"Strenge" heißt: konsequent sein statt verwöhnen
Michael Felten, seit 22 Jahren Gymnasiallehrer in Köln und Autor u.a. von "Neue Mythen in der Pädagogik - Warum eine gute Schule nicht nur Spaß machen kann", befasst sich in seinem Beitrag mit "pädagogischer Strenge" und warum sie so unpopulär geworden ist. Als einen wichtigen Grund für die Bildungsschwächen, die PISA aufgezeigt hat, benennt Felten "das Ausmaß der zugelassenen Unterrichtsstörungen".
"Gute Lernergebnisse werden in dem Maße erzielt, wie der Unterricht störungsfrei verläuft. Bekanntlich kam konzentriertes Lernen mit den ,neuen Kindern' hierzulande immer seltener zustande; aber womöglich haben die ,neuen Lehrer' ihr Gutteil dazu beigetragen. Etwa bei Stundenbeginn: Der Lehrer begrüßt die Schüler in ein diffuses Gemurmel über die Filme vom Vorabend hinein. Erst nach einigen Minuten, in denen die letzten Frühstücksbissen hastig angekaut und heruntergeschluckt werden, wird es einigermaßen ruhig . . .
Dann bei der Kontrolle der Hausaufgaben: Auf Versäumnisse reagiert der Lehrer mal mit verständnisvollem Seufzen, mal mit Ermahnungen, mal mit schlechten Noten oder mit Schulterzucken . . .
Auch während des Unterrichts führen immer wieder Albereien und Hänseleien zu größeren Unterbrechungen des Lernens . . . Dass auf dem Pausenhof ein Schüler regelmäßig Schwächere bedroht, beantwortet der Klassenlehrer womöglich mit verständnisvollen Gesprächen, in der Hoffnung, der Junge werde sich schon friedlicher verhalten, wenn er sich nur akzeptierter fühle . . .
Was heißt eigentlich streng? Nicht nur Reformpädagogen, denen die Freinet-Formel "den Kindern das Wort geben" ansonsten viel bedeutet, wird beim Ruf der Basis nach mehr Strenge mulmig zumute werden: Schließlich ist diese schulpädagogische Haltung allzu oft mit Lieblosigkeit und Härte, Demütigung und Züchtigung verbunden gewesen. Die berechtigte Kritik an derlei Entartungen hat den Begriff Strenge als ganzen aber derart in Verruf gebracht, dass er mittlerweile in der Fachliteratur ebenso verpönt ist wie in Lehrerkonferenzen . . .
Ließe sich sinnvolle Strenge des Lehrers nicht auch ganz unaufgeregt definieren, nämlich als etwas, das Kindern und Jugendlichen in kritischen Situationen dabei hilft, eigene Stärke zu entwickeln? . . .
Es darf daran erinnert werden, dass es zu den elementaren Aufgaben des Lehrers zählt, immer wieder darauf hinzuwirken,
- dass der Schüler, auch wenn er gerade andere Bedürfnisse hat, gewisse Regeln einhält, das Erledigen von Hausaufgaben ebenso wie das Einhalten von Zeiten oder das Sauberhalten der Klasse;
- dass er den Lehrer freundlich begrüßt, auch wenn er eigentlich lieber im Bett geblieben wäre, und höflich mit ihm umgeht;
- dass er Sprachformen verwendet, die allgemein verständlich sind und sich ggf. klar von der gerade aktuellen Jugendsprache absetzen;
- dass der Schüler Enttäuschungen nicht allzu viel Raum gibt und sich auch bei Unlust anstrengt;
- dass er begonnene Arbeiten beendet und nicht bei der erstbesten Schwierigkeit hinschmeißt;
- dass er sich der Furcht vor Misserfolgen stellt und nicht vor Schwierigkeiten ausweicht;
- dass er Fehler anerkennt und sich damit auseinander setzt . . .
In diesem Zusammenhang ist auf die Problematik verwöhnender Lernarrangements hinzuweisen. Verwöhnend verhalten sich Lehrer immer dann, wenn sie dem Kind Tätigkeiten abnehmen oder gar nicht erst zutrauen, die es selbst bewältigen und daran wachsen könnte; etwa wenn sie
- kurze Texte fotokopiert verteilen, die die Schüler auch von der Tafel oder vom Projektor abschreiben könnten;
- Essen oder Trinken im Unterricht zulassen, auch wenn alle 45 Minuten Pause ist;
- zu wenig Hausaufgaben aufgeben;
- auf die Verbesserung von Klassenarbeiten verzichten;
- ein nicht fertig oder schludrig gemaltes Bild trotzdem annehmen.
Wer Schüler unnötig entlastet, unterschätzt und schwächt sie ganz erheblich. Schulisches Lernen kann also gar nicht nur Spaß machen; aber gerade hierin liegt aus entwicklungspsychologischer Perspektive ein erhebliches Förderpotenzial . . . So gesehen ist der Ruf nach mehr Strenge im Klassenzimmer kein Plädoyer für Härte, Schroffheit oder Tortur, sondern lediglich gegen modische Unverbindlichkeit . . . Dazu gehört auch, dass man sich nicht in Kämpfe mit rebellierenden oder auch nur ausweichend argumentierenden Jugendlichen verwickeln lässt.
Lehrer wollen vor allem eines nicht, nämlich "lehrerhaft" sein... Gut sind sie vermeintlich dann, wenn sie erst einmal anders sind als frühere Lehrer. Das modisch-pädagogische Credo ist denn auch seit geraumer Zeit kümmerlich: Freundlich sein und höchstens Anregungen geben. Kein Wunder also, dass viele Lehrer der "Generation Kumpel" um eine ihrer wichtigsten Aufgaben einen großen Bogen schlagen, nämlich Schülern auch Belastungen und Enttäuschungen zuzumuten. . .
Nun ist es wahrlich kein Kinderspiel, Widerstände (der Schüler) gelassen auszuhalten und auf sinnvollen Anforderungen zu beharren. Aber werden Lehrer nicht auch für solche Leistungen bezahlt?



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