18.03.06

Was wir verlieren, wenn die Kinder fehlen

Die herkömmliche Familie stirbt in Deutschland aus - welche konkreten und zum Teil dramatischen Folgen dieser Wandel hat, beschreibt Frank Schirrmacher in seinem neuen Buch "Minimum": Mit den Kindern kommen unserer Gesellschaft wesentliche soziale Kraftstoffe wie Solidarität und Mitgefühl abhanden. Anders als Soziologen oder Renten- politiker fragt Schirrmacher aber auch, mit welchen biologisch bedingten Mechanismen eine Gesellschaft auf die Programmierung des eigenen Verschwindens reagieren könnte. Wir dokumentieren Passagen aus seinem Buch - jeweils mit kurzen Erläuterungen zum besseren Leseverständnis.

In Deutschland leben wir mit einem Widerspruch, der derzeit nicht auflösbar ist: Job oder Kinder. Schirrmacher sieht als Ursache eine falsche Gewichtung von Arbeit, Geld und Liebe:

Zwei Kräfte haben unsere Welt in den vergangenen Jahren so sehr verändert, daß uns das Gefühl befällt, jedes Jahr tiefer in einen Schlamassel zu geraten: Arbeit und Liebe. Liebe begünstigt Geburten, Arbeit vereitelt sie. So lautet der Grundwiderspruch unserer Gesellschaft. Nicht gerade ein Romeo-und-Julia-Stoff. Die Tragödie unseres Lebens besteht nicht mehr darin, liebend unterzugehen, sondern darin, arbeitend ohne genügend Nachwuchws abzutreten. Arbeit bringt Geld, Liebe kostet Geld. Arbeit liefert - allen einschlägigen Untersuchungen zufolge - die dem Menschen maximal zugängliche Erfüllung, Liebe endet oft im Streit. Arbeit produziert Waren und Eigentum, Liebe produziert Kinder und Verluste. Arbeit eignet sich für Sachbücher, Liebe für Romane.

Die klassische Großfamilie ist passe, Kinder wachsen heute ohne Geschwister oder sogar Verwandte auf. Haben wir, ohne es zu merken, in den Bauplan der Natur eingegriffen? So jedenfalls erläutert Schirrmacher den Titel seines Buches - "Minimum":

Der Demograph Nicholas Eberstadt hat für die nächsten beiden Generationen in Italien vorausberechnet, daß drei Fünftel der Kinder keine direkten Verwandten haben werden. Auch für die anderen Länder Europas gibt er keine Entwarnung: "Ungefähr vierzig Prozent der europäischen Kinder werden keine gleichaltrigen Blutsverwandten haben; weniger als ein Sechstel werden aus erster Hand die Erfahrung von Bruder oder Schwester und gleichzeitig einem Cousin oder einer Cousine haben"

. . .

Seit Jahrzehnten reproduzieren sich Familien auf einem noch vor kurzem für undenkbar gehaltenen allerniedrigsten Niveau. Wir glaubten bisher, unser Spiel mit Elementargewalten beschränke sich auf die technisch-wissenschaftliche Welt, auf, wie der berühmte Buchtitel des Philosophen Karl Jaspers lautete, die "Atombombe und das Überleben des Menschen". Aber auch die Familie und die verwandtschaftlichen Netzwerke, so müssen wir jetzt erkennen, sind Urgewalten, mit denen wir gespielt, deren Kräfte wir entfesselt haben und deren Kontrolle uns und unseren Kindern zu entgleiten droht. Was geschieht, wenn eine Urgewalt einem Minimum entgegenstrebt?

Die heute lebenden Erwachsenen sind in einer Zeit aufgewachsen, die über sie und ihre Familien ein Füllhorn wirtschaftlichen Wachstums ausschüttete. In dieser Prägung, meint Schirrmacher, liege das Wohlstandsdenken dieser (seiner eigenen) Generation:

Die im Geburtenboom zwischen 1955 und 1970 Geborenen - und das ist die meinungsbildende Mehrheit der heute in Deutschland lebenden Frauen und Männer - haben das Wachstum des Landes als ihr eigenes Wachstum erlebt. Sie sind schon als Kinder dadurch geprägt worden, daß sie nicht nur mit jedem neuen Geburtstag mehr konnten und wußten und erlebten, sondern daß auch das Land immer weiter gedieh, wuchs und blühte, bis es, in der Ära von Helmut Schmidt, als ökonomisches und soziales Vorbild für Europa, als "Modell Deutschland", galt . . .

