"Sind die Damen nun erotisiert?"
Ein Mensch, eine Gitarre, ein Mikro: Hamburgs erster Singer / Songwriter-Slam bringt gnadenlos ans Licht, wer singen kann und wer es lieber bleiben lassen sollte. Das Publikum aber hört beides gleichermaßen gern.
Arne R. hat im Vorfeld zwei Bierchen gezischt, um dem Erwartungsdruck des Abends standzuhalten. Gleich wird er auf der Bühne stehen und eine seiner Eigenkompositionen vorspielen - unplugged. Hamburgs erster Singer / Songwriter-Slam findet an ungewöhnlichem Ort statt - im Zeisekino -, und das sind die Spielregeln des Wettbewerbs: ein Mensch, eine Gitarre, ein Lied am Mikro. Dargeboten vor einem amüsierwilligen Publikum, das seine Zustimmung oder sein Mißfallen lautstark kundtun wird.
Die Erwartungen sind durchaus gemischt. "Wir setzen uns in die erste Reihe, da können wir wieder abhauen", sagt eine junge Besucherin zu ihrem Begleiter. "Zahlt ihr eigentlich die HVV-Karten?" ruft einer laut dazwischen. Aus den Kinolautsprechern tönt rauh "Solitary Man". "Johnny Cash, oh Scheiße", raunt einer der Teilnehmer ehrfurchtsvoll.
An den großen Meister wird an diesem Abend keiner heranreichen. Aber das eine oder andere Talent tritt durchaus aus dem Schatten, und sei es mit Entertainer-Qualitäten. Zwölf Musiker hat der Verein "Beyond Frames", der sich für Kultur in Europa einsetzt und die Idee zu dem Songcontest hatte, aus den 38 Bewerbungen herausgegriffen. So viele, daß der Slam noch fünfmal stattfinden wird. Die Veranstalter von Zeise Latenight sind optimistisch. Auch wenn zu Beginn der Sound nicht steht, die letzten Songtexte noch auf fragwürdige Inhalte gecheckt werden müssen und keiner so recht weiß, ob überhaupt alle Bewerber da sind.
Egal. Moderator Michel Abdollahi, ein schmales Bürschchen mit funkelnder Ironie im Blick, steigt schließlich auf die Bühne vor der großen Kinoleinwand und gibt den Einheizer. "Herrschaften! Das sind die Slamregeln: Ich werde füüüünff Personen aus dem Publikum auswählen, die die Künstler auf einer Skala von 0 für ,katastrophal' bis 10 für ,Wahnsinn, einfach nur Wahnsinn' bewerten werden; und die unparteiisch, kritisch, musikalisch und gewagt die Jury übernehmen!"
Freiwillige gibt es auf Anhieb genug, Michel entscheidet sich zügig: "Was qualifiziert Sie, mein Herr, für die Jury-Mitgliedschaft?" "Ääääääh. . ." "Gut, danke, das genügt!" ruft Michel und vergibt Wertungszettel an ihn, einen weiteren Herrn und drei Damen ("eine mit ungewaschenen Ohren, eine mit gewaschenen Ohren und eine aus Kiel, die keine Ahnung hat"). Jura-Student Michel Abdollahi ist selbst ein Meister des Wortes und in mehreren Poetry-Slams erprobt.
Eric Ahnfeldt wurde per Los dazu verdonnert, den Anfang zu machen. Sein Song dreht sich um ein heikles Thema. "Es geht um das Gefühl, auf einer Veranstaltung zu sein, von der man mehr erwartet hätte", sagt Eric, und dann spielt er seinen Britpop. "I wanna bring more rock'n'roll into my life." Das Publikum rockt noch nicht, die Jury vergibt Mittelwerte, die per Computer und Beamer umgehend auf der Kinoleinwand angezeigt werden. 25,1 Punkte für Eric. "Die Bewertung von Kunst ist nie gerecht", gibt Moderator Michel zum besten und mahnt: "Bitte keinen Schabernack treiben." Eric wischt sich diskret die Schweißtröpfchen von der Stirn.
Arne Sanden, ganz in Schwarz, hat die klassische Bob-Dylan-Ausstattung gewählt: Mundharmonika und Gitarre. "Ich habe ein Lied ausgesucht, wo ich den Text verdrehe", kündigt er an. Wie versprochen verhaut er eine Zeile seines Spottgesangs auf das Ende einer Liebe. "Das ist keine Zigarette danach, sondern nur die letzte, bevor du endlich gehst." Das Publikum johlt. 34,5 Punkte.
