Interview
Gätjen trifft ... Dr. Dr. Hermann Reichenspurner
Hermann Reichenspurner ist der Mann fürs Herz am UKE. Im Gespräch mit Heike Gätjen verrät er, was ihn außerdem noch fasziniert.
Heike Gätjen trifft den Ärztlicher Leiter des Herzzentrums des UKE Prof. Dr. Dr. Hermann Reichenspurner.
Foto: Marcelo Hernandez
Hamburg. Dieser Mann hat's. Mit dem Herzen. Dem Wort Faszination. Der Kombination von beidem. Einem engen Terminkalender. Seinen Organspenderausweis hat er immer dabei. Und elegante Hände hat er auch. Schlank, gepflegt, vertrauenerweckend. Sein Handwerkszeug. Das verlässlichste, sagt er. Professor Hermann Reichenspurner, Chef der Herzchirurgie in der Universitätsklinik Eppendorf und Leiter des Universitären Herzzentrums Hamburg.
Mit vielen Herzen geht er da um. Walnussgroßen von Kindern. Faustgroßen von Erwachsenen. Allen, die aus dem Rhythmus oder sonst wie aus der Spur geraten sind. Von Geburt an oder erst später. Dass er den Tod als Teil des Lebens betrachte, erzählt er. Unabdingbar. Dass der Tod aber hier zum Feind werde. Und er nichts so sehr hasse, wie einen Patienten an ihn zu verlieren. Hier an der Universitätsklinik. Wo die Studenten einfach dazu gehören, weil Ärzte nicht vom Himmel fallen, sagt er. Das müsse jeder Patient wissen und akzeptieren. Und dies alles, sagt er, weit mit den Armen ausholend - das sei seine Familie.
Hermann Reichenspurner wirft in seinem Büro die Kaffeemaschine an. Gesteht, dass er auch schon mal hier auf der Couch schlafe, wenn es allzu eng wird. Und geht dann konzentriert, ernsthaft und mit Stirnfalten ran an sein Leben. Druckt schnell noch seine Vita aus. Damit wir das schon mal haben. Reibt ein bisschen mit der rechten Hand auf dem linken Handrücken herum. Und dann geht's wirklich los.
Das Elternhaus in München. Der Vater Drogist und Leistungssportler. Die beiden Söhne schwimmen, fahren Ski-, Kajak-, Wildwasser. Und reiten! Zum Entsetzen seiner Eltern will Hermann Reitlehrer werden. Berufsreiter gar. Schwankt später zwischen Literaturwissenschaft und Sport. Aber, sagt er, da war doch was. Ganz im Hintergrund. Diese erste Herztransplantation! Damals hat er sie als Achtjähriger am Fernseher verfolgt. Dass so was machbar ist. Und am Ende der Welt. Südafrika. Nie vorher gehört.
Mittlerweile liebt er das Land. In den 80er-Jahren hat er dort gelebt und gearbeitet. Als Assistenzarzt am Groote Schuur Hospital in Kapstadt. Von Christian Barnard, dem großen Herzchirurgen, habe er viel gelernt. Und sei sich doch nicht einig mit ihm. "The hearrrrt is just a pumpp", habe der große Herzchirurg immer in seinem harten Englisch gesagt. Das Herz nur eine Pumpe. Das sei ihm zu mechanisch. Für ihn sei es mehr. Ein faszinierendes Organ!! Nicht im Sinne von Herzschmerz und Herzblut, von großer Oper sozusagen. Auch wenn er die sehr liebe. Genau wie das Ballett. Beides gönne er sich ein-, zweimal in der Woche. Schalte dann ganz ab. Sogar das Handy, das sonst immer an ist. Selbst neben dem Bett. Das gehöre mit zu seiner Arbeitsauffassung, dieses Immer-erreichbar-sein-wollen.
Und wo, sagt er, waren wir eigentlich stehen geblieben? Er holt einen zweiten Kaffee. Zieht den weißen Kittel aus. Ist plötzlich locker, heiter, lacht sogar. Über dieses Kind, das er einst war. Übergewichtig. Traumatisiert. Auch als Student hatte er noch zehn Kilo mehr drauf als jetzt. Kaum zu glauben. Echt, sagt er.
Und immer mehr Erstaunliches kommt zum Vorschein. Lucy Grey, die Band der beiden Reichenspurner-Brüder. Pop und Rock von Bob Dylan bis Cat Stevens. Der Bruder Max an der Gitarre, Hermann als Vocal. Er, der Kathole, singt im evangelischen Kirchenchor, weil die Lieder da halt schöner waren. Und die Matthäuspassion fasziniere ihn heute noch. Bis zum Stimmbruch singt er im Chor der Bayerischen Staatsoper. Turandot, Hänsel und Gretel. Tja, und heute reiche es gerade noch für die Dusche.
Seine große Liebe gehört den Opern. Und auch dem Ballett. Im Kuratorium des Freundeskreises der Ballettschule ist er. Sei fasziniert von dem Entstehen neuer Stücke, von der großen Kreativität John Neumeiers, dem Direktor des Balletts an der Staatsoper, seinem Freund und Lebenspartner. Rastlos wie er. Und hier das Bild an der Wand, das habe John Neumeier gemalt. Ein düsteres Herz. In dunklen Farben. Das Logo des Fördervereins des Herzzentrums.
Seine Sekretärin mahnt den nächsten Termin an. Hermann Reichenspurner winkt ab. Das müsse er noch mal kurz loswerden. Weil es ihm so am Herzen liege. Dieses begeisternde Mäzenatentum der Hamburger. Einfach toll. So könnte dieses Haus das größte und bedeutendste Herzzentrum im Norden werden. Ach ja, da sei er schon ehrgeizig. Für die Institution als solche. Dass er auch eine Rolle dabei spiele, na ja. Er verlange von sich ja auch viel. Genau wie von anderen. Könne Dummheit nicht leiden. Aber selber auch Fehler einsehen - nach einer Nacht meist erst - und sich dann auch entschuldigen. Jetzt wissen Sie alles über mich. Oder?
Er erzählt noch von seinem Lieblingsspaziergang am Sylter Ellenbogen. Seinem Lieblingsitaliener an der Rothenbaumchaussee. Und hier, sagt er, hier habe ich eine Schwäche, exklusiv für Sie. Beim Workout zu Hause auf dem Crosstrainer sähe er TV-Soaps und Serien. "Five feet under" sei gerade sein Favorit.
Hermann Reichenspurner geht mit auf den langen Krankenhausflur. Zeigt auf das große Foyer, die Erfüllung seines Traums. Eine direkte, ständig besetzte Anlaufstelle für alle, die irgendetwas mit dem Herzen haben.
Auch wenn man es verloren hat, es gar gebrochen ist? Ja, sagt er lachend. Kommen Sie gern. Es werde nur nichts nützen. Da fühle er sich glatt überfordert.




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