Gätjen trifft ...
Ingo Hagemann: Theaterdirektor mit Zigeunerseele
Der Chef der Fliegenden Bauten sieht sein Theater als Quell der Entspannung. Seine Produktionen sollen bald auch in Dubai zu sehen sein.
Auf dem blauen Sofa: Ingo Hagemann und Autorin Heike Gätjen im Foyer der Fliegenden Bauten.
Foto: Andreas Laible
Hamburg. So geht er alles im Leben an. Aus dem Stand und einfach drauflos. Wie den Sprung hier auf die knallblaue Riesencouch im Foyer der Fliegenden Bauten. Ein Verzehrtheater sei es, ganz pragmatisch gesehen, sagt er. In einem Zirkuszelt. Ingo Hagemann, der künstlerische Leiter hier an der Glacischaussee, ist Theaterdirektor. Doch das höre sich für ihn eine Nummer zu groß an, sagt er. Er macht das Ganze mit Guido-Marc Gosch zusammen, der für den kaufmännischen Teil zuständig ist und ihn im letzten Jahr dazu überredete, das Theaterzelt von Thomas Collien vom St.-Pauli-Theater und Joachim Wussow vom Sylter Meerkabarett zu übernehmen. Ja, und der Chef vom Le Canard, der Ali, sei als gastronomischer Berater auch dabei ...
Ein Gespräch mit Ingo Hagemann ist eine ungewöhnliche Sache. Dieser Mann mit dem offenen Kinderblick, gegeltem Strubbelhaar, der Haselnuss- und Stracciatellaeis liebt und die reinen und vertrauensvollen Augen seiner beiden Töchter, ist so beredt, dass man die zugige Luft im Zelt glatt vergisst und sich auf einer Heizdeckenverkaufsschau in der Wüste wähnt. "Ehrlich?", fragt er, das habe er noch nie ausprobiert. Aber aus Dubai sei er gerade zurückgekommen. Eine weitere Säule für das Theater hofft er dort zu finden. Um neben dem Verzehrtheater auch Produktionen auf Tournee zu schicken. Nach Dubai eben.
Er schweift kurz mal ab, macht einen Zwischenstopp bei den Westgoten und in Cordoba, wo Christen, Moslems und Juden so friedlich zusammengelebt hätten, und landet wieder in Dubai. Diesem aus der Wüste gestampften Schmelztiegel. Mit Herz und Seele gefüllt und ... O nein, bitte erst mal zurück auf Start. Wir machen es uns auf dem Sofa mit einem Cappuccino bequem und fangen in Lage bei Lemgo an, seiner Geburtsstadt. In Ostwestfalen, diesem etwas drögen Landstrich, sagt er, liege erstaunlicherweise die Wiege vieler Comedians. Ingo Oschmann, Ingo Boerchers, Ingolf Lück, Rüdiger Hoffmann und, ja, selbst Gerhard Schröder. Der Exkanzler ein Comedian? Na, dicht dran, sagt er.
Ingo Hagemann, der Zweite von vier Söhnen, stammt aus einem grundsoliden Elternhaus. Der Vater Installateur, 40 Jahre bei derselben Firma. Die Mutter Schneiderin. Geld ist nicht alles, lernte er hier. Familie und der Zusammenhalt zählten mehr. Ein Dreigenerationenhaushalt. Mit der Großmutter, einer gläubigen Frau, zu der er als "kleiner Stöpsel" ins Bett kroch. Die Oma, die nie weiter kam als bis "zum Hermann", dem Hermannsdenkmal in Detmold. Ein enger Lebensradius, zwei Weltkriege, ein früh gestorbener Sohn. Aber glücklich und fröhlich sei sie gewesen. Das habe ihn geprägt. Genau wie der Spruch seiner Eltern, wenn es um den Zickzackkurs in seinem Leben ging. Er werde zu Hause immer ein Bett und im Kühlschrank immer eine Tüte Milch finden, wenn er mal auf die Nase falle, hieß es. Es sei nun mal sein Leben. "Du wirst schon wissen, wie es geht." Das habe ihm viel Mut und Kraft gegeben. Und außerdem sei er ja am Frühlingsanfang geboren. Das sonnige Gemüt sei seine Grundausstattung.
Was Handwerkliches liegt ihm nicht. Er wollte etwas mit Menschen machen. Und heraus aus Ostwestfalen. Eine Rucksacktour durch Indien, die Karibik, eine Lehre als Hotelfachmann, als Koch. Von Heidelberg bis herauf nach Juist. Barkeeper in London. Ach ja, und das Abitur nebenbei, ein BWL-Studium. In welcher Reihenfolge auch immer. Er wollte einfach über den Tellerrand gucken, Grenzen ausloten, sich ausprobieren. Und irgendwas mit Seele und Leidenschaft auf die Beine stellen.
Eigentlich sei er ja schüchtern, sagt Ingo Hagemann in einer seltenen Atempause. Das vertusche er einfach mit dem Drauflossabbeln. Lacht. Legt wieder los. Können wir denn nicht mal beim Theater ankommen? Nein, sagt er. Noch nicht. Das gehe erst noch weiter. Leben sei ja auch ein Theater. Als Key Account Manager bei der Fluggesellschaft Sabena saß er auf dem Flughafen in Hannover Tür an Tür mit einer hinreißenden türkischen Reiseveranstalterin. Bezirzte sie mit einer Schale Blaubeeren. Vor sieben Jahren haben sie geheiratet. Die Nilgün und er.
Achtung, jetzt, sagt Ingo Hagemann, jetzt kommt das Theater ins Spiel. Nein, nicht wegen der Ehe. Die sei wunderbar harmonisch. Er habe sich als Widder längst die Hörner abgestoßen. Dieses mit dem Kopf-durch-die-Wand-Wollen sei vorbei. Also das Theater. Bei den vielen Geschäftsgesprächen tagsüber habe jeder seine Rolle gespielt. Verkleidet. Im Anzug. Deshalb sei er schon in Hannover abends mit den Leuten ins Varietétheater gegangen, ein Glas Wein, ein Bier trinken, die Show angucken. Gemeinsam lachen.
Das ist ja das Geheimnis, sagt er. Rutscht begeistert an die Sofakante. Zeigt ins Foyer. Hier kommen die Leute rein. Und man sehe es ihnen an. Sie haben Stress gehabt, den totalen Druck im Job, die Frau hat sie mitgeschleift. Und lassen sich einfach fallen. Sehen in der Pause schon völlig anders aus. Haben so ein Glänzen in den Augen. Und dann verliert er sich ein bisschen. Erzählt von seiner Zeit bei den Palazzo Produktionen. Dem wunderbaren Spiegelzelt. Alles rot, alles in Bewegung. Der Regen, der draufprasselt. Und trotzdem fühle man sich beschützt. Wie ein Embryo.
So ist er, der Ingo Hagemann. Liebenswert, versponnen, unendlich begeisterungsfähig. Mit einem Leben wie ein wunderbarer, bunter Eintopf, sagt er. Dieser Mann mit der Zigeunerseele, der sich endlich angekommen fühlt in den Fliegenden Bauten, weil die Welt jetzt zu ihm kommt. Künstler aus Kuba, Dakar, Brasilien. Grenzgänger wie er.
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