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Journal

Die Gestrandeten im "Hotel der Ratlosen"

Irak: Ein Mann sucht seine Frau - und stößt auf einen seltsamen Ort mit vielen bitteren Lebensgeschichten.

Nach dem zweiten Golfkrieg kehrt Najem von der Front in Kuwait in den Irak zurück - müde, orientierungslos, aber immer noch mit der Sehnsucht, "am Weltspektakel" wenigstens ein bisschen teilzuhaben. Zwischen dem ersten (ab 1980) und dem zweiten Golfkrieg (1991) war es ihm und seiner Frau Wadschiha gar nicht schlecht gegangen: Sie arbeitete als staatliche Dolmetscherin, er für eine amtliche Zeitung, so amtlich, wie es unter Saddam Husseins Herrschaft eben war. Aber Wadschiha hat ihrem Mann in einer seelischen Krise nach mehreren Fehlgeburten gestanden, dass sie Offizierin des Geheimdienstes sei. Seither ist sie verschwunden.

Zusammen mit der Nachbarin Ma'ali, deren Mann angeblich mit Wadschiha in die Stadt Tell al-Lahm geflüchtet ist, macht sich Najem auf die Suche. Es ist eine fast endzeitlich anmutende Reise, auf die der irakische Autor Najem Wali seinen Ich-Erzähler und den Leser schickt. Im "Hotel der Ratlosen" in Tell al-Lahm - nicht zufällig angesiedelt nahe der antiken Stadt Ur, der Wiege der "Kulturnationen", - stößt Najem auf Zyniker, Lügner und Gestrandete, die von merkwürdigen Lebensfiktionen erzählen: wie die Menschen in diesem Land, in dem "Krieg schon zur Verfassung gehört", ständig ihren Alltag, ihre privaten Beziehungen, ihre Identität umdeklarieren mussten. Jeder hat sich freiwillig oder unfreiwillig im Netz des Opportunismus verfangen und schuldig gemacht.

Najem Wali, geboren 1956, lebt seit Jahren im Exil. In seinem Roman, der 2001 auf Arabisch in Beirut und 2004 in deutscher Übersetzung erschien, schildert er die bittere Bilanz der jüngeren irakischen Geschichte, vor allem für die Frauen: Viele hatten schon an Bildung und Aufgeklärtheit teil, aber ihr Leben wird vergiftet und vergewaltigt von der allgegenwärtigen Soldateska, die sich von den osteuropäischen Regimes viel abguckte. Ein starkes, bilderreiches Buch, eine Traumreise durch Erfahrungen, die Albträume sind.

Najem Wali: Die Reise nach Tell al-Lahm. Aus dem Arab. von Imke Ahlf-Wien, Carl Hanser, 319 S.; 21,50 Euro.Irene Jung

 

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