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Journal

Wer cool blufft, hat schon halb gewonnen

Pokerspieler sind keine krankhaften Zocker, die Haus und Hof verspielen. Gefragt sind Taktik, Psychologie und Menschenkenntnis. Das Journal sah den Spielern bei den Deutschen Meisterschaften ins Gesicht.

Keine Sorge, dem Mann geht es gut, sehr gut sogar. Auch wenn es ganz anders aussieht. Michael Keiner sitzt am Pokertisch, als verfolge er - mit einer satten Dosis Valium intus - die Wiederholung einer "Sandmännchen"-Staffel. Seit Minuten starrt er an die Wand gegenüber. Dabei lassen die beiden Spielkarten zwischen seinen Händen jedes Zockerherz höher schlagen: In Kombination mit den drei Bildern inmitten des grünen Filztisches ergibt sich ein Full House: drei Buben, zwei Achten. Beste Chancen mithin, den Berg bunter Jetons abzuräumen. 13. Deutsche Pokermeisterschaften im Casino Schenefeld; gut 100 000 Euro stehen auf dem Spiel.

Die meisten der 70 Mitstreiter machen auf absolut cool, schaffen das aber nur bedingt. Der Typ im grauen Rolli und dem Leinenjackett wippt nervös hin und her. "Drecksblatt oder Granate", murmelt ein Kiebitz. Die Dame daneben, Typ Sozialpädagogik-Studentin, blickt deprimiert. Blufft sie? So wie der junge Spieler mit dem üppig gegelten Haarschopf: Eine dunkle Sonnenbrille und rhythmisch mahlende Wangenknochen sollen sein Mienenspiel verdecken. Der kleine Kopfhörer führt zu einem iPod vor ihm auf dem Tisch. Der Mann lächelt konstant. Auch nicht schlecht.

Jetons türmen sich auf den Tischen, dezentes Gemurmel wabert durch den Raum. Dabei hält sich der maximale Verlust in dieser Adventsnacht in Grenzen: Mehr als 440 Euro Grundeinsatz plus ein paar hundert Euro Nachschub können selbst im Finale nicht in die Hölle des Zockerteufels wandern. Eine Menge Geld ist das; Haus und Hof indes können hier kaum verdaddelt werden. Ein Bild im Hintergrund zeigt Steve McQueen im legendären Pokerfilm "Cincinnati Kid". Da ging's tatsächlich um alles oder nichts.

Michael Keiner (46) hat seinen trance-artigen Zustand für einen Moment unterbrochen, um die Jetons einzukassieren. Das Full House hat mit links gereicht. So wie anno 1992, als der promovierte Schönheitschirurg aus Braunfels im Taunus am Rande eines Kalifornientrips in Las Vegas aus Spaß zum Pokerblatt griff - und mächtig gewann. "Das hat mein Leben verändert", sagt er während einer Spielpause. Ließen sich Chirurgie und nächtliche Pokerrunden anfangs noch vereinbaren, legte er 2001 das Skalpell aus der Hand: "Da habe ich mich entschieden, Pokerprofi zu werden." Über Gewinne schweigt der Gentleman, eines aber steht fest: Dr. Keiners Leben hat an Spannung und Einkommen gewonnen.

250 Tage im Jahr à zehn Stunden Kampf am Kartentisch stehen seitdem auf dem Programm - in aller Herren Länder. Von wegen Saufen und wechselnde Weiber! Nur mit Disziplin kann der Spielstress finanziell gekrönt werden. Für Keiner zum Beispiel mit 56 000 britischen Pfund bei der Europameisterschaft 1997 oder umgerechnet 80 000 Euro bei einem Turnier 1999. Neben einem Flugkapitän der Lufthansa, der aus verständlichen Gründen anonym bleiben will, und dem früheren Fußballprofi Andreas (Stuttgarter Kickers) zählt Michael Keiner seit Jahren zu den drei besten deutschen Pokerspielern. Von seiner Freundin toleriert, legt der Schönheitschirurg a.D. Wert auf ausreichend Schlaf, gesundes Essen und Abstinenz.

