Fang den Hut. Memory. Malefiz. Ravensburger - der berühmte Hersteller von Brettspielen und Puzzles feiert seinen 125. Geburtstag. Wie geht es in der Stadt zu, von der das Unternehmen seinen Namen hat? Ein Blick in die Spielewerkstatt in Oberschwaben.

Das Gewicht eines erfolgreichen Brettspiels ist exakt bestimmt: 869,6 Gramm wiegt "Das verrückte Labyrinth". Abweichungen von der Vorgabe werden in der Werkshalle von Ravensburger nicht toleriert und mit automatischem Ausscheiden bestraft. Die Spielregel könnte lauten: "Rücke nicht weiter vor und verlasse sofort das Band!" Für die Frauen, die dann noch einmal von vorn anfangen müssten, wäre das ärgerlich, denn das "Labyrinth" ist für sie kein Spiel, sondern eine ernste Angelegenheit. Die Arbeiterinnen am Band, das nicht gerade leise von Spielfeld zu Spielfeld vorrückt, gehören zu einem Team, das in einer Produktionslinie per Hand die Einzelteile für Spiele und Puzzles einlegt. Jeder gefüllte Karton hält auf seinem Weg zum nächsten Etappenziel kurz auf einer Waage, deren Anzeige über sein Fortkommen entscheidet.

Mehr zum Thema

Hamburger Abendblatt

"Wenn was fehlt, finden wir es raus", sagt Florian Knell. Der 41-Jährige ist Geschäftsführer des Ravensburger Spieleverlags. Seine logistischen Entscheidungen sollen das Traditionsunternehmen, das in diesem Jahr seinen 125. Geburtstag feiert, fit für die Zukunft machen - ohne dass es dabei seiner Spielkultur untreu wird. Dazu gehört die strenge Qualitätskontrolle. Damit nicht unvollständige Spiele für Unmut beim startbereiten Kunden sorgen - Mensch ärgere dich nicht über Ravensburger!

Dieses sprichwörtliche Brettspiel ist bei der Konkurrenz zu Hause. Das macht aber nichts, denn Ravensburger hat genug eigene Klassiker im Programm - und ist selbst einer. Das blaue Dreieck mit dem Unternehmensnamen ist ebenso Teil des kollektiven deutschen Bewusstseins wie seine Longseller: "Fang den Hut" (1927, unverändert im Design der Neuen Sachlichkeit), "Memory" (1959), "Malefiz" (1960), "Hase und Igel" (1978) oder "Scotland Yard" (1983). Aktuell hat der Verlag 7887 Produkte im Sortiment, gut ein Viertel wird jährlich erneuert. Ravensburger ist bei Puzzles Marktführer in Westeuropa und Nummer eins beim deutschsprachigen Kinder- und Jugendbuch. Das Unternehmen ist längst bekannter als seine Heimatstadt, die ihm den Namen gab.

Wer verstehen will, wie es zu diesem Erfolg kam, der muss dorthin, wo Ravensburger seit seiner Gründung durch Otto Maier im Jahr 1883 tief verwurzelt ist: nach Oberschwaben, in die 50 000-Einwohner-Stadt nahe dem Bodensee. Von den 1493 Beschäftigten des Unternehmens arbeiten fast 900 im Stammhaus, das seit den 60er-Jahren recht unspektakulär im Gewerbegebiet der südlichen Vorstadt liegt, keine zwei Kilometer vom mittelalterlichen Stadtkern entfernt - und doch Welten weit weg. Denn die Ravensburger Altstadt mit ihrem Burgberg, den Türmen, Stadttoren, von Bürgerhäusern gesäumten Plätzchen, engen Straßen und Gässchen wirkt wie die Kulisse eines nostalgisches Brettspiels. Viele Touristen gucken, als wäre das ganze zu schön, um wahr zu sein.

Über den Genius loci sagt Vorstandssprecher Karsten Schmidt: "Ich glaube, dass er sich in unserer Marke reflektiert. Es ist das Verlässliche, das Sorgfältige, das Disziplinierte, auch das Edukative. Unsere Produkte sollen nicht nur Spaß machen, sondern auch Sinn vermitteln: Sinn für Familie, für Zusammenhalt, für Selbstentfaltung - all das entspringt dieser Region." Und wo bleibt das Spielerische? Wir lernen beim Rundgang mit Vorstandschef Schmidt und Geschäftsführer Knell, dass es sich ergibt, wenn man schwäbisch denkt und handelt: Erscht die Arbeit, dann's Vergnüge.