Von den fünfziger Jahren bis Anfang der Siebziger herrschte das "Goldene Zeitalter" der Familie. Einhundert Frauen des Jahrgangs 1935 brachten zweihundertsechzehn Kinder auf die Welt. Von denen kamen siebzig aus Familien mit vier und mehr Kindern und sechzig aus Familien mit drei Kindern.

Ebensoviele Frauen des Geburtsjahrgangs 1945 gebaren noch hundertneunundsiebzig Babys, von denen siebenunddreißig aus Vier- und Mehrkinderfamilien kamen und zweiundvierzig aus Dreikinderfamilien.

Wir müssen uns mit einer völlig neuen Altersstruktur abfinden, die es in dieser Form noch niemals gab. "Eltern" sind in dieser Definition vor allem die Alten. Viele junge Leute haben keine eigene Familie mehr. Schirrmacher analysiert:

Heute befinden wir uns in einer Situation, die seitenverkehrt zu sein scheint, so als wäre alle Aufbrucherfahrung der Nachkriegszeit in Spiegelschrift geschrieben. Die Menschen, die der Familie entgehen wollten, finden sich nun ganz unvorbereitet, wie Alice im Wunderland, in geradezu surreal anmutende Familiensysteme zurückversetzt. Während wir in unseren Köpfen noch die Familienstrukturen der Playmobil-Welt tragen - jenes Spielzeugs, das 1974 seinen Siegeszug angetreten hat (und zwar in dem Augenblick, als die alten Familienvorstellungen allmählich erloschen und Geburtenraten zum ersten Mal deutlich sanken) -, sind nun Menschen mit fast siebzig Jahren als Kinder ihrer noch lebenden Eltern unterwegs. Das wäre nicht schlimm, wenn ein Drittel von ihnen nicht gänzlich ohne Enkel bliebe . . . Eine Gesellschaft, in der wir siebzig Jahre Kinder sind und in der gleichzeitig die Ressource Kind schwindet, ist so ungewöhnlich, daß uns dafür im Augenblick noch die Begrifflichkeiten fehlen.

Jungen Paaren wirft Schirrmacher vor, daß sie Kinder heute streng wirtschaftlich als Kosten-Nutzen-Rechnung bewerten. Er will die "Investition Kind" geraderücken:

Daß der Einzelne sich aus welchen Gründen auch immer für Kinderlosigkeit entscheidet, ist ganz und gar seine Angelegenheit. Doch eine nur im Heutigen verhaftete Gesellschaft konstruiert daraus ein Ungleichgewicht: Kinderlosigkeit wirkt wie eine Methode zur Gewinnmaximierung - die lebensweltliche Variante der Ich-bin-doch-nicht-blöd-Kultur des Jahres 2005. Sie erzwingt altruistische Verhaltensweisen bei den potenziellen Eltern, denn sie müssen mit der Erkenntnis leben, daß von Kindern in dieser Gesellschaft materiell nur diejenigen profitieren, die keine haben . . . Die Gesellschaft hat es versäumt, der "Investition Kind" einen Wert entgegenzusetzen: das soziale Kapital nämlich, das Kinder schaffen. Durch ihr pures Vorhandensein vernetzen sie eine Vielzahl vormals einander fremder Menschen. Kinder sind, anders als in vergangenen Jahrhunderten, nicht als billige Arbeitskräfte einsetzbar und haben deshalb auch keine direkte ökonomische Funktion mehr. Aber ihr gesellschaftlicher "Wert" wird in den nächsten Jahren sprunghaft steigen, nicht nur, weil sie als unter Zwanzigjährige dann einer faktisch halbierten Bevölkerungsgruppe angehören (von 17,7 Millionen reduziert sich ihr Anteil auf 9,7 Millionen oder noch weniger), sondern weil sie in einer schrumpfenden Gesellschaft eine unersetzliche Größe darstellen.

