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Journal

Auf dem Rad durch Wald und Heide

Die Lüneburger Heide ist zu allen Jahres- zeiten, gerade auch im Sommer, ein Naturerlebnis - und ein Paradies für Radfahrer. Wir haben eine besonders schöne Heide-Tour für Sie getestet.

Ingo Aulebach wirkt unglaublich entspannt, wie einer, der im Einklang mit sich und der Natur ist. Zünftig gekleidet mit Lederhut, Weste und Lederhose stützt sich der 35jährige lässig auf seinen langen Stab und verfolgt das gemächliche Treiben seiner Heidschnuckenherde. Neun Jahre lang ist Ingo Aulebach als Wanderschäfer durch Deutschland gezogen. Er war in Bayern, Württemberg und in Vorpommern, doch am schönsten findet er es hier, in der Lüneburger Heide. "Wenn die Heide duftet, die Bienen summen und ich die Stille der Steppe genießen kann, dann möchte ich an keinem anderen Ort der Welt sein", sagt der Schäfer fast philosophisch.

Wir sind Ingo Aulebach auf unserer 26 Kilometer langen Radtour durch das Naturschutzgebiet begegnet, als er ein kleines Pläuschchen mit einem Besucher hielt. Auskunft geben, das gehört - neben der Pflege seiner Tiere - offensichtlich auch zum Job des Heideschäfers.

Da die Heide erst im August blüht, sind die Touristen noch nicht so zahlreich in diesem Gebiet, und so haben wir die sanft hügelige Landschaft fast für uns alleine. Wir sind in Bispingen gestartet, begleitet von Harry Binner (71), einem kernigen, pflanzen- und geschichtskundigen Gästeführer, der jeden Dienstag Radtouren durch die Lüneburger Heide anbietet. Vorbei an Rinderweiden ging es nach Borstel, wo wir hinter der "Lönsklause" rechts in den Wald eingebogen sind und eine kleine Steigung gemeistert haben - mit kurzer Unterbrechung an einem Hügelgrab aus der älteren Bronzezeit (1600 vor Christus), das rechts am Wegesrand liegt.

Die nächste Station war Hörpel, ein kleines Dorf am Rande der Heide. Ein kurzer Blick auf die restaurierte Hofstelle mit altem Backhaus und einer 400 Jahre seltenen Zehntscheune lohnt sich. "Sie erinnert an die Abhängigkeit der Bauern von den Großgrundherren. Die Bauern mußten ein Zehntel ihrer Ernte abgeben, und die wurde hier gelagert", sagte Harry Binner, bevor er uns über die A 7 nach Döhle direkt ins Naturschutzgebiet Lüneburger Heide führte.

Die 5000 Jahre alte Kulturlandschaft - heute eines der ältesten Naturschutzgebiete Deutschlands - haben Bauern durch Beweidung und Rodung von einer Wald- und Moorgegend zu einer Heidelandschaft umgewandelt und dann jahrhundertelang landwirtschaftlich genutzt. Die Heideflächen wurden beweidet und "geplaggt", also die Pflanzendecke und Humusschicht abgeschlagen und als Einstreu in die Schnuckenställe gebracht, um später als natürlicher Dünger auf den Ackern zu landen. Die mühselige Arbeit des Plaggens übernimmt inzwischen der Verein Naturschutzpark (VNP), dem 8200 Hektar des insgesamt 25 000 Hektar großen Gebiets gehört.

"Wenn wir die Heide der Natur überlassen würden, wäre sie innerhalb von drei Jahrzehnten durch den Anflug von Birken und Kiefern verwaldet und von Gras überwuchert", sagt Harry Binner und schaut mit kummervoller Miene auf die altrosa blühende Drahtschmiele, ein hochwachsendes Gras, das derzeit die Wiesen des Naturschutzparks farblich dominiert.

