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Journal

Aus dem Leben eines alten Schweden

. . . Die Eismassen umschlossen mich und nahmen mich mit auf ihrem Weg über die Ostsee und weiter nach Süden . . . 2. Preis Klasse 7/8

Zuerst einmal möchte ich mich vorstellen. Ich bin ein Findling. Genauer gesagt, der Findling, der zwischen Oevelgönne und Teufelsbrück am Elbstrand liegt. Mein Name ist "Alter Schwede". Auf diesen Namen wurde ich am 6. Juni 2000 getauft, weil ich schon sehr alt bin und aus Schweden komme. Taucher hatten mich am 15. September 1999 auf dem Grund der Elbe entdeckt. Als sie feststellten, wie groß ich wirklich war, wurde beschlossen, dass ich so schnell wie möglich gehoben werden sollte, denn ich lag an einer Stelle im Fluss, die vertieft werden musste, damit die riesigen Containerschiffe ohne Probleme den Hamburger Hafen erreichen können.

Und ich hätte ein Problem werden können. Deshalb versuchten sie Mitte Oktober das erste Mal, mich zu bergen, aber ich rutsche ab und fiel wieder ins Wasser zurück. Bei dem zweiten Bergungsversuch am 23. Oktober 1999 rutschte ich nicht ab, und es gelang, mich am Strand abzusetzen. Jetzt konnte man meine wahre Größe erkennen. Mit 80 Kubikmetern bin ich der siebtgrößte Findling in Norddeutschland. Die Menschen am Ufer waren überrascht von mir und meiner Größe, und ich war auch erstaunt, wie sehr sich meine Umgebung verändert hatte, seitdem ich die Landoberfläche vor vielen tausend Jahren das letzte Mal richtig gesehen habe.

Aber ich erzähle lieber von Anfang an. "Geboren" wurde ich vor ca. 1,7-1,8 Millionen Jahren in Ostsmåland in Schweden. Eines Tages wurde es in meiner Heimat immer kälter, und große, dicke Eismassen kamen von Norden her. Sie umschlossen mich und nahmen mich mit auf ihrem Weg über die Ostsee und weiter nach Süden. Als das Eis nicht mehr weiter wanderte, befand ich mich in einer völlig fremden Umgebung.

Dann schmolzen die Eismassen, und ich versank in einem durch das Schmelzwasser entstandenen Flussbett. Mit der Zeit wuchsen Gräser und Pflanzen an den Ufern, und erste Tiere kamen, um am Fluss zu trinken und zu fressen. Im Wasser schwammen Fische um mich herum, und am Ufer grasten Mammuts und Rentiere. Später kamen dann die ersten Menschen an den Fluss. Zuerst kamen sie nur, um Fische zu fangen und Mammuts und Rentiere zu jagen. Danach ließen sie sich auch für einige Zeit an den Ufern nieder, um mit anderen Handel zu treiben. Und irgendwann blieben die Menschen ganz hier. Von da an war mein Leben nicht mehr so langweilig, denn zu dieser Zeit tauchten an der Wasseroberfläche immer öfter Schatten auf, die sich schnell auf dem Wasser bewegten. Ich bemerkte bald, dass die Menschen etwas gebaut hatten, mit dem es ihnen möglich war, sich auf dem Wasser fortzubewegen. Sie nannten es ein Boot.

So vergingen die Jahre, und die Schatten über mir wurden größer und größer. Aus den Booten wurden Segelschiffe und Koggen, die mit ihren dicken Rümpfen über das Wasser glitten und viele Waren transportierten. Alles war friedlich hier auf dem Grund des Flusses, und meine Ruhe wurde nur ganz selten durch riesige Wale gestört, die sich in den Fluss verirrt hatten.