Eine gute Vorlage für Ruth Venediger, hüftlange Haare und auch sonst ein Männertraum. Sie pflegt ein romantischeres Bild von Beziehungen. Ihr Liebeslied in Joni-Mitchell-Manier ("Immer wenn ich dich sehe") beschert ihr die langstielige Rose eines Fans. Die Jury-Wertungen gehen jedoch weit auseinander. "So ist das mit der Kunst", findet Michel.
Biertrinker Arne R. versucht es bei seinem Auftritt mit einer lässigen Ansprache. "Kennt mich hier einer? Nö, nä?" Also nö. Beim Singen schreit er ein bißchen. "And you kill! And you die!! And you die for nothing!!" Arne arbeitet in einem Beruf, für den Hörschutz erforderlich ist.
Nach ihm kommt der stille Gunter. "Ich habe den Text erst vor zwei Tagen geschrieben", sagt er leise und legt ein Blatt vor sich auf den Stuhl. "Das Lied handelt von den Wünschen eines Mannes, die nicht erfüllt werden." Aus dem Publikum schallt ihm ein vielstimmiges "Ooooch" entgegen. Und dann singt Gunter. Vergißt seinen Text. Hebt neu an und vergißt ihn wieder.
So etwas kommt an, schließlich ist man bei einem Live-Slam. Gunter verabschiedet sich mit einem müden "Alles klar!" Das Publikum ist in Fahrt gekommen.
Ring frei für Gary Krosnoff. Der hat schon einen eigenen Fanclub mitgebracht. "Gary, Gary!" tönt es aus den Kinoreihen. Michel hatte ihn als "Gaahry" angekündigt, Gaahry wie Kasparov. Doch Gary Krosnoff kommt aus Vancouver, hat schon eine Band, die so heißt wie er, und ist auch sonst nicht schüchtern. Sein Song ist in Melbourne entstanden, man kommt ja herum, und die Leute sollen mitsingen. "Hey you! Yeah, yeah, yeah!" Gary grinst breit. "Nun", sagt Moderator Michel, "bin ich gespannt, ob die Damen erotisiert sind." Sind sie. 44,5 Punkte.
Nach der Pause spielt, außer Konkurrenz, Robin. Er ist Schüler am Christianeum, hat eine gute Stimme und als Leistungskurse Deutsch und Englisch. Michel nickt bedächtig: "Christianeum. Das ist gut. Denn: Erfolg hat der, der Wissen hat. Das stand auf iranischen Schulzeugnissen vor der islamischen Revolution. Jaaaa", sagt er gedehnt und blickt in die Reihen, "findige Zuschauer werden bereits gesehen haben, daß ich aus dem Orient stamme."
Kandidat Torben Stock ist jetzt mit seiner Zartheit vielleicht am falschen Ort. Er singt mit geschlossenen Augen über den Kummer nach der Liebe. "Herrschaften!" fordert Michel. "Fühlen Sie bitte den Samt auf den Sesseln!" 40 Punkte.
Weitaus schlimmer ergeht es Herrn Picard, der auf dicke Hose macht: "Das ist das erste Mal, seit ich 16 bin, daß ich nüchtern auf eine Bühne gehe." So was kommt nicht gut an. Ebensowenig Sängerin Jersey: zuviel Haut, zuviel kalkulierter Sexappeal. Schließlich sitzen drei Frauen in der Jury, und die sind nun mal gerecht.
Zum putzigen Anti-Helden des Abends bringt es Bernd Neuwerk. Bernd, Poscheitel und Behördenschick, sucht erst mal vergeblich nach der Stelle, wo der Stromstöpsel in seine Gitarre paßt. Das Mikro ist zu niedrig, der Stuhl zu tief, und das läßt sich auch nicht richten. Das Kichern in den Reihen unterbindet Bernd: "Aufmerksamkeit!" Und dann singt er mit schleppender Stimme etwas, was nach Johnny Cash klingen soll. "The year creeps slowly by, Loreena." Tremolo. Für einen Plattenvertrag reicht es nicht, aber für ein bißchen Fan-Gekreische: "Bernd ist süß!"
Den Gitarrengurt und die Bierflaschen für den Sieg hat Gary Krosnoff eingeheimst. Mit ihm gewinnt ausgerechnet ein Profimusiker. Jan-Oliver Lange von Zeise Latenight findet das in Ordnung: "Das hat ja das Publikum so entschieden." Krosnoff selbst wußte bis kurz vorher gar nicht, daß er auf einem Slam gelandet war - seine Freundin hatte ihn einfach angemeldet.
Nächster Singer / Songwriter-Slam im Zeise Latenight: Freitag, 23. Juni, Zeise-Kino 1, 22.30 Uhr, Eintritt: 5 Euro .



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