Schließlich wird auch in der Poker-Diaspora Deutschland die Luft zum Siegen dünner. "Pokern boomt jetzt auch bei uns", weiß Marcus Jost (39), einst Croupier in Travemünde und seit vier Jahren Betriebsleiter im Casino Schenefeld. "Beflügelt von einer neuen Generation Pokerspieler - jung, clever, ausgebufft." Auffallend viele Schachspieler sind darunter. Auch weil sich der Glücksfaktor auf Dauer durch Komponenten wie Kalkül, mathematische Logik, Menschenkenntnis, psychologisches Geschick, Taktik sowie das sprichwörtliche Pokerface beeinflussen läßt.

"Pokern ist ein Geschicklichkeitsspiel", meint Katja Thater (39). Nach einem Casinobesuch 1999 in Baden-Baden an der Seite ihres Mannes fing die Kauffrau aus Eppendorf Feuer. Die Lektüre einschlägiger Fachbücher, meist aus den USA, sowie Spielpraxis bei Turnieren und normalen Spielen ("Cash-Games") steigerten die Spielleidenschaft. "Lady Horror", so der von Respekt geprägte Spitzname der temperamentvollen Zockerlady, gewann 2001 ihr erstes großes Turnier in Las Vegas.

Rund 20 000 Euro stehen in diesem Jahr als Gewinn unter dem Strich; davon 8000 für einen zweiten Platz bei einem großen Turnier im Januar in Schenefeld. Wer sich in den Spielbanken Berlin, Bad Zwischenahn und Hamburg qualifizierte, durfte jetzt auch im Finale in Schenefeld an den Tisch. Eine Straße, beginnend mit der Herz 9, ein gutes, aber nicht das beste aller Blätter, brachte Katja Thater nach vorne. Auch weil sie so siegessicher guckte, daß andere mit besseren Karten vorsichtshalber paßten. Einen Royal Flush, die Mutter aller Pokerblätter, widerfährt selbst Profis nur alle paar Jubeljahre.

Diese Schoten werden in den Pausen zum Besten gegeben. Man kennt sich zumeist. "Beton-Willi", "Mörtel-Klaus", "Taifun" oder "Full-House- Gabi" zählen ebenso zu den Stammspielern wie Ahmet Koc (38) aus Berlin. Der selbständige Kaufmann, gewandet in feinen Zwirn, stärkt sich an einem Glas "Red Bull" Energiebrause und erzählt von seiner Meisterschaft vor vier Jahren in Bad Zwischenahn. 100 000 Euro brachte das - und den Ruf ausgeprägten Offensivgeistes.

Wer sich in diesem ganz besonders fingerfertigen Handwerk zu Großem berufen fühlt und nicht gerade knapp auf dem Konto ist, kann sich auf zur Poker-WM in Las Vegas machen. 5600 Zocker investierten im Sommer 2005 je 10 000 Euro, um mitzubieten. Am Ende bedankte sich der Australier Joseph Hachem - er verließ den Spieltisch mit 7,5 Millionen Dollar. Cash. So wie es sich in dieser Zunft geziemt.

Die Konkurrenz tröstete sich mit der Erkenntnis des legendären Nick "The Greek" Dandalosi: "Das Zweitbeste nach Spielen und Gewinnen ist Spielen und Verlieren."

Der Kreis der im Casino aktiven Hamburger Pokerspieler wird auf gut 300 geschätzt. Dazu kommen mehr als tausend Glücksritter, die online pokern. Von den deutschen Finanzämtern kritisch beäugt, wird steuerfrei gezockt. Unter www.partypoker.com sind weltweit neun Millionen Spieler angemeldet, davon 70 000 aus Deutschland, Tendenz steigend. Zu jeder Tages- und Nachtzeit sind im Internet mehr als 100 000 Pokerspieler präsent. Wer das Spiel lernen möchte (ohne Geld), wird unter www.pokerstrategy.de fündig. Diskussions- und Informationsforum unter www.50outs.com.

 

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