Geschäftsführer Florian Knell ist in dieser Hinsicht ein fortgeschrittener Spieler. Wenn er ein Verschiebepuzzle legt, dann kann die Aufgabe so schwierig sein, dass er sich dafür ein paar Jahre Zeit nehmen muss. Er hat dann keine bunten Kleinteile vor sich, die sich zu einem ansprechenden Bild fügen. Seine Puzzlestückchen tragen Namen wie Distribution, Palettierung, Endmontage, Lagerung, Fertigung. Sie lassen sich eher schwergängig verschieben. Ihre Vorlage heißt Masterplan, und die Schönheit des Resultats weiß nur der wahre Kenner zu würdigen. Knells aktuelles Meisterstück ist ein begehbares Puzzle, dessen Aufgabe lautete: Optimiere den Materialfluss auf einer U-förmigen Grundfläche! Wie gut das gelungen ist, soll sich Gästen beim Werksbesuch mit Daten erschließen: über schnelleren Warenumschlag, Dezentralisierungskonzepte, direkte Wege, Bewegungen im Palettenlager und im Hochregalbereich.

Knell hat Ordnung ins Ravensburger Spielzimmer gebracht. Was die weitläufige Werkshalle zwar effektiv macht, aber über weite Strecken so unaufregend wie eine Aneinanderreihung von Materiallagern. Wären da nicht die Inseln, wo Ventile zischen, die Hydraulik seufzt und Stanzen geräuschvoll Pappe in 100 passgenaue Teile zerlegen, die automatisch verpackt und ab und zu Stichproben unterzogen werden. Anderswo riecht es nach Klebstoff, weil hier die mit der Trägerpappe verbundenen Motive trocknen. Oder Maschinen fertigen Stülpschachteln aus vorgeformter Pappe. Menschen sind oft nur noch im Hintergrund tätig oder brausen im Gabelstapler vorbei.

Das alles folgt Spielregeln, die das mittelständische Unternehmen aus der Provinz zum Global Player machen können. Machen müssen. Denn Vorstandssprecher Schmidt sagt, dass es einen Zwang zum Wachstum gebe. Zum einen wegen der Kostenentwicklung, zum anderen, um dem Fachhandel "auf Augenhöhe begegnen zu können". Merkbares Wachstum aber ist nur möglich auf fremden Märkten: In den USA, wo Hasbro und Mattel einen Markt dominieren, der 36 Prozent des weltweiten Spielwaren-Umsatzes ausmacht, und wo anspruchsvolle Brettspiele "German type games" heißen. Und in Asien, wo nur mit elektronischem Spielzeug größere Umsätze zu erzielen sind.

Zudem muss Ravensburger auf veränderte Spielvorlieben und den technischen Fortschritt reagieren. Eine Möglichkeit sind Lizenzen, die bewährte Ideen in die digitale Welt überführen: Der Ravensburger Logik-Trainer "Think" wurde zu einem ermutigenden Überraschungserfolg auf der Spielkonsole Nintendo-DS. Eine andere Möglichkeit wären interaktive Spielsteine.

Die Basis aller Pläne aber bleibt die Erdung am Standort. Ravensburger fertigt noch immer 85 Prozent seiner Produkte selbst (im Stammhaus und im tschechischen Zweitwerk in Policka) - die übrigen 15 aus dem Niedrigpreissegment werden in Ostasien hergestellt. Was Know-how bedeutet, lässt sich in der Werkshalle erahnen, wo die aufwendig hergestellten Stanzschablonen für Puzzles als Beispiel für deutsche Präzisionsarbeit herhalten. Ravensburger stellt serienmäßig Puzzles bis zu einer Stückzahl von 18 240 Teilen her. Jedes wiegt 9,6 Kilo. Für die Palettierung wurden spezielle Roboterarme mit Ansaugtechnik gemeinsam mit einem Werkzeughersteller in der Region entwickelt - Kollege Roboter wuselt pausenlos und lautstark herum und macht dabei den Eindruck, dass er genau weiß, was er tut. Ravensburgers größtes Kapital aber bleiben die Mitarbeiter, deren hohe Identifikation mit dem Unternehmen forciert wird. "Hier wurde immer sehr wenig dynastisch und hierarchisch gedacht", sagt Dorothee Hess-Maier, Mitglied der Gründerfamilie und Aufsichtsrätin. Weshalb die Aufbauleistung wesentlich auch den Mitarbeitern zu verdanken sei. Flexible Arbeitszeitvereinbarungen machen es möglich, sich optimal am Saisongeschäft zu orientieren. Eigenverantwortung und Kreativität am Arbeitsplatz sind erwünscht. Was sich an Plexiglassäulen ablesen lässt, die üppig mit kleinen roten Würfeln gefüllt sind. Jedes Team bekommt für Verbesserungsvorschläge eine Prämie, zur Veranschaulichung werden Würfel in die Säulen geschüttet. Die Pegelstände sind sehr hoch. Reich wird damit keiner, die Prämien bewegen sich eher im unteren Euro-Bereich, honoriert wird das Team. Die Prämien sollen gemeinschaftliche Aktivitäten fördern, einen Kegelabend beispielsweise.

Denn gemeinsames Spielen fördert Miteinander und Motivation. Oder wie es im Werbefilm zum 125. Geburtstag heißt: "Spielen ist mehr als Zeitvertreib."