Wenn Doktor Neumann mit den Wölfen singt
Dirk Neumann begrüßt seine dressieten Wölfe bei der Show mit Handschlag. Aber sobald die Tiere keine Lust mehr haben, ist ihr Auftritt vorbei.
Blackie rührt sich als erster. Er legt den Kopf in den Nacken, öffnet den Rachen und schickt zunächst einen leisen, fast verschämten Ruf in den westfälischen Abend. Das da capo fällt wenig später schon etwas kräftiger aus, und jetzt stimmen nach und nach auch die Brüder mit ein: Schick und Bit, Micky, Mammut und Wum. Ein außergewöhnliches Hörspiel beginnt, das sich steigert bis in eine atemberaubende A-cappella-Kakophonie. Ein unglaublicher schaurig-schöner Chorgesang, der streckenweise wie irres Gelächter klingt und Gänsehaut erzeugt.
"Singen mit den Wölfen" heißt das wundervolle spätabendliche Tête-à-Tête im ostwestfälischen Tierpark Kalletal. Zweimal im Monat finden hier "Wolfsnächte" statt, und Hauptattraktion dabei ist "Dr. Neumanns Wolfsschule" - nach seinen eigenen Angaben die einzige Wolfsdressur, die es in Europa gibt.
Wölfe in der Gruppe zu trainieren scheint eine außerordentlich mühsame und langwierige Geschichte zu sein. "Wölfe sind von Natur aus sehr sensible, ja furchtsame Tiere, und deshalb ist es so unglaublich schwierig, mit ihnen zu kommunizieren und zusammenzuarbeiten", sagt Dirk Neumann. Ganz nebenbei räumt er mit dem Klischee der angriffslustigen Bösewichter auf. Für ihn sind Wölfe wirklich nette Gesellen, aber eben sehr kompliziert - wegen ihres naturbedingten Scheuverhaltens und ihrer Schreckhaftigkeit.
In der Dressur ist davon anfangs nichts zu bemerken. Als Neumann gegen 19.30 Uhr das Gatter öffnet, das ein komfortables Freigehege vom kreisrunden Dressur-Gitterkäfig trennt, stürmen die vier hellen und zwei schwarzen Wölfe scheinbar begeistert durch den Laufgang und toben durch die Manege. Mit kurzen Kommentaren und ruhigen Bewegungen bringt Neumann zunächst Ordnung in das Gewusel. Nebenbei stellt er den Zuschauern seine Zöglinge und deren Eigenheiten vor.
Neumann erzählt, daß er vor 20 Jahren seinen Job als Tierarzt aufgab, weil er "die Nase voll hatte von all den kranken und traurigen Hunden in der Praxis". Endlich konnte er seinen Kindheitstraum vom Leben mit Wölfen verwirklichen.
Er berichtet weiter, wie er die sechs Tiere, die alle aus einem Wurf stammen, 1995 als zehntägige Babys unter einer wärmenden Joppe aus dem Wildpark Hanau nach Kalletal brachte.
Und er erklärt - während er einige seiner Wölfe mit Handschlag begrüßt -, daß er, anders als bei einer klassischen Raubtierdressur, keineswegs der Chef im Ring sei und schon gar nicht der Leitwolf, "darüber würden sich die Wölfe auch totlachen". Er sei ein Freund der Wölfe, ihr Animateur, ihr Lehrer, ihr Kumpel, ihre Vertrauensperson. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
In der Wildnis sind die verschiedenen Veranlagungen und Talente im Rudel wichtig für das Überleben der Gruppe. Wie jeder gute Dresseur baut auch Dirk Neumann auf diesen Fähigkeiten jedes einzelnen Tieres auf: Schick und Bit können besonders gut balancieren und beweisen das ausgiebig auf dem roh behauenen, krummen "Schwebebalken". Mammut ist der Zahmste des Rudels und für fast alles zu begeistern; er läßt sich von Neumann nicht nur beschnuppern, er gibt sogar Küßchen. Blackie kann am höchsten springen und zeigt sich überhaupt als großartiger Akrobat, der zu Recht tosenden Applaus bekommt, als er als flauschige schwarze Bogenlampe über Dirk Neumanns Schulter in dessen Armen landet.
Doch urplötzlich ist Schluß mit lustig. Die Tiere laufen unruhig hin und her und reagieren nicht mehr auf Kommandos. Wum, der schwarze Leitwolf, zieht sich sogar in den Schutz des Laufgangs zurück und kreist dort nervös mit gespitzten Ohren. Neumann bemüht sich mehrere Minuten lang, wieder Ordnung in die Show zu bringen. Vergeblich: "Die Tiere haben dichtgemacht. Jetzt kann selbst ich sie nicht mehr erreichen", sagt er und bricht letztlich resigniert ab.
