Warum Herr Pickbrenner immer barfuß geht
Ob Sies glauben oder nicht: In Hamburg gibt es einen Beamten, der immer barfuß geht, sogar im Winter. Auch Sie sind diesem Individualisten der Straße vielleicht schon begegnet. Und wenn nicht, lesen Sie hier, warum er seine Schuhe ad acta gelegt hat.
Er ist in Hamburg eine Ausnahmeerscheinung, die Sommergefühle hervorkitzelt - zu jeder Jahreszeit: 1,90 Meter, Rucksack, Ohrring. Oben Glatze, unten Schuhgröße 47/48. Aber die ist von Null Bedeutung, denn Heino Pickbrenner, einst Standesbeamter, jetzt Computerexperte in der Finanzbehörde, braucht keine Schuhe. Er geht barfuß.
Überall: zu Hause, im Auto, auf der Straße, in der Behörde, beim Eminem-Konzert; Sommer und Winter. Wenn Sie oft in der Innenstadt unterwegs sind, haben Sie ihn garantiert schon getroffen. Sein besonderes Kennzeichen, die bloßen Füße mit Tätowierungen (links eine verblichene Schwalbe, rechts ein paar Blumen in schon müden Farben) haben Sie vermutlich gar nicht bemerkt. Denn er trägt sie so natürlich zur Schau, als wäre es das Üblichste von der Welt, Schuhe einfach links liegen zu lassen.
"Ich hatte es früher schon einen Sommer lang versucht", sagt der vierfache Vater. Ohnehin waren ihm und seinen Füßen Schuhe seit jeher unangenehm: zu eng, zu unbequem. Irgendwann, so vor drei Jahren, ging Pickbrenner dann zum konsequenten und durchgängigen Barfußlaufen über.
Seitdem herrscht Ruhe. Schluss mit dem dauernden Schnupfen, Ruhe von den ewig wiederkehrenden Kopfschmerzen. "Früher war ich abonniert auf Erkältungen, und im Büro wussten alle: Der hat immer Kopfschmerztabletten im Schreibtisch. Aus, vorbei. Nichts mehr. Anflüge von Erkältungen verschwinden nach zwei, drei Tagen von selber, die Tabletten werden nur noch von Kollegen genommen. Und neulich auf der Cebit musste er - im Gegensatz zu seinen beschuhten Begleitern - nicht mal über Ermüdung klagen. Klar, am Anfang gabs Umstellungserscheinungen: leichter Muskelkater in den Waden und unterm Fuß. Aber das legte sich bald. "Barfußlaufen ist kein Zaubermittel, aber es bringt was": nie mehr Fußpilz, nie mehr Fußgeruch.
"Ich habe gemerkt, dass ich ohne Schuhe mehr den Fußballen belaste", sagt Pickbrenner. "Mit Schuhen geht man mehr auf dem Hacken. Jeder kann das ausprobieren: mit Schuhen gehen, Ohren zuhalten und auf die Geräusche im Kopf hören. Dann dasselbe ohne Schuhe, dabei bewusst auf dem Ballen gehen: Man hört nur noch einen Bruchteil der Geräusche. Die ganze Wirbelsäule wird anders belastet. Vielleicht geht es mir deshalb jetzt so viel besser."
Ganz abgesehen von der Vielfalt der Gefühle, die den überschwemmen, der auf Schuhe verzichtet. "Das Gehen", sagt Pickbrenner, "ist wieder zum sinnlichen Erlebnis geworden. Ich hatte plötzlich ein ganz neues Kaleiodoskop an Sinneseindrücken."
So hat er erfahren, was braven Schuhträgern verborgen bleibt: Versiegelte Flächen sind kälter als natürlicher Boden. Teer kann etwas wärmer sein, besonders wenn die Sonne drauf scheint. Steinplatten sind hart, werden aber bei Sonne angenehmer. Sand, Rasen und alles, was natürlich ist, fühlt sich gut an. "Am schönsten", sagt der Barfußläufer, "finde ich Waldboden: Er passt sich an, ist warm, weich und nachgiebig."