Aber auf einmal war es vorbei mit meiner Ruhe, denn es fuhren immer mehr Schiffe auf dem Fluss, und einige von ihnen hatten drehende Schrauben und keine Segel mehr, um sich fortzubewegen. Außerdem wurde der Himmel über ihnen ganz dunkel, weil Rauch aufstieg. Diese neuen Schiffe sahen völlig anders aus und waren größer und schneller als alle anderen, die ich bisher gesehen hatte. Und sie transportierten nur viele Menschen, keine Waren. Manchmal bekam ich Angst, weil ich befürchtete, dass mich eine ihrer großen Schiffsschrauben berühren könnte.

Aber die schlimmste Zeit, die ich je erlebt habe, sollte erst noch kommen. Nach meinem Zeitgefühl ist es noch gar nicht so lange her, als plötzlich etwas unter Wasser an mir vorbei schwamm, was ich vorher noch nie gesehen hatte. Zuerst dachte ich, es sei wieder ein riesiger Wal. Aber dieses Etwas war viel größer, und eine Schwanzflosse fehlte auch. Sein Körper war scheinbar aus Metall, und schwimmen konnte es mit Hilfe einer Schraube wie die großen Schiffe.

Ich bekam ein ungutes Gefühl, und ich fragte mich, was wohl noch alles passieren würde. Bald wusste ich es, denn ich hörte laute, heulende Geräusche, die sogar bis zu mir unter Wasser vordrangen, und kurze Zeit später fielen viele längliche Gegenstände ins Wasser. Einige zerplatzten an der Wasseroberfläche, andere trafen Schiffe, und manche hätten auch mich fast getroffen, aber sie schlugen nur neben mir auf. Die Druckwellen, die so entstanden, bewegten mich auf dem Sandboden ein Stückchen weiter. Nachdem es wieder ruhiger geworden war, lagen viele kaputte Schiffe auf dem Grund des Flusses, und es dauerte einige Zeit, bis sie wieder entfernt waren. Allerdings war mein Leben seitdem nicht mehr so schön wie vorher. Zuerst stieg ein paar Jahre später der Wasserspiegel immer höher und höher, so dass ich das südliche Ufer überhaupt nicht mehr sehen konnte, und ich befürchtete, von der plötzlich starken Strömung mitgerissen zu werden.

Zum Glück war es schon nach wenigen Tagen wieder vorbei, und der Fluss hatte wieder seine alte Breite. Allerdings wurde sein Wasser immer trüber, und ich konnte kaum noch die Wasseroberfläche sehen. Die Fische im Fluss wurden krank, und viele von ihnen starben. Als dann auch noch mit komischen Geräten begonnen wurde, den Boden, auf dem ich seit Jahrtausenden ruhte, wegzugraben, hatte ich Angst um mein Leben und davor, wie mein weiteres Schicksal aussehen würde.

Bis zu jenem Septembertag, an dem ich entdeckt wurde. Danach änderte sich mein Leben schlagartig. Heute liege ich am Strand und bin glücklich darüber, wie alles gekommen ist. Endlich kann ich wieder das Land sehen, von dem aus ich vor Tausenden von Jahren in den Fluss versank. Und auch die Schiffe, von denen ich nur die Schatten über mir erkennen konnte, sind für mich jetzt in ihren ganzen Ausmaßen sichtbar. Ich freue mich auch über die zahlreichen Spaziergänger, die stehen bleiben und mich und meine Größe bestaunen. Jetzt bekomme ich so viel Aufmerksamkeit, und ich merke, wie einsam ich doch oft auf dem Grund des Flusses war. Am Wanderweg haben sie ein Schild aufgestellt, auf dem vieles über mich steht, und weil die Menschen es öfter vorgelesen haben, erfuhr ich endlich auch, wie der Fluss heißt, in dem ich diese lange Zeit lag, nämlich Elbe.

Außerdem steht auf diesem Schild ganz genau, wann und wie ich gefunden und geborgen wurde. Und natürlich auch mein Name . . .

Fortsetzung im Internet: www.zeit-stiftung.de/schreibmal

Jan-Hendrik Torborg (13), Kl. 7 b, Gymnasium Altona, begeistert sich für Sachkunde und Mathematik genauso wie für Schach- und Fußballspielen.

 

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