Irgendetwas habe sie gestört und verunsichert, vielleicht war es nur ein Motorengeräusch von der Straße, vielleicht auch plötzliches Hundegebell oder ein Jäger im nahen Wald. Auf jeden Fall hat es unfreiwillig seine These bestätigt, daß Wölfe stets ihre innere Freiheit behalten und daß man ihnen niemals einen Kadavergehorsam abverlangen kann wie etwa einem Hund.
15 000 Jahre ist es her, daß sich aus dem wilden Wolf der domestizierte Hund entwickelte. Während der Wolf das hochsensible Wildtier blieb, das nur wegen seiner Scheu und Anpassungsfähigkeit überleben konnte, wurde der Hund zum treuen Gefährten des Menschen. Ein wesentlicher Punkt dabei war die Verarmung der Merkwelt, erklärt Dirk Neumann: "Der Hund konnte die Gefahren und Überlebensstrategien beiseite legen. Ihm ist züchterisch abgewöhnt worden, sich nach Artgenossen zu sehnen. Dadurch stand der Mensch für ihn im Mittelpunkt."
So wurde aus dem einst scheuen Wolf, der in der Gruppe leben möchte, ein Einzeltier, das gar nicht mehr im Rudel leben kann und will, sondern einer, "der am Menschen klebt".
Bei aller äußeren Ähnlichkeit: in ihrem Wesen und ihrem Verhalten sind Wolf und Hund Lichtjahre voneinander entfernt. Der Umgang mit dem Wolf - so lernen wir ziemlich schnell und fasziniert - verlangt auch wesentlich mehr, als den meisten Menschen möglich ist: nämlich ein andersartiges Wesen zutiefst zu erfassen und es dabei doch in seiner ganzen Unabhängigkeit zu belassen und zu respektieren.
Daß Wölfe zum Beispiel grundsätzlich nicht auf Zwang reagieren, hätte Dirk Neumann vor vielen Jahren fast das Leben gekostet. Damals probierte es der noch relativ unerfahrene Trainer eine Weile mit allerlei leisem Druck, um schnellere Übungserfolge zu erreichen. Irgendwann fiel ihn dann eines Nachts ohne jede Vorwarnung sein erstes Rudel an. Wahrscheinlich, um einmal spielerisch zu testen, wie erauf Zwang reagiert.
Gerettet hat ihn damals nur seine schwere Lederjacke, in die sich die Tiere letztlich verbissen und von dem Schwerverletzten abließen. Eine äußerst schmerzhafte Lektion, die der Wolfsexperte nie vergessen hat. Trotz aller Nähe - sogar der Wolfsliebhaber Neumann muß unüberschreitbare Grenzen akzeptieren.
"Man kann den Wolf zähmen, man kann ihn an den Menschen gewöhnen, aber es wird niemals eine Seelenverwandtschaft entstehen wie beim Hund", sagt Neumann. "Ob Wölfe von A nach B gehen oder von B nach A, das bestimmen sie selbst. Ich kann nur an sie appellieren und auf vernünftiger Basis mit ihnen verhandeln. Das bedeutet Distanz und vor allem Leckerchen."
Sei es bei der Dressur oder auch bei der längeren Beobachtung der Wölfe in ihrem naturnahen Freigehege - stundenlang kommt kein Laut über ihre Lefzen. Eine bemerkenswerte Stille lastet über dem Areal, wenn man daran denkt, welchen Radau etwa Hunde veranstalten. Noch ein Beweis, daß Wölfe anders ticken; in der Wildnis könnten Geräusche gefährlich, ja sogar tödlich sein.
Nur zum Schluß, kurz vor dem "Gesang", ändert sich das. Es geht ans Fressen, Dirk Neumann wirft ein gewaltiges Stück Pferderippe über den Zaun. Laut knurrend stürzt sich das ganze Rudel auf den Fleischbrocken. Sechs Wölfe ziehen und zerren wie verrückt.
Zum ersten und einzigen Mal erleben wir eine Situation, die dem Klischeebild vom bösen Wolf nahe kommt. "Alles Quatsch", befreit uns Neumann lächelnd von diesem Irrglauben, "was Sie hier sehen, ist das über Jahrtausende geprägte Verhalten eines wilden Tieres. Und übrigens sehr sozial. Denn beim Fressen ist sogar die Rangordnung aufgehoben."



Branchenbuch Hamburg
100. Geburtstag
Axel Springer






Abendblatt auf Facebook

Das Rätsel des Tages