Wir sind inzwischen auf dem Pastor-Bode-Weg in Richtung Wilsede durch saftige Wiesen und Auen, vorbei an Wachholdersträuchern und knorrigen Kiefern gefahren und kurz vor dem Dorf auf den Schäfer Ingo Aulebach gestoßen, der die für diese Gegend so berühmten Heidschnucken hütet.

Diese zierlichen, gehörnten, grauen Schafe halten unerwünschte Baum-Sämlinge und Gräser kurz und bringen die Heidepflanzen durch Verbiß zum starken Austreiben und Blühen. Insgesamt gibt es acht Herden im Naturschutzgebiet, sechs davon unterhält der VNP. Ingo Aulebach ist froh, daß er mit 500 Mutterschafen und Lämmern nur eine "kleine" Herde hütet: "Schnucken sind zickige, sture Mäkelpötte, die am liebsten nur ganz feine Kräuter zupfen - deswegen ist ihr Fleisch ja so gut."

Davon können wir uns im Gasthof "Zum Heidemuseum" im malerischen Heidedorf Wilsede überzeugen. Der Wirt Rolf Krug bietet auf seiner Terrasse frische Heidschnuckenspezialitäten an. Sehr zu empfehlen ist die kleine Heidschnuckenpfanne mit frischen Pfifferlingen und Bohnen. Wer nur zum Kaffee und Kuchen vorbeikommt, sollte die heidetypische Buchweizentorte (2,20 Euro das Stück) probieren. Bei einem Regenguß sitzt man auch sehr gemütlich in den kleinen, original belassenen Heidestuben.

"Man kann sich gut vorstellen, daß der Pastor Wilhelm Bode hier ein Bierchen getrunken hat", sagt Harry Binner und erwähnt diesen Geistlichen bestimmt zum zehnten Mal am Tag. Aber schließlich hat der engagierte Pastor (1860- 1827) auch mit seinen flammenden Kanzel-Reden und das Sammeln von Privatspenden aktiv zur Erhaltung der Lüneburger Heide beigetragen. Reiche Hamburger wollten das brach liegende Heideland nämlich Anfang des 19. Jahrhunderts mit Wochenendhäuschen bebauen. Doch durch den Druck des Pastors und des neugegründeten Vereins Naturpark stellte die preußische Regierung 1922 das Gebiet per Gesetz unter Naturschutz.

In dem 700 Jahre alten Wilsede mit seinen hübschen Reetdachhäuschen und Scheunen lohnt sich ein Besuch des Heidemuseums "Dat ole Huus", eines der ersten Freilichtmuseen Deutschlands. In dem rußgeschwärzten, voll eingerichteten Bauernhaus können Besucher das Leben der Heidebauern aus der Zeit um 1850 nachvollziehen. Besonders ungewöhnlich muten dabei die Butzen an, winzige Schlafschränke, in denen die Bauern nur halb im Sitzen ruhen konnten.

Doch der ehemalige Feldwebel Binner drängt zum Aufbruch. Er will uns noch den Wilseder Berg zeigen, mit 169 Metern die höchste Erhebung der Gegend. Von dort bietet sich eine grandiose Aussicht über die Haverbeck-Ebene mit seinem endlosen Meer aus Drahtschmiele, Heidesträuchern und Wacholder.

Zum Glück schlängelt sich die giftige Kreuzotter erst über den Wegesrand, als wir schon wieder auf dem Fahrrad sitzen und in Richtung Totengrund fahren. Der schöne Talkessel gilt als Wiege des Naturschutzes; bereits 1906 wurde er unter Schutz gestellt. Dahinter steckte natürlich wieder jener Heidepastor Bode, der das Land mit Hilfe eines Juraprofessors erwarb.

Dem weißen Kreuz folgend fahren wir quer durch den Wald über Behringen zurück nach Bispingen. Harry Binner kann nicht umhin und muß uns auch noch die 650 Jahre alte niedliche Feldsteinkirche des Ortes zeigen. Klar, daß er zusätzlich auch noch Kirchenführungen anbietet.

Informationen: Tourist-Information Bispingen. Telefon: 05194/19433. www.bispingen.de

 

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