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Journal

Jetzt wird studiert? Jetzt wird gegruschelt!

Das StudiVZ ist mehr als ein Internet-Netzwerk. Was als Infodienst, Chat-Room, Kontaktbörse und Spaß-Ecke für Studenten begann, ist ein begehrtes Unternehmen geworden - und ein umstrittenes. Erst unter dem Druck der Internetgemeinde lernte das StudiVZ, gegen Unfug und Missbrauch vorzugehen. Aber es hat die Studentenszene geprägt - auch mit neuen Wortkreationen.

Wir wollten die riesige Anonymität, diese Unpersönlichkeit an den Universitäten aufbrechen", sagt Julian Artope (22). Der Student war dabei, als drei Kommilitonen Ende Oktober 2005 eine echte Innovation in Deutschland einführten: das StudiVZ als unabhängige Internet-Plattform für Studenten. Mittlerweile hat sie über 1,8 Millionen registrierte Mitglieder. Und täglich melden sich neue Mitglieder an, werden neue StudiVZ-Gruppen gegründet, in denen man sich über alles austauschen kann - von den neuen Studiengebühren über die TV-Serie "GZSZ" bis zum letzten HSV-Spiel.

Das StudiVZ (Studi-Verzeichnis, Studi für Studenten) ist eine kostenlose Freunde-Suchmaschine, Lernhilfegruppe und Kontaktbörse in einem, gegründet von Ehssan Dariani (26), Dennis Bremmann (28) und Michael Brehm (26). Dariani habe festgestellt, "dass man an seiner Universität meist überhaupt keine Möglichkeit hat, außerhalb der Vorlesungen Kontakt zu den anderen Studenten aufzunehmen. Das wollten wir ändern", sagt Artope.

Bei einem Praktikum in den USA hatte Dariani Social Networks wie linkedin.com kennen- gelernt. So ist es kein Zufall, dass StudiVZ nach dem Vorbild der US-Studenten-Plattform "Facebook" gestaltet wurde. Das Prinzip vom Studiverzeichnis ist dabei herrlich unkompliziert: Man meldet sich mit Vor- und Nachnamen an; und schon kann man im Netzwerk nach alten Schulfreunden oder Kommilitonen suchen, Nachrichten an sie verschicken oder an der virtuellen Pinnwand hinterlassen. Man kann ein eigenes "Profil", eine Art persönliche Seite, mit oder ohne Foto gestalten. Man kann Themengruppen beitreten, selbst neue Gruppen gründen, Fotoalben anlegen.

Was StudiVZ von anderen Netzwerken wie der Geschäftsleute-Plattform Xing (ehemals openBC) unterscheidet, ist vor allem die bunte, verrückte Vielfalt der Gruppen, typisch für die Experimentierlust von Studenten. Das seriöse Xing will ein Netzwerk für Geschäftskontakte sein. Im StudiVZ dagegen herrscht Partystimmung. Da gibt es neben Gruppen wie "Atomkraft? Ja bitte" auch "Saufen statt studieren", "Eva Herman soll mein Zimmer putzen", "Institut für Grobmotorik", "Rosa Polo-Hemden-Träger-Auslacher", "Lakritzabhängige sprechen über ihre Sucht" und viele andere.

Im StudiVZ wurde auch das Kultwort "Gruscheln" erfunden (Mix aus Grüßen und Kuscheln), eine Art virtuelles Begrüßungsrubbeln: Man klickt auf der StudiVZ-Seite "Gruscheln" an und schickt damit jemandem einen Gruß. Der sieht dann auf seiner Seite die Nachricht: "Du wurdest gegruschelt".

Mehr als die Hälfte der Mitglieder sollen StudiVZ bereits täglich nutzen. Werbung habe man dabei fast keine gemacht, sagt Pressesprecher Artope. "Wir hatten ja kein Geld. Am Anfang haben wir noch in der kleinen Wohnung von Ehssan gearbeitet. Aber wir haben Flyer gemacht, die wir dann überall verteilten. Außerdem haben wir Asten (Allgemeine Studentenausschüsse, d. Red.) angerufen und ihnen von unserem Projekt erzählt." Gewachsen ist StudiVZ vor allem durch Mund-zu-Mund-Propaganda.

Und zwar so schnell, dass die Betreiber schnell vor Problemen standen, die sie überforderten. "Wie Deutschland heißestes Start-Up vor die Wand fährt" titelte die "Welt" Anfang Dezember 2006. Nicht nur die Blog-Community, sondern auch die Medien erhoben gegen die StudiVZ-Gründer herbe Vorwürfe: Es gab Sicherheitslücken, Systemausfälle, und auch Ehssan Dariani selbst trat ins Fettnäpfchen. Aufmerksame Blogger entdeckten im US-Videoportal "YouTube" einen von Dariani gedrehten Clip, wie er einer jungen angetrunkenen Frau bis auf die Toilette folgt. Dann reservierte sich Dariani die Internet-Seite "Völkischer Beobachter", um zu seiner Geburtstagsfeier einzuladen. Er habe das gemacht, damit "die Faschos die Seite nicht bekommen", verteidigte er sich.

Vertrauen ist in der Internetgemeinde das A und O, und das zu StudiVZ hatte einen Knacks bekommen. Weitere Recherchen von Mitgliedern und Bloggern brachten neue Abgründe zu Tage: Eine StudiVZ-Diskussionsgruppe veranstaltete heimliche Miss-Wahlen im Netzwerk. Sie hatte einen Tauschring für die Daten von Studentinnen gebildet und die Frauen belästigt. Trotz Hinweisen schritt StudiVZ lange nicht ein.Solche Phänomene sind typisch für Internet-Plattformen, die schnell wachsen und von Newcomern betrieben werden. Inzwischen haben sich, auch typisch fürs Internet, Gegen-Plattformen entwickelt. Zum Beispiel "StudiWatch", eine Initiative von David Liebling in Tel Aviv, die besonders auf antisemitische Äußerungen im StudiVZ achtet. Mittlerweile haben sich die Gründer entschuldigt. Und trotz aller Probleme ist die Zahl der StudiVZ-Nutzer noch gestiegen. Viele Mitglieder kennen die Schwachstellen, wollen aber auf den Nutzen, den die Plattform bringt, nicht verzichten.

StudiVZ ist inzwischen auch im Ausland vertreten, in Italien (studiLN.it), Spanien (estudiLN.net), Frankreich (studiGQ.fr) und Polen (studentIX.pl). "Unser Traum ist es, ein gemeinsames europäisches Netzwerk zu schaffen", sagt Artope. Zum 2. Januar 2007 hat die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck sämtliche Anteile an StudiVZ übernommen - für geschätzte 85 Millionen Euro. Nicht schlecht für ein Unternehmen, das momentan noch gar kein Geld einbringt. "Klar soll StudiVZ irgendwann auch profitabel sein. Auf gar keinen Fall sollen jedoch unsere Nutzer Geld zahlen", betont Artope. Es sei daran gedacht, "Werbung auf den Seiten zu schalten, die die Interessen der Mitglieder trifft". Doch der Charakter des StudiVZ solle erhalten bleiben.

 

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