Elbe auf Zeit
. . . seine Augen fast verblasst, doch die Farbe unverkenn- bar, blaubraun. Mit Goldsplittern. 2. Preis Klasse 11-13
Heute nach zwei Jahren spiegelt sich die Sonne wie Blattgold im wolkendurchzogenen Blaubraun der Elbe. Tropfen für Tropfen fällt von der Brüstung, an der sie steht, ins Wasser. Der türkise Turm des Michels schräg hinter ihr, das Wahrzeichen ihrer Stadt. Nun allerdings scheint er ihr wie ein erhobener Zeigefinger, vorwurfsvoll, hart und grün, nicht türkis. Ironisch. Kalt. Und auch die Landungsbrücken haben sich in ihren Augen verändert. Nicht mehr einfach ein typischer Ort ihrer Stadt. Ihr Ort. Sein Ort. Zwei Jahre her? Wie die Zeit vergeht.
Am Himmel fliegen weiße Schäfchenwolken träge an der Sonne vorbei, im Wasser auch . . . wie Fische. Groß und weiß. Gefährlich. Ob die Fische sehen, was sich an Land abspielt, gibt es im Hafen überhaupt welche? Wenn sie sich vornüber beugt, kann sie sehen, wie Tropfen für Tropfen das Blattgold zerstört. Träne für Träne wird das Wasser salziger. Traum für Traum dunkler. In den Wolken seine Augen fast verblasst, doch die Farbe unverkennbar, blaubraun. Mit Goldsplittern. Wetteraugen, elbefarben. Auf der Brüstung steht etwas. Wasserfest. Ihr Name. Sein Name. Ein Datum. Sie streichelt über den Schriftzug.
(. . .)
Heute vor zwei Jahren . . . Tropfen um Tropfen fällt in die Elbe. Grau. Grauer Himmel, graubrauner Fluss, braune Pontons laut quietschend ( . . .) "Der Hafen", sagt sie stolz. "Schade nur, dass es regnet." "Einen schönen Tag wünsche ich!", raunen die Wellen vom Wind aufgepeitscht. "Der Hafen", wiederholt sie lächelnd. Er hört zu. Alle Menschen haben rote Nasen, allen ist kalt hier unten am Wasser. Jeder versucht so schnell wie möglich ins Haus zu gelangen. Alle laufen. Nur drei Menschen eilen nicht. Der alte Mann bei den Hafenrundfahrten, der im Regen steht und schreit: "Große Hafenrundfahrt, meine Damen und Herren, große Hafenrundfahrt!" Und zwei Menschen, über denen die Sonne scheint, die am Wasser entlangschweben, schweigend, verlegen. Denn sie sehen sich heute zum ersten Mal. Gehen den Holzweg. Hinauf zur Brüstung. Lehnen sich über die Brüstung und die Sonne, die nur über ihnen scheint, bricht sich wie Blattgold in den eilig raunenden braungrauen Wellen. Sie sieht ihn an. Sieht die Elbe in seinen Augen . . .
Fortsetzung im Internet: www.zeit-stiftung.de/schreibmal
Nele Wolter (17), 11. Klasse, Gymnasium Kaiser-Friedrich-Ufer, schreibt gern Gedichte und Geschichten über Gefühle. Lieblingsfach: Philosophie.



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