Ein unkonventioneller Vater. Machen seine Kinder das Barfußlaufen nach? Pickbrenner schüttelt freundlich, ganz ohne Sendungsbewusstsein den Kopf: "Weiß ich nicht, ich beobachte das nicht so, ich mach auch keinen Kult draus. Könnte sein, dass der Älteste sich nach der Schule mal die Schuhe ausgezogen hat und ohne nach Hause gelaufen ist . . ."
Die barfüßigen Tatsachen zur Masche zu machen ist nicht seine Sache. Für ihn gehört das zum Alltag. "Ich habe keine religiösen, keine weltanschaulichen, sexuellen oder politischen Motive", sagt er. "Ich mach das einfach nur zum Spaß, mit dem Nebeneffekt einer besseren Gesundheit."
Aufzufallen ist ihm eher unangenehm. Fotos machen? Naja, muss wohl sein für so einen Artikel. Die meisten Leute in der Schlange vor der Eisbude bemerken das fehlende kleine Detail am unteren Ende des imposanten Rucksack-Mannes gar nicht. Nur als er es sich am Alsteranleger Jungfernstieg auf den Steinen bequem macht und seine Füße in die warmen Sonnenstrahlen hält, kommt ein kleiner Junge neugierig näher, keine zwei Jahre alt und darum bodennah genug, um solche Feinheiten zu entdecken. Lange hält sein Interesse nicht: "Füße hat doch jeder!"
Und schon ist Pickbrenner wieder unterwegs, zum Alsterpavillon. Keiner wundert sich, alle recken ja die Gesichter in die Sonne. Erst einmal in seiner ganzen Barfuß-Karriere ist Pickbrenner gebeten worden, Schuhe anzuziehen, im Restaurant. Das war auf einem Schiff, und leider konnte Pickbrenner nicht mit Schuhen dienen. "Sonst gabs nie Probleme", sagt er, "Hier in Hamburg schon gar nicht."
Nur in drei Ausnahmesituationen zwängt er seine Füße in Schuhe: "Im Theater, auf dem Motorrad und wenn man mit Anzug oder Sakko erscheinen muss. Das sieht ohne Schuhe einfach nicht aus." Zur Not zieht er sich auch beim Rodeln noch Gummistiefel an. Ansonsten gilt: "Ich bringe mich gar nicht erst in Situationen, in denen ich Schuhe tragen müsste." Inzwischen ist ihm eine so dicke Hornhaut gewachsen, dass ihn nicht viel erschüttern kann: "Sogar bei Schnee kann ich es gut eine Stunde aushalten, vorausgesetzt, ich bewege mich. Außerdem kommt es darauf an, wie man gerade körperlich drauf ist und ob es nasser oder trockener Schnee ist."
Bleibt nur noch der Ekelfaktor. Hintreten, wo andere hinspucken? Wo Hunde sich erleichtern, wo jeder den Dreck seiner Schuhe ablädt? "Diese Gefühle hat man schnell im Griff, ich trete ja nirgends rein", meint er. "Da hab ich viel mehr Probleme mit Türklinken." Tatsächlich seien Fußverletzungen sehr selten. "Man wird aufmerksamer, guckt weiträumiger auf den Untergrund und scannt quasi alles ab." Glasscherben, Hundekot, Kaugummi hat er bisher mit ziemlich gutem Erfolg vermieden. 2003, da hatte er erstmals Pech: Ein Draht bohrte sich in seinen Fuß. Da half dann eine stinknormale Tetanusimpfung.
Was solls? Risiko lauert überall. Und Barfußlaufen ist vergleichsweise billig und praktisch: nie mehr neue Schuhe und abends zwei Minuten lang kräftig die Fußsohlen bürsten, ein bisschen Niveacreme drüber, dann sind die Füße wieder wie neu und Heino Pickbrenner voll zufrieden. Ob das der gemeine Schuhträger üblicherweise von sich sagen kann? Im Prinzip, meint er, habe das Barfußleben nur Vorteile: "Ich behaupte, wenn 100 Fußgesunde es mal ein paar Wochen ausprobierten, würden 20 dabei bleiben."



Branchenbuch Hamburg
Schatzbüdel

100. Geburtstag
Axel Springer




Abendblatt auf Facebook

Das Rätsel des Tages