Familien sind die effektivsten und zuverlässigsten Rettungssysteme in Katastrophenfällen (Schirrmacher schildert das am Beispiel eines Großbrandes). Gibt es einen Ersatz für die Grundsolidarität der Familie? Für Schirrmacher ist die "Befreiung von der Familie" ein Eigentor:

Die Produktionsstätte des Vertrauens ist die Familie. Die Familie muß nicht vollständig und auch nicht intakt sein, sie kann aus Mutter mit Kind oder aus Großvater mit Enkeln bestehen . . . Eine Untersuchung in sieben Staaten der Erde hat herausgefunden, daß die Größe des Verwandtschaftsnetzwerks, vor allem die Anzahl naher Verwandter, entscheidend ist für verwandtschaftliche Solidarität, dafür, ob die Familienmitglieder in der Lage sind, ein gemeinsames Ziel zu definieren. Gilt das auch für eine moderne Gesellschaft, in der der Nachwuchs fehlt? . . .

Familien sind Sozialsysteme, deren Mitglieder immer wissen, wo die anderen gerade sind. Wissen sie es nicht mehr, zerfallen die Familien. Man kann als Kind abends auf die Frage "Wo warst du?" schlecht antworten: "Das geht euch nichts an." Man weiß dann jedenfalls, daß man gegen die Familie gehandelt hat - die einzige Organisation, die lebenslang wissen will, wo man ist, um retten zu können, wenn Gefahr droht.

Warum haben junge Erwachsene oft schon gar keinen Kinderwunsch mehr? Weil sie geschwisterlos aufwuchsen. Schirrmacher erläutert dazu:

Die neue Generation potentieller Eltern ist längst umprogrammiert. Das hat nicht mehr nur mit den ökonomischen Rechnungen ihrer älteren Brüder und Schwestern zu tun. Sie sind bereits anders sozialisiert. Zum ersten Mal liegt nicht nur die tatsächliche Geburtenrate, sondern auch die Anzahl der gewünschten Kinder in Europa bei weniger als zwei. Damit ist das Niveau unterschritten, das zur Bestandserhaltung der Bevölkerung notwendig ist. Wo keine Kinder mehr leben, wachsen auch immer weniger Kinder nach. "Je höher der Anteil der Kinderlosen", so resümieren die Forscher der Universität Wien, Maria Rita Testa und Leonardo Grilli, "desto mehr jüngere Personen wollen zeitlebens kinderlos bleiben." . . .

Menschen müssen Kinder nicht nur aufwachsen sehen , um selber welche zu bekommen, sie müssen Kinder auch erleben , um sie zu lieben. Und sie müssen sie lieben, ehe sie geboren sind, um sie zu wollen. Das zeigen die Ergebnisse einer innovativen Studie mit dem Titel "Wann führt die Zuneigung zu Kindern zur Elternschaft?"

Können wir heute schon fühlen, daß Nachwuchs fehlt? Schirrmacher zeigt, daß es längst ernstzunehmende Hinweise gegeben hat:

Wie können wir uns überhaupt begreiflich machen, was es heißt, wenn Menschen fehlen - Menschen, die nie geboren wurden? Seit einigen Jahren gibt es eine Berichterstattung über dieses Nichts. Und zwar immer dort, wo die Niegeborenen durch ihr Nichterscheinen Märkte verändern. Zuerst hat es nur die Baby- und Spielzeugindustrie betroffen. Dann haben die Kindergärten erste Probleme gemeldet, Ende der neunziger Jahre erreichte das sich immer weiter ausbreitende schwarze Loch bereits die Schulen, denn die Abwesenheit der Kinder macht sich nun auch dort bemerkbar. Bis 2020 wird es an den Schulen zu einem Rückgang von annähernd zwanzig Prozent kommen. Und dann wird das Nichtvorhandensein der jungen Menschen sich auch in den Hochschulen und Unternehmen breit machen. Diese jungen Leute fallen aber nicht nur aus. Sie fehlen in der moralischen und geistigen Ökonomie des Landes.

