Fußstapfen
Turnerin werden? Ach Quatsch. Warum sollst du nicht Kapitänin werden können? 3. Preis Klasse 7/8
Im Jahre 845 nach Christus wurde die Hammaburg zum ersten Mal von dänischen Wikingern zerstört. Ein Großteil ihrer Bewohner starb . . . Ich schlug das Buch zu. Ach, hier im Garten, direkt am Strand der Elbe, war sogar Geschichte langweilig. Ich lehnte mich mit dem Rücken an die warme Backsteinmauer hinter mir. Morgen würde mein Vater, der Kapitän der Venezia, einem Kreuzfahrtschiff, das oft nach Indien fuhr, zurückkommen. Dann hatte er Ferien.
"Küken!" Das war mein Bruder. Er nannte mich immer Küken, wenn er gut gelaunt war oder wenn er mich ärgern wollte. Ich schlug schnell wieder mein Geschichtsbuch auf und tat so, als wäre ich ganz vertieft in meine Arbeit. "Küken!", mein Bruder stand neben mir. "Ich schlafe heute mit ein paar Freunden am Strand. Papa kommt doch morgen früh um fünf Uhr. Vier Matrosen haben während der Fahrt Grippe bekommen und können nicht mehr arbeiten. Wir wollen Papa ein bisschen helfen. Du weißt ja, wie viel Arbeit es jedes Mal gibt, wenn Papa zurückkommt, nach so einer langen Fahrt."
"Hhmmmm!", ich senkte den Kopf, sah ihn nicht an, denn er sollte nicht merken, wie neidisch ich war. Warum nahm er mich nicht mit? Warum seine Freunde? "Außerdem will Papa mir schon mal ein paar Sachen zeigen, die man wissen muss, wenn man Kapitän werden will!" Jetzt sah ich doch hoch. Seine blauen Augen strahlten mich so unternehmungslustig an, dass ich ihm schon gar nicht mehr böse sein konnte. "Schaff du doch erst mal dein Abitur!", brummte ich. "Ach, Küken, sei doch nicht so grimmig!", lachte mein Bruder. "Du bist doch bloß eifersüchtig, dass du nicht auch Kapitänin werden kannst. Tja, wenn man in Turnen so begabt ist wie du, dann endet man wohl oder übel auf dem Schwebebalken!" Wütend senkte ich den Kopf. "Hau doch ab!" "Ja, ja, bin schon weg!", mein Bruder gab mir einen Klaps auf die Schulter. "Wir sehen uns dann morgen auf der Venezia!"
Er lief pfeifend ins Haus. Diese Gespräche, die immer nur vom Erwachsenwerden, Studieren oder Arbeiten handelten, konnte ich nicht mehr hören. Immer nur das Gleiche! Ich schüttelte missmutig den Kopf und las wieder weiter in meinem Geschichtsbuch. In dieser Zeit wurden die Mädchen meistens schon mit dreizehn oder vierzehn Jahren verheiratet, das Heiratsalter der Männer war etwa achtzehn . . .
Ich stöhnte auf. Auch in der Hammaburg haben die Leute an nichts anderes gedacht als ans Heiraten und Ausziehen von zu Hause! Jetzt hatte ich genug. Ich legte mein Geschichtsbuch neben mich auf die Bank unserer Terrasse, lief durch den Garten, kletterte über die kleine Mauer und war schon am Strand der Elbe angekommen. "Du musst doch noch deinen Deutschaufsatz schreiben!", rief mir meine Mutter hinterher. "Jaja!", schrie ich zurück. Ich wollte jetzt wirklich nicht an diesen Aufsatz denken! Langsam schlenderte ich mit den Händen in den Taschen am Strand entlang, in Richtung Hafen. Gar nicht weit von mir schaukelte ein Polizeiboot auf der Elbe. Ein paar Möwen flatterten kreischend um das Boot herum. Ich ging weiter, bis ich den Hafen erreicht hatte. Hier an dieser Stelle würde morgen die Venezia liegen! Ich setzte mich auf einen Poller, an dem das Schiff vertäut werden würde. Ein paar Möwen flogen kreischend über der Elbe herum.
Warum bist du so eifersüchtig?, fragte ich mich. Lass deinen Bruder doch machen, was er will! Du hast doch immer noch Mama, Papa und Dina, den Hund! Und die werden doch immer bei dir bleiben, nichts wird sich daran ändern! Ein Lotse tuckerte vorbei. Er fuhr so nah am Ufer, dass die Wellen, die er machte, an die Kaimauer klatschten. Ich stützte den Kopf in die Hände und dachte nach. "Wenn man im Turnen so begabt ist wie du, dann endet man wohl oder übel auf dem Schwebebalken." Die Worte meines Bruders fielen mir wieder ein. Was würde denn wirklich einmal aus mir werden? Würde ich wirklich einmal turnen? Als Beruf? "Ach Quatsch!", meinte eine Stimme in meinem Kopf. Nur weil du einen Handstandüberschlag kannst, heißt das noch lange nicht, dass du nicht Kapitänin werden kannst!
Der Deutschaufsatz fiel mir wieder ein. Ich hatte noch gar keine Idee, was ich schreiben sollte! Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Eine komische Überschrift! "Das ganze Leben ist wie ein Fluss, wisst ihr! Ich lasse euch eure ganze Freiheit für diesen Aufsatz, denkt an diese tolle Stadt, in der wir leben, denkt an euch, an eure Vergangenheit, eure Zukunft, an die schönen oder schrecklichen Veränderungen in eurem Leben . . ." Die Worte der Lehrerin klangen in meinem Kopf wieder . . .
Fortsetzung im Internet: www.zeit-stiftung.de/schreibmal
Mia-Maria Fischer (13), Kl. 7, Christianeum, schreibt seit der vierten Klasse. Traumberuf: Kinderbuchautorin, weitere Hobbys: Geige und Saxophon.



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