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Journal

Mel Gibson und das Kreuz mit der Kreuzigung

Mit seinem Film "The Passion" ist Filmstar Mel Gibson schon während der Dreharbeiten in die Kritik geraten. Vorwurf: Das Werk über Jesu Kreuzigung sei antisemitisch.

Die neue Debatte ist bereits im sechsten Monat, hitzig, emotionial aufgeladen, genährt vom Konjunktiv, von Wörtern wie "würde", "könnte" und "möglicherweise". Es geht um "The Passion", die filmische Darstellung der letzten zwölf Stunden im Leben Jesu. Mit dem Projekt erfüllt sich Mel Gibson (47), mehrfacher Oscar-Preisträger, einen alten Traum, den er mit 25 Millionen Dollar selbst finanziert. Im Frühjahr, vielleicht auch erst im Herbst 2004 soll der Film starten. "The Passion", sagen nun die Kritiker, bediene antisemitische Klischees und könne schwelendem Antisemitismus neue Nahrung geben, wenn er in der ursprünglichen Form gezeigt wird. Begonnen hat alles im März dieses Jahres, als die Dreharbeiten in dem kleinen italienischen Ort Matera in vollem Gange waren: mit James Caviezel als Jesus, Kurvenstar Monica Bellucci als Maria Magdalena, einer Horde von Statisten, die ihren Text nicht nur in Aramäisch und Latein, sondern auch in ihrem süditalienischen Dialekt sprechen; mit einem computergesteuerten blutspeienden Roboter, der als Jesus am Kreuz hängt. Mit täglich gelesener Messe für die ganze Film-Crew und dem ortsansässigen Pater als Beichtvater für den Hauptdarsteller. Zur selben Zeit wurde der amerikanischen Anti-Diffamierungsliga (ADL) das Drehbuch zugespielt. Die ADL, die im Kampf gegen antijüdische Tendenzen als nicht gerade zimperlich gilt, rief katholische und jüdische Theologen zusammen, um das "Passion"-Drehbuch zu prüfen. Der Aufschrei folgte auf der Stelle. Die Theologieprofessorin Mary C. Boys vom Union Theological Seminary in New York war empört: Die Wahrheit sei verbogen, die Rolle des römischen Statthalters Pontius Pilatus, der die Kreuzigung Jesu befahl, heruntergespielt, die Juden dargestellt als "blutrünstig, rachsüchtig und geldgierig". Sie halte Mel Gibson nicht für antisemitisch, so Mary Boys, aber der Film sei es, wenn auch unbeabsichtigt. Abraham H. Foxman, nationaler ADL-Direktor, sah die Schuld am Tode Jesu stereotyp allein den Juden zugewiesen und damit sämtliche christlich-jüdischen Verständigungsbemühungen zerstört. Die "New York Times" stieg in die mittlerweile mit harten Bandagen ausgetragene Debatte groß ein. Der Schwerpunkt verlagerte sich: weg vom Film, hin zu Mel Gibson, seinem Privatleben und vor allem seiner Zugehörigkeit zur "Holy Familiy"; diese kleine katholische Splittergruppe hält die Gottesdienste auf Lateinisch, lehnt das Zweite Vatikanische Konzil als zu reformerisch ab, verweigert allen Päpsten nach Johannes XXIII. die Gefolgschaft. Gibson, seit 1979 in erster Ehe verheiratet und Vater von sieben Kindern, ist eines ihrer treuesten und auch spendabelsten Mitglieder: Gerade hat er der Gemeinde im kalifornischen Malibu eine neue Kirche gespendet. Gibson selbst meldet sich in der entsachlichten Debatte um "The Passion" selten zu Wort. Aber sein Vater Hutton Gibson (84) provoziert gerne mit geistigen Tollheiten (etwa einer Verschwörungstheorie sehr eigener Art zum 11. September), auf die sich die "New York Times" stürzte. Als Mel Gibson "The Passion" kürzlich in Sondervorführungen zeigte - u. a. in Washington vor Vertretern aus Kirchen, Medien und Politik -, waren ADL-Chef Foxman und die Kritiker von der "New York Times" nicht geladen. Die meisten der Zuschauer allerdings waren fasziniert und bewegt von den teils sehr archaisch anmutenden Szenen. Der erzkonservative Protestant Pastor Ted Haggard hält den Film für ein Meisterwerk, "anschaulicher und brutaler als andere Passionsdarstellungen, historisch und theologisch korrekt". Für den deutschen Theologen und Filmexperten Reinhold Zwick in Münster reicht der Streit um die Rolle der Juden in Jesus-Filmen "zurück in die Stummfilmzeit": Schon 1916 habe der US-Regisseur David Wark Griffith eine Szene von "Intolerance" neu drehen müssen; in der Originalversion hatten Juden Jesus ans Kreuz geschlagen. Historisch bestehe aber kein Zweifel, dass die römische Besatzungsmacht den Wanderprediger Jesus von Nazareth zum Tode verurteilte, weil sie ihn für einen politischen Unruhestifter hielt. Nur der römische Statthalter von Judäa, Pontius Pilatus, durfte Todesurteile aussprechen. Für Zwick wie für viele moderne Theologen liegt der Grund für die permanente Denunzierung der Juden in einem "unkritischen und naiven Verständnis" der Evangelien. Im Matthäus-Evangelium etwa heißt es, Jesus sei gewaltsam vor den jüdischen Hohepriester Kaiphas und die Ältesten gebracht worden, die ihn der Gotteslästerung beschuldigten und ihn dann dem römischen Statthalter Pilatus übergaben. Der eher unentschiedene Pilatus, so Matthäus, sei von ihnen förmlich bedrängt worden, Jesus zu töten. Das Neue Testament, so Zwick, enthalte aber keine historischen Berichte, sondern Glaubenszeugnisse. In den Evangelien spiegelt sich nach Auffassung vieler Bibelforscher die endgültige Ablösung der frühen Christen von den jüdischen Gemeinden, die aber erst um das Jahr 70 n. Chr. stattfand. Jesus selbst, wie seine Jünger ein gläubiger Jude, stritt zwar mit den Hohepriestern über die richtige Auslegung der Thora, gibt aber für antijüdische Ressentiments nichts her. Mel Gibson hat, um Kritiker zu besänftigen, den Film jetzt doch ein bisschen entschärft. Simon von Cyrenius, der das Kreuz für Jesus trägt, soll klar als Jude kenntlich werden. Auch dem entfesselten Mob, der den Leidensweg Jesu säumt, wird er einige Stimmen beimischen, die lautstark gegen die Kreuzigung protestieren. Ob das die Gemüter beruhigt, ist fraglich. Denn schon taucht ein neuer Konjunktiv auf. Die amerikanische Filmkritikerin Barbara Nicolosi hat den Film gesehen und klar erkannt, dass der Satan, mit dem Maria Magdalena kämpft, weiblich ist. Könnte jetzt eine neue feministisch-theologische Kontroverse losbrechen?, fragt Nicolosi öffentlich. Für kostenlose Filmwerbung scheint also endlos gesorgt.

 

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