Schirrmacher beschreibt, wie sich Kinderfeindlichkeit schon in Kommentaren und Vorurteilen über große Familien ausdrückt:

Es verblüfft, mit welchen Vokabeln Frauen belegt werden, die in großen Familien leben, und was diese Bosheiten bei den Kindern anrichten. Der gesellschaftliche Druck, den Freunde, Nachbarn, Eltern und vor allem auch die fiktiven Rollenvorbilder des Fernsehens ausüben, wird in einem Teufelskreis zum Quell einer genuinen Kinderfeindlichkeit, die sich auf die Kinder selbst überträgt. Verlogen, verarmt, dumm, wahrscheinlich bald kriminell, gruppenunfähig, gestört - das sind die Urteile über Kinder aus kinderreichen Familien und deren Eltern. Bei den Untersuchungen stellte sich zunächst heraus, daß über Mütter, die mehr als zwei Kinder haben, genauso schlecht und abfällig geredet wird wie über kinderlose Ehepaare.

Für potentielle Väter wird die Suche nach einer Partnerin immer schwieriger. Schirrmacher: Ein Teil der Männer wird nicht mehr heiratsmarktfähig sein.

Die Jungen, die in den kommenden Jahren zu Männern heranwachsen, müssen nicht nur weitaus radikaler als die Vorgängergenerationen um Bildung kämpfen. Sie werden - auch in einigen Teilen Deutschlands - ganz neu um Frauen kämpfen müssen . . . Hohe Testosteron-Werte, verbunden mit Arbeitslosigkeit und niedrigem Status auf dem Heiratsmarkt, verstärken asoziales Verhalten und befördern fast alle Formen der Aggressivität.

Je mehr heiratswillige Männer, die aus demographischen oder sozialen Gründen daran gehindert werden zu heiraten, desto höher auch der Grad des zirkulierenden Testosterons sowie der Anteil asozialen, gewalttätigen und kriminellen Verhaltens, das diese Männer an den Tag legen werden.

Die Medien verstärken die "Idee vom ungebundenen Einzelnen" durch falsche Vorbilder. Als Beispiel nennt Schirrmacher "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" auf RTL:

Immer mehr spricht dafür, daß es die Rollen sind, die die moderne Medienindustrie den Menschen zuweist, die ihr soziales Verhalten so radikal beeinflussen. Die Idee vom ungebundenen Einzelnen, die die Kunst einst so aggressiv erfunden hat, ist durch die elektronischen Medien zur Norm gemacht worden . . . In der erfolgreichsten deutschen Familienserie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" gibt es keine einzige Normalfamilie. Statt dessen:

Singles und nichteheliche Lebensgemeinschaften

eine kinderlose Ehe

Living-apart-together-Konstellationen

eine Stieffamilie (zwei Haushalte, zwei Väter)

eine Fortsetzungsehe

nichtexklusive Beziehungsformen (vulgo: Beziehungen mit Seitensprüngen)

Haushalte mit mehr als zwei Erwachsenen.

Talkshow-Moderatorinnen werden zu medialen Ersatzmüttern - These von Schirrmacher:

Wenn man Drei- bis Fünfjährige fragt, wie Geld verteilt werden sollte, schlagen Mädchen häufiger als Jungen vor, daß es gerecht geschehen solle. Vielleicht läßt deshalb die Gesellschaft im Augenblick Frauen darüber entscheiden, wessen politische Argumente gehört werden dürfen; bis vor wenigen Jahren übernahmen ja noch hauptsächlich Männer diese Aufgabe. Frauen leiten die Talkshows, in denen die Nation ihre Selbstverständigung sucht. Sie bestimmen dabei über die Länge der Redebeiträge. Sie benoten Triftigkeiten, meistens nur mit dem Mienenspiel. Die Talkshow ist heute ein vorpolitischer Raum, in dem familiäres Urvertrauen zurückgewonnen werden soll.

