird aus Nächstenliebe einfach so hängengelassen. Der Erzbischof macht sich schnellen Schrittes auf in den Mittelgang. Eine richtige Kirche muss klingen, ruft er über die Schulter zurück. Und hören Sie nur: "Halleluja, hahahahalleluja." Sie klingt gewaltig.
Wir bewundern noch das gereinigte, strahlende Mosaik in der Apsis, das Mariä Aufnahme in den Himmel darstellt. Nachempfunden dem berühmten Mosaik der Kirche Maria Maggiore in Rom. In bescheidenerer Ausführung, sagt der Erzbischof und fragt, was denn das hier für ein Geschmiere auf dem neuen Bodenbelag sei. Und ob das auch wieder wegginge. Aber ja, sagt Thomas Jochem.
Erzbischof Dr. Werner Thissen ist ein Hausherr, der alles im Blick hat. Die acht neuen Orgelpfeifen rechts oben auf der Empore, die noch eingebaut werden müssen. Das Taufbecken in der Mitte des Kirchenschiffes, an dem sich immer mehr Erwachsene taufen lassen. Und natürlich seine Besucherin. Prüfend, wissend und manchmal auch leicht amüsiert, behält er sie im Visier. Und erzählt dabei von diesen wunderbaren Wanderwegen. Die mit dem gelben Pfeil. In und um Hamburg herum. Seine Lieblingsstrecke vom Hafen aus an der Elbe entlang, Teufelsbrück, Wedel, nach Osten bis Pinneberg. Mit Begleitern im Gespräch oder allein mit dem Rosenkranz. In einer guten halben Stunde ist er mit der S-Bahn zurück in seinem Sprengel. 40 Kilometer gelaufen. Kaputt und glücklich.
Wir machen uns quer über die Straße auf zu seinem Bischofssitz. Durch den feuchtkalten düsteren herbstlichen Nachmittag. "Licht und Dunkel sind Teil des Lebens und des Glaubens", sagt er dabei und hält schützend den Regenschirm. Und ja, diesen Erzbischof darf man auch einhaken.
Drüben wartet ein liebevoll gedeckter Kaffeetisch mit gestickter Decke, gefalteten Servietten, Obstkuchen und einem Stückchen Schokolade. "Gott segne und behüte Dich!" steht drauf. Und wir machen uns jetzt dran an all die Fragen, die Werner Thissen sich stellt und denen er sich stellt. Immer wieder. Schon morgens früh kurz nach fünf Uhr in absoluter Stille, um dem Tag gewachsen zu sein. Dem Leben im Angesicht Gottes, wie er es nennt. Diese lebendige, nahe Beziehung zu Gott. In diesem vielschichtigen Umfeld, der ganzen sozialen Problematik in St. Georg, in dem morgens früh der Lack der Nacht, das Gefunkel, die schützende Dunkelheit ab ist und die graue Wirklichkeit zutage tritt. Mit den unterschiedlichen Lebensentwürfen, die einen ganz von selbst tolerant werden lassen, sagt er. Und auch Zweifel habe er reichlich, aber das gehöre zu einem lebendigen Glauben dazu. Und jetzt essen wir erst mal ein Stück Kuchen.
Werner Thissen stammt aus Kleve am Niederrhein. Konnte eher Fußball spielen als seinen Namen schreiben. Kickt auf Trümmergrundstücken, ist Abwehrspieler, dann Stürmer. Beides mit Leidenschaft, sagt er. Im elterlichen Schuhgeschäft hilft er manchmal, kauft sich von seinem ersten Geld, na, was denken Sie, einen Ball natürlich. Schießt ihn durch Nachbars Scheiben, und der behält ihn. Eine Woche lang! Und dieses Tipp-Kick-Spiel mit den hölzernen Figuren, das er immer noch hat. Und das im Völkerkundemuseum während der WM ausgestellt war. Im Nachbarort geht er aufs katholische Internat, hängt nach dem Abitur in der Luft. Weiß nicht, was er werden soll. Arzt, Jurist, Lehrer für Germanistik? Die Familie erwartet, dass er in den Betrieb einsteigt, und so studiert er Wirtschaftswissenschaften wie die ältere Schwester. Nach vier Semestern gibt er auf. Von der Frage geplagt, ob es nicht was Anderes, Sinnvolleres, Wichtigeres, im Leben gäbe. Folgt dem Rat eines Freundes, es mal mit Theologie versuchen. Ein junger Mann auf der Suche nach sich selbst und dem Sinn des Lebens. Und ihn für sich tatsächlich auch findet.
