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Journal

Ein Stück weibliche Befindlichkeit

Margit Schreiner über tote Mütter, Hochzeit und Geburt. Zuerst bitterböse und komisch, am Ende belanglos.

Die Größe der Enttäuschung hängt von der Höhe der Erwartung ab. Wenn die österreichische Schriftstellerin Margit Schreiner, 1953 in Linz geboren, den ersten Teil ihres neuen Prosabandes "Heißt lieben" derart fulminant in Szene setzt, einen sehr eigenen und artifiziellen Ton findet und den Leser mit ihrem Stil zuerst in eine Atemlosigkeit versetzt, dann wünscht man sich bei der Lektüre, dass es ebenso weitergehen möge. Tut es aber nicht, weshalb am Ende die Enttäuschung groß ist.

Der erste Teil des Buches, "Tod" betitelt, ist eine einzige Suada der Anklage. Eine Tochter, die sehr geschickt zwischen der ersten Person Singular und der ersten Person Plural zu wechseln versteht, zwischen subjektiven und verallgemeinernden Beobachtungen, seziert wie unter einem Mikroskop die Rolle der Mutter innerhalb des komplexen Gefüges Familie. "Unsere Mütter sind nicht imstande, andere Menschen wahrzunehmen. Auch unsere Väter nehmen sie nicht wahr, nicht die Nachbarn und nicht die Verwandten. Unsere Mütter können andere Menschen nur wahrnehmen, nachdem sie sich die Menschen einverleibt haben. Sie haben ihre eigene Vorstellung von den Menschen und nehmen diese Vorstellung dann wahr. . .

Wir sind als Kinder auf diese Weise aufgewachsen: als eine Vorstellung unserer Mütter.

Natürlich haben wir ständig vor unseren Müttern davonlaufen müssen, um nicht verrückt zu werden."

Selten war über familiäre Beziehungen so bitterböse, schonungslos und präzise bis in feinste Verästelungen hinein zu lesen. Die reflektierenden Beobachtungen streifen zahllose alltägliche Familiensituationen, wie etwa das gemeinsame Fernsehen: eine einzige Peinlichkeit. Erst wenn die Mütter alt und hilfsbedürftig werden, verändert sich das Verhältnis. Margit Schreiner ist damit ein wunderbares und auch komisches Stück Prosa über die weibliche Befindlichkeit gelungen.

Die beiden anderen Teile des Bandes mit den Titeln "Hochzeit" und "Und eine Geburt" jedoch können weder diesen an Thomas Bernhard geschulten Ton halten, noch vermag die Autorin den Leser für den Gegenstand ihrer Erzählung zu interessieren. Am ehesten gelingt es noch bei "Und eine Geburt", in der sie minutiös Empfindungen, Beobachtungen, Überlegungen vor und während des Geburtsvorganges schildert. Doch das Artifizielle des ersten Teils ist hier verloren gegangen.

Im mittleren Teil beschreibt die Autorin eine italienische Hochzeit auf dem Lande. Einige kaum überzeugende Gedichte sind in die Erzählung hineinverwoben, vor allem aber das zerstörerische Liebesbekenntnis der Ich-Erzählerin an einen Liebhaber, der nur in ihrer Fantasie existiert und gewissermaßen als Trost und Ersatz für die inzwischen tote Mutter zu einer Rolle findet.

Tod, Hochzeit, Geburt - auf diese drei markanten Stationen des menschlichen Lebens ist dieser Prosaband angelegt. Doch gelingt die Verklammerung der einzelnen Texte nicht immer überzeugend. Wirklich schade.

  • Margit Schreiner: Heißt lieben. Schöffling & Co., 149 S.; 18,90 Euro.

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