Fernmeldungen
Journalreporterinnen Diana Zinkler und Özlem Topçu haben ihre Stipendien in Tel Aviv und Istanbul angetreten. Jede Woche schreiben sie von neuen Eindrücken.
Sieben Tage Israel Vor Kurzem sprach ich mit einem israelischen Autor. Er hat sich über die israelische Jugend beklagt. "Das Wichtigste ist für sie, cool zu wirken", hat er gemeint. Allein schon das Wort "cool" regte ihn auf. Und tatsächlich, er sprach etwas aus, was mir auch schon aufgefallen war nach nun fast vier Wochen Israel. Eine gewisse Langsamkeit, ich habe mir das mit "laissez faire" erklärt, es könnte aber auch wirklich nur "coolness" sein. Am deutlichsten zeigt sich diese Haltung an israelischen Bedienungen, vor allem an denen in den Bars und Cafes von Tel Aviv. Es ist nicht so, dass man schlecht bedient würde, eher das Gesamtpaket. Manche Bedienungen gehen erst einmal an dem neuen Gast vorbei, wirken, als ob sie Wichtigeres zu tun hätten. Dann kommen sie an den Tisch und sind sehr freundlich, nie devot. Sie erwecken eher den Eindruck: "Sei froh, dass ich da bin." Kennenlernen und Flirten funktioniert ähnlich, erst einmal "hart to get" mimen, auch wenn nach den ersten Sätzen das Eis schmilzt. Gerade die Männer wahren eine gewisse Coolness, oft sind es Frauen, die den ersten Schritt machen. Aber diese Coolness oder fast schon Widerspenstigkeit hat auch ihre sympathischen Seiten. Die Israelis gehen gern bei Rot über die Ampel, und das jüngst eingeführte Rauchverbot wird ignoriert. Autoritäten werden nicht so ernst genommen, und man duzt sich schnell. Die jugendliche Coolness scheint eine Art Gegenposition zum allgemeinen Konflikt zu sein, der hier oft von Religion und Emotion beherrscht wird.
Meine 17-jährige Mitbewohnerin hat gerade mit ihrer Klasse das Konzentrationslager in Auschwitz besucht. Ich fragte sie, wie sie es fand. Es war nicht wirklich viel Emotionales aus ihr rauszukriegen. Sie strahlte fast und sagte: "Es war eine gute Erfahrung für mich", "a once in a lifetime experience". Ich fragte mich, ob das angemessen ist und dachte, dass gerade für Israelis der Besuch dort ganz schlimm sein müsste. Doch vielleicht, wie das immer so ist, ist diese Coolness auch nur ein Schutz. Das wiederum kann ich verstehen.
5 Minuten Israel im Internet:www.abendblatt.de/5minisrael
Liebe Hamburger,
eins habe ich mittlerweile begriffen: Es ist verdammt hart, hier zu leben. Die Istanbuler sind Großstädter, die es immer eilig haben. Viele brauchen bis zu zwei Stunden bis zur Arbeit. Rein in die Metro, raus aus der Metro, mit der Fähre über den Bosporus und vielleicht noch ein Stück mit dem Bus. Das Einzige, was man hier wirklich nicht hat, ist Zeit. Wer versucht, mehrere Dinge an einem Tag zu erledigen, muss scheitern.
Doch Istanbul ist wie ein Magnet. Er zieht Menschen an, unaufhörlich. Magisch. Es kommen viele Arme aus dem Osten, die in der Unauffälligkeit der Metropole ihr Glück suchen, mit welchem Geschäft auch immer. Mir kommt es vor, als verkaufe hier jeder irgendwie irgendwas. "If I can make it there, I can make it anywhere." Das gilt.
Immer mehr der Türken, die nach Istanbul ziehen, sind in Deutschland aufgewachsen. Mit der Ordnung, der Disziplin und der Pünktlichkeit in Deutschland. Sie kommen ins Land ihrer Eltern. Sie lieben Istanbul, aber hassen das Chaos.
Ich weiß nicht, wie viele Ex-Hamburger hier leben. Eine habe ich aber unter den 18 Millionen Menschen getroffen. Isil Karadagolu ist nach Istanbul gezogen, als sie 15 Jahre alt war. Heute ist sie 33. Geboren und zur Schule gegangen ist sie in Billstedt. "Ich wollte immer in Istanbul leben, schon als Kind. Aber als ich hier herkam, war ich wieder eine Ausländerin, die zudem kein Wort Türkisch sprach!" Die erste Zeit sei sehr hart gewesen. "Nach und nach habe ich die Sprache aufgesogen wie ein Schwamm." Deutsch spricht sie nach all den Jahren immer noch perfekt. Heute arbeitet sie im Einkauf bei Praktiker - einer deutschen Firma. "Ich liebe die Türkei, und ich liebe Istanbul. Aber ich habe nie für eine türkische Firma gearbeitet. Und das werde ich auch nie." Isil wird einen Rest Deutschland wohl nie ablegen.
Hier hat die Regenzeit angefangen und die Stadt völlig lahmgelegt. Die Istanbuler können nicht gut mit Regen umgehen. Nicht einmal Karagöz, der Hund vom Dach, wagt sich zurzeit auf seinen Stammplatz. Vom Verkehr will ich gar nicht erst reden. Da könnten sich die Istanbuler ein Beispiel an uns Hamburgern nehmen. Bei dem Sauwetter bin ich klar im Vorteil.
Viele Grüße
Özlem
PS: Nächste Woche schreibe ich euch aus Ankara.



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