Ach, sagt der Erzbischof, man taste sich ja immer so voran. Es gäbe da diesen schönen Spruch: Man muss das Leben nach vorne leben, aber verstehen könne man es erst nach rückwärts hin. Er sei froh, dass er diese schwere Entscheidung getroffen habe. Es sei die größte Erfahrung von Dankbarkeit. Seine erste Stelle nach der Priesterweihe liegt in Dorsten im Ruhrgebiet. Die Kirche, die Zeche, die Bergarbeitersiedlung. Seine Kollegen hätten ihm das nicht zugetraut. Hielten ihn für eher wissenschaftlich orientiert, für schöngeistig, keinen Kumpeltyp. Aber Fußball, sagt er, habe ihn auf Augenhöhe gebracht. Mit den Kumpels, in der Kneipe.
Fußball überhaupt, sagt der bekennende HSV-Fan, der sich schon mal mit 20 Jugendlichen und HSV-Schal in die Arena aufmacht. Und sich dabei richtig aufregen kann. Fußball und Kirche hätten doch was Gemeinsames. Ja, sagt er auf meinen zweifelnden Blick hin, da nähme er jedes Streitgespräch an. Die Frage des Einzelnen und die Gemeinschaft. Keiner könne für sich allein existieren. Oh Gott, sagt er doch tatsächlich, ich sehe da schon Grenzen. Aber es sei wirklich die christliche Botschaft: Auf dich kommt es an, aber du bist nicht allein ... Jetzt fange er doch schon wieder an zu predigen. Und höre sofort damit auf.
Von seiner Liebe zu Gedichten reden wir. Von dem einen von Ulla Hahn, das mit der Frage endet: Seid ihr ganz sicher, dass ihr lebt und heißt Nichttotsein schon Leben? Wunderbar, wunderbar, sagt der Erzbischof, was ist da alles drin!
Über seine Liebe zu Filmen sprechen wir. Ingmar-Bergman-Filme. Er kennt sie alle. Auch "Fanny und Alexander" mit diesem schaurig verbohrten, fordernden, unnachsichtigen Bischof. Ja, sagt er undlächelt, er sei ein Bergman-Fan, aber doch kein Bergman-Bischof. Und dann diese Szene in "Wilde Erdbeeren". Der alte Professor, der die Straße entlanggeht. Auf die Uhr an der Apotheke guckt. Die hat keine Zeiger. Auch seine eigene Taschenuhr nicht. Er hält sie ans Ohr und hört seinen eigenen Herzschlag. Die ewige Frage nach der Zeit. Sein eigener Glaube an das ewige Leben. Und sein fehlendes Wissen, was genau danach komme.
Darüber, wie man eigentlich Erzbischof wird, reden wir auch noch. Den langen Weg dahin. Die Vorschläge der 27 Diozösanbischöfe der Bischofskonferenz. Ich überspringe jetzt für Sie mal ein paar Stufen, sagt er. Die Vorschlagsliste für den Vertreter des Papstes in Deutschland, dem apostolischen Nuntius in Berlin. Rom. Drei Namen bleiben. Die Domkapitulare wählen einen aus. Und dann seien sie im Schutz der Dunkelheit zu ihm nach Münster gekommen, fragten, ob er Erzbischof werden wolle. Und er habe gesagt, lasst uns erst mal beten, damit wir jetzt keinen Unsinn machen. Na gut, sagt er, Sie gucken so. Das habe er jetzt für die Dramatik eingefügt. Aber das mit dem gemeinsamen Gebet stimme. Und danach sei er bereit gewesen und habe die Aufgabe angenommen. Und diese Frage, warum er, sei für ihn auch noch offen.
Den direkten Kontakt mit Menschen will er sich erhalten in diesem großen Bistum. Er geht zu den Kaffeetrinken nach dem Gottesdienst, spricht mit Menschen auf der Straße, in sozialen Institutionen und wenn er für Misereor, das Hilfswerk der deutschen Katholiken zur Bekämpfung von Hunger und Armut in Entwicklungsländern, unterwegs ist.
Menschen, sagt er. Die seien so wichtig. Sagen Exzellenz, Herr Erzbischof oder Dr. Thissen zu ihm. Und viele auch einfach nur du. Das Wie sei ihm egal, sagt er. Hauptsache, man rede miteinander. Und das kann man wirklich gut. Selbst auf der Treppe noch nach diesem langen Nachmittag voller Heiterkeit und vielen Fragen. Und enden auf den letzten Stufen vor der Haustür bei dieser großen Frage des Menschen überhaupt. Der Gewissensfrage. Gefolgt von der ganz profanen: Wo denn wohl mein Regenschirm geblieben sei.



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