Die Bedeutung der Frauen wird in einer schrumpfenden Gesellschaft zunehmen, die der Männer abnehmen: gefragt sei Empathie.

Hirnforscher glauben, daß das Talent von Frauen, selbst Fremde zu Familienmitgliedern zu machen, mit der sozialen Mobilität von Frauen zusammenhängt, der sie sich seit hunderten von Jahren unterwerfen müssen. In fast allen Kulturen wechseln die Töchter in die Gemeinschaft ihres künftigen Ehemanns oder Partners, während die Söhne häufiger ein Leben lang von leiblichen Verwandten umgeben sind. "Männer", schreibt Simon Baron-Cohen, Professor für Psychologie und Psychiatrie am Trinity College der Universität von Cambridge, "waren vielleicht nicht im selben Maße wie die Frauen gezwungen, ihre empathischen Fähigkeiten zu trainieren, weil sie weit weniger Anstrengungen in Aufbau und Pflege von Beziehungen investieren mußte. Eine gute Beziehung zu Menschen, mit denen man nicht verwandt ist, erfordert viel mehr Sensibilität für Gegenseitigkeit und Gerechtigkeit, weil diese Beziehungen nicht selbstverständlich sind."

. . . Männer funktionieren als Kopf der Familie vor allem in Zeiten von expandierenden Gesellschaften; in Gesellschaften also, wie wir sie bisher und seit Menschengedenken erlebt haben. Männer gehen, vor allem, wenn sie alleine sind, größere Risiken ein, erforschen unbekannte Wege, entwickeln starke Konkurrenz, soziale Dominanz, denken systematisch - um so zusätzliche Fortpflanzungserfolge zu erlangen. Doch alles, was einer schrumpfenden Gesellschaft fehlen wird - soziale Kompetenz, Einfühlung, Altruismus, Kooperation -, vereinen Frauen auf sich; da sind sich Evolutionspsychologie, Hirnforschung, Anthropologie und Psychologie einig.

Das Schrumpfen und Vergreisen der Bevölkerung wird sich auf die soziale Struktur in den Großstädten erheblich auswirken. Schirrmachers These:

In den Großstädten werden überwiegend Menschen mit nichtdeutschem Hintergrund die klassischen Familien bilden. Ein Kind, das mit seinen Eltern in einer Metropole lebt, wird außerhalb der eigenen vier Wände Familie vor allem in muslimischer Prägung kennenlernen. Bewohner mit deutschem Hintergrund werden in den Städten vorwiegend mit neuen Lebensformen experimentieren, während die klassischen Familien ins Umland abwandern. Nimmt man diese Prognose ernst, dann wird ein in der Großstadt aufwachsendes Kind weder durch Geschwister und gleichaltrige Spielkameraden noch durch die dazugehörigen Familien geprägt. Das ist eine beunruhigende Aussicht auch für diejenigen, die sich von diesen Kindern nur den altruistischen Beitrag einer Sicherung der Rente erwarten.

(vgl. dazu die Grafik unten aus dem neuen Band "Die demografische Lage der Nation": Haushaltsgrößen in Hamburg 1970-2003)

Werden in Krisen - wie bei Kinderarmut und Vergreisung - vermehrt Mädchen geboren? Schirrmachers These:

Auch ökonomischer und sozialer Stress, hohe Arbeitslosigkeit oder die plötzliche Transformation einer Gesellschaft können dazu führen, daß die Mütter mehr Mädchen als Jungen auf die Welt bringen. Die Triftigkeit dieser These ist in jüngster Zeit mehrfach nachgewiesen worden. So war in den neuen Bundesländern das sekundäre Geschlechterverhältnis, also das Geschlechterverhältnis bei Neugeborenen, im Jahre 1991 so unausgewogen wie niemals zuvor seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Es wurden mehr Mädchen als Jungen geboren - und für die Forscher steht fest, daß diese "Umverteilung" in direktem Zusammenhang mit dem ökonomischen Kollaps der Nachwendezeit steht.

