Hamburger Geschichte(n)
Der Wandsbeker Weihnachtsbaum
Dierk Strothmann über die Legende um eine geschmückte Tanne
Der Weihnachtsbaum ist ein Hamburger, so kann man zu dieser Jahreszeit immer mal wieder lesen, und es wird dabei auf ein Bild aus dem Jahre 1796 verwiesen, auf dem jede Menge klassizistische Promis im Wandsbeker Schloss vor einer geschmückten Tanne Christi Geburt feiern.
Mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass Wandsbek damals noch gar nicht zu Hamburg gehörte, sondern zu Stormarn und damit staatsrechtlich dänisch war, stimmt auch die Geschichte mit der Uraufführung des Weihnachtsbaum-Brauches leider nicht.
Den gab es nämlich schon ein paar Jahrhunderte früher. Anfang des 16. Jahrhunderts sollen in Bremen bereits einige Zünfte Tannenbäumchen mit Nüssen, Äpfeln und sonstigem Naschkram behängt haben, die dann am Fest der Feste von den Kindern geplündert werden durften. In Basel schleppten Handwerksgesellen kleine Bäume an, an denen Äpfel (im Land der Eidgenossen ein bedeutungsschweres Obst) und - für die Schweiz eine Selbstverständlichkeit - Käsestücke hingen, die dann als Gastgeschenk für die jeweiligen Wirtsleute in fröhlicher Runde verspeist wurden.
Manch ein Historiker findet Weihnachtsbaumwurzeln schon in Ägypten (da waren es allerdings keine Tannen, sondern Palmen), andere im alten Rom oder bei den Kelten und Teutonen, die ihr Haus mit Efeu und Misteln schmückten, weil dieses Symbole des Lebens waren. Pioniere gab es mit Sicherheit im elsässischen Straßburg, wo schon 1610 ein Weihnachtsbaum aufgestellt wurde, und in Schlesien war es eine veritable Herzogin, Dorothea Sibylle von Brandenburg, die 1611 erstmals einen Baum weihnachtlich mit Kerzen schmückte, was die Feuerwehr heute noch ärgert.
Und so gab's mal hier, mal da ein Bäumchen. Ein gewisser Goethe beispielsweise führte ihn in seinen "Leiden des jungen Werther" in die Literatur ein, Schiller, Hebel und E.T.A. Hoffmann schrieben über ihn, aber es war ausgerechnet ein Krieg, nämlich der zwischen Deutschland und Frankreich von 1870/71, der dem Weihnachtsbaum zum Durchbruch verhalf. Die Bäumchen wurden auf deutscher Seite überall aufgestellt, um die Moral der Truppe zu stärken, was den Soldaten so gut gefiel, dass sie den Brauch nach ihrer Rückkehr in die Heimat und ins Zivilleben beibehielten.
Und sogar auf dem Bild aus dem Wandsbeker Schloss spielt der Weihnachtsbaum eher eine Nebenrolle. Da ging es nämlich eigentlich um eine Verlobung. Zu sehen ist ein junger Mann, der einer jungen Dame einen Apfel überreicht, der wahrscheinlich zuvor die Spitze des Baumes geziert hatte. Es ist Friedrich Christoph Perthes, der erst wenige Monate zuvor die erste Sortimentsbuchhandlung in der Hansestadt gegründet hatte und später eine der großen Verlegergestalten seiner Zeit wurde. Er überreicht den Baumschmuck seiner angebeteten Karoline Claudius, der ältesten Tochter des "Wandsbecker Bothen" Matthias Claudius. Die beiden heirateten tatsächlich im August 1797.
Die Kinder auf dem Bild, die mit den neu hinzugekommenen Spielsachen spielen, hießen alle wahrscheinlich ebenfalls Claudius. Immerhin erzeugte der wackere Redakteur zusammen mit seiner Frau Rebekka insgesamt zwölf, damals allerdings waren es erst neun. Dann haben wir da noch den berühmten Stürmer und Dränger Friedrich Gottlieb Klopstock und die Grafen Stolberg-Stolberg, die ein knappes Vierteljahrhundert zuvor mit dem schon oben erwähnten Olympier mit Namen Goethe eine Reise durch die Schweiz unternommen hatten.
Übrigens: Die Geste mit dem Goldenen Apfel hatte einen ganz putzigen Hintergrund. Friedrich Perthes hatte sich nämlich darüber geärgert, dass seine geliebte Karoline einen "schlechteren Muff" als die anderen bekommen hatte. Und so wollte er sie ein wenig entschädigen. Und dass die anderen das dann als Verlobung werteten, war ihm nur recht.
Weihnachten kann doch sehr schön sein, oder?



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