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Journal

Meine Generation und ich

Generation X, Generation Golf , Generation dot.com - warum werden solche Bücher zu Bestsellern? Warum ist es wichtig, das Besondere des eigenen Jahrgangs herauszufinden? Mit 35 beginnt die erste Bilanz.

Volker, geboren 1960, hat noch seine erste Supertramp-Platte, "Crime Of The Century" aus den Siebzigern. Da war er 15 und besaß schon einen eigenen Plattenspieler; sein Lieblingslied war "Dreamer". Aber damit enden bei Volker eigentlich schon die Ähnlichkeiten zu Douglas Couplands Buch "Generation X" über die Jahrgänge um 1960. In dem Roman ziehen sich drei genervte junge Amerikaner aus der Welt der Yuppies, Steakhäuser und "IBM-Klone" zurück in die Wüste (samt ihrer Supertramp-Alben). Ihre Devise: Bloß nicht stehen bleiben wie ihre Eltern, bloß nicht in öden Jobs versauern. Offen bleiben - denn "Generation X" wuchs in eine "immer schneller werdende Kultur" hinein. Zwar findet sich Volker "im Großen und Ganzen" in dieser Botschaft wieder. Nichtsdestotrotz arbeitet er seit zehn Jahren bei einer Baufirma, er hat vor sechs Jahren eine Eigentumswohnung in Ellerbek gekauft, und am Wochenende guckt er gerne Fußball und Formel Eins - "wie mein Vater". Kerstin, Jahrgang 1971, Lehrerin, ein sechsjähriger Sohn, passt wunderbar in Florian Illies' Beschreibung der "Generation Golf" über die Siebziger-Jahrgänge: gut versorgte Kinder, die mit Playmobil, Frank Elstners "Wetten, dass . . .?" und den zerbrechenden Ehen ihrer Eltern groß geworden sind; sie selbst schätzen im Erwachsenenalter ein großes Angebot für Freizeit, Konsum und Krisenhilfe. Kerstin wohnt im Multikulti-Stadtteil St. Georg und hat sich oft auf "Fisch-sucht-Fahrrad"-Partys umgetan. "Meine Eltern fuhren tatsächlich eine Zeit lang einen Golf", sagt sie. Noch eine Übereinstimmung mit Illies: "Ich kenne auch keinen in meinem Alter, der noch seine Zigaretten dreht. Ich glaube, wir waren überhaupt die erste Generation, die sich bewusst vom Rauchen distanziert hat." Willi, geboren 1954, raucht. "Als die Kinder klein waren, hörte ich auf, nach der Scheidung hab ich wieder angefangen." Willi gehört zu den 78ern, die Reinhard Mohr in seinem Buch "Zaungäste" beschrieb: "Die Generation, die nach der Revolte kam". Ihr Kennzeichen war, dass sie irgendwie zu spät kam: Alle Provokationen waren schon ausgereizt, alle Freiheiten schon von den 68ern erkämpft. Als Student war Willi eine Zeit lang Maoist, später dann fand er die Grünen besser. Die 78er suchten verzweifelt nach Originalität. Was haben sie anders gemacht als vorige Generationen? "Vielleicht sind wir die Ersten gewesen, die als Väter bei der Geburt ihrer Kinder im Kreißsaal dabei waren", sagt Willi. Coupland, Mohr, Illies sind nur drei von vielen Autoren, die sich - selber im Alter von Anfang bis Mitte 30 - mit dem Besonderen ihrer Generation befassten (siehe unten) und damit Bestseller landeten. Je schneller die Trends und Subkulturen heute aufeinanderfolgen, desto größer scheint unser Bedürfnis zu werden, einige davon zu besetzen: "Das hab ICH mitgeprägt!" Die Öko-Aktivisten der 70er etwa schworen auf den Greenpeace-Satz "Erst wenn der letzte Baum gefällt, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch verendet ist, werdet ihr begreifen, dass man Geld nicht essen kann." Heute hören sie von ihren Kindern: "Erst wenn die letzte Bohrinsel versenkt, die letzte Tankstelle geschlossen und das letzte Auto abgemeldet ist, werdet ihr begreifen, dass man nachts um elf bei Greenpeace kein Bier kaufen kann." Dass die Generationen-Reports so beliebt sind, liegt vor allem an ihren Detailschilderungen: Die kindheitsbegleitende TV-Serie "Dallas", der Dierke-Schulatlas, die "Pril"-Abziehbilder - man möchte dauernd "Genau!" rufen. Oder wenn Reinhard Mohr dieses bei den 78ern typische "rubbelartige Berühren des Oberarms" beschreibt, mit dem sich sogar Wildfremde auf Szene-Feten begrüßten: "Du, ich bin der Thomas aus Hamburg!". Der Soziologe Claus Leggewie fasst den Generationenbegriff allerdings weiter als die anderen Autoren. Zur Untersuchungsgruppe seines Buchs "Die 89er" zählt er gleich mehrere Generationen: alle, die 1989 "13 bis 30 Jahre alt" waren, "Kinder des Mauerfalls, Erben der alten Bundesrepublik und der untergegangenen DDR", die in ihren jungen Jahren die gefährdete Umwelt, sinkenden Wohlstand, Einwandererschübe und die Auffahrt zur Datenautobahn erlebten. Nur: Was empfanden sie nun eigentlich als prägend? Die Ära Kohl? Den Start ins Internet? Den Mauerfall? Die Tabubrüche von Lady Di? Die Jüngeren dieser 89er-Jahrgänge gelten heute als "Spaßgeneration". Leggewie hält sie keineswegs für genusssüchtig-unpolitisch: Sie sind ja, sagt er, von den Älteren nicht nur in das neue bunte Medien-Universum gestoßen worden, sondern auch in das der Kosovo-Einsätze und der klammen Sozialversicherungen. Volker Marquardt beschreibt jetzt in "Das Wissen der 35-Jährigen" das Ende des "Spaßes". Seine eigene Generation dot.com ist in den Jahren des Internet-Booms ins Arbeitsleben gestartet wie in ein spannendes Computterspiel - und dann abgestürzt. Es ist die Erste, die trotz Studium und PC-Kompetenz schon die Löcher der Arbeitslosigkeit kennen gelernt und die ersten Ersparnisse schon auf den Aktienmärkten verloren hat. Und Rolf Dobelli schildert in seinem Roman "35" einen erfolgreichen Jungwerber, der sich mit Jetleg, Alarmanlagen und Weinkeller schon bestens auskennt und trotzdem fragt: Wozu das alles, wohin will ich eigentlich? Das fragen sich die 78er, die 89er, die X- und Golf-Leute allerdings auch.

 

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