Was bedeutet die schrumpfende und rapide alternde Gesellschaft für das Kind der Zukunft? Wenn eine aktive Bevölkerungspolitik nicht gegensteuert, müßte es soziale und finanzielle Lasten für viele Menschen und mehrere Generationen tragen:

Dieses Kind ist nicht nur mit den Schulden und Lasten seiner Vorfahren beladen. Es muß, da immer weniger Kinder geboren werden, jeweils zwei Menschen ersetzen. Leben beide Großelternpaare noch, was sehr wahrscheinlich ist, muß es den emotionalen und womöglich auch Teile des finanziellen Haushalts von sechs Menschen aus zwei Generationen tragen. Durch das Hinzukommen von Stiefgroßeltern und Stiefeltern aus früheren Beziehungen wächst das Gewicht noch.

Diese Kinder werden, wenn sie groß sind, durch die Vielzahl der "Schulden", die wir ihnen aufgebürdet haben, in dem Gefühl einer permanenten, gleichsam ererbten Überforderung leben. Sie werden sich moralisch und materiell für ihre Kernfamilien einsetzen und dort sowohl für ihre Eltern wie für ihre Kinder eintreten müssen, wenn nicht sogar für ihre Großeltern. Sie werden auch über Steuern und zusätzliche Belastungen Schulden für Menschen abzahlen müssen, die sie nicht kennen und von denen sie wissen, daß sie vielfach versäumt haben, selbst Vorsorgemaßnahmen zu treffen.

Schirrmacher über den Zusammenhang zwischen Familie und Gesundheit:

Menschen, deren soziales Netzwerk lebendig und ausgedehnt ist, haben einen niedrigeren Ruhepuls, die Heilungschancen bei Krebs steigen . . . Die mathematisch nicht quantifizierbare Liebe und Zuwendung der Ehefrau und der Angehörigen hat in einer ausgedehnten israelischen Herzstudie . . . gezeigt, daß dieses Gefühl bei Herzinfarkten zu schnellerer Heilung führt, während im umgekehrten Fall das Risiko der Wiedererkrankung drastisch steigt.

Gibt es biologische Mechanismen, die die Gesellschaft aus der Krise der Kinderlosigkeit führen können? Schirrmacher hält das für möglich:

Eine Gesellschaft wird auch biologisch geprägt, und bis zu einem gewissen Punkt ist Biologie tatsächlich Schicksal - dann, wenn gerettet, geholfen und geliebt werden soll, dann wenn die Entscheidung zu Nachwuchs in einer kinderarmen Welt fällt. Eine Gesellschaft mit vielen Familien ist anders als eine Gesellschaft mit vielen Einzelgängern; eine Gesellschaft mit vielen jungen Leuten ist oft aggressiver und kampfeslustiger als eine Gesellschaft, die sich aus vielen älteren Menschen zusammensetzt. Ganze Staaten - wie etwa das Frankreich des Jahres 1914, das sich einem "jungen" Deutschland gegenübersah und fortan Bevölkerungspolitik betrieb - können durch solche Erfahrungen für Generationen traumatisiert werden.

Der demografische Abwärtstrend wäre nur noch durch ein (unwahrscheinliches) demografisches Wunder zu stoppen. Aber liegt in dieser Erkenntnis auch eine Möglichkeit? Schirrmachers Fazit:

Die große Chance liegt darin, zu erkennen, daß das, was die Gemeinschaft im Innersten zusammenhält, nicht vom Markt, aber auch nicht vom Staat organisiert werden kann: jene Handlungen, für die Eltern und Kinder kein Geld und keine Anerkennung bekommen, die so selbstverständlich sind, daß es keine Orden gibt und keine Sozialversicherung - Selbstverständlichkeiten, wie gesagt, die nun, da sie zum sich verknappenden Gut zu werden drohen, einen hohen Preis kosten. Das wirkliche Erbe, das wir hinterlassen können, ist die Einsicht, daß das, was Familien füreinander tun, für alle getan ist.

Frank Schirmachers Buch "Minimum - vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft" ist im Karl Blessing Verlag in München erschienen: 185 Seiten; 16 Euro. ISBN: 3-89667-291-6.

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