Der richtige Dreh am kleinen Tisch
Tischfußball wird nicht mehr nur in Hinterzimmern von Kneipen gespielt. Jetzt geht es für die besten Kicker sogar um die Weltmeisterschaft - in Hamburg. Ist das nun Sport oder Spiel?
Gehen wir mal eine Runde krökeln? Oder wuzeln? Oder töggelen? Viele Namen, die das Gleiche meinen. Etwas, das die meisten hierzulande als "kickern" kennen: Tischfußball.
Zwei oder vier Menschen, meistens (statistisch zu 90 Prozent) Männer, stehen in leicht gebeugter Haltung vor einem knapp 70 Zentimeter breiten und 1,20 Meter langen Tisch: ein Spielgerät mit acht Metallstangen, an denen je zweimal eine, zwei, fünf und drei drehbare, etwa zehn Zentimeter große Figuren hängen.
In vielen Kneipen zwischen Kiez und Grindel, Harburg und Bergedorf werden die Tische nicht mehr wie früher im Hinterzimmer versteckt. Für 50 Cent oder einen Euro kann man sich hier dem "geilen Gefühl" (Szenejargon) hingeben, den Ball mit sattem Knall im Tor des Gegners zu versenken. Kicker-Tische stehen längst auch in Sportvereinen, Kantinen oder Besprechungszimmern großer Unternehmen.
Altkanzler Schröder hat ebenso den Dreh raus wie Thomas Gottschalk, Eric Clapton daddelt genauso wie Yvonne Catterfeld. Bischof und Nonne kickern in der ARD-Serie "Um Himmels Willen", wie es schon die New Yorker Kumpel in der US-Fernsehserie "Friends" taten. 1999 machte der Spielfilm "Absolute Giganten" Tischfußball zum Thema. Und in Berlin wurden bei einem Turnier sogar Tickets für die "echte" Fußball-WM ausgesetzt.
Aber vom 25. bis 28. Mai in Hamburg haben die Tischfußballer erstmals ihre eigene Weltmeisterschaft. Die Tisch-Kicker hatten bis dato ähnliche Probleme wie die Profiboxer: ein unüberschaubares Gewusel verschiedener Verbände, Tische, Regeln - und Titel. Der junge Weltverband ITSF (International Table Soccer Federation), gegründet 2002, will Tischfußball professioneller gestalten und als Sport etablieren.
Doch das dauert. Weil nationale Traditionen gewahrt werden sollen, wird bei der WM in Hamburg nicht an einem Tisch, sondern gleich an sechs verschiedenen gespielt, die der Laie kaum unterscheiden kann. Da geht es um den Ball (Größe, Gewicht, Material), die Figuren (Breite, Form) und die Spieloberfläche (glatt oder stumpf, langsam oder schnell). Deutschland bekam nicht zufällig den Zuschlag: Hier sind mehr als 10 000 Vereinsspieler registriert. Quer durchs Land stehen über 100 000 Geräte.
Spiel oder Sport? "Was Sie in der Kneipe unterhält, ist ein Spiel", sagt Tim Ludwig, einer der besten deutschen Tischfußballspieler (siehe Interview rechts). "Was wir dagegen leisten, ist eindeutig Sport. Wir könnten auch daddeln und eine Show abziehen. Aber wir spielen streng nach System. Für Schönheit gibt es keine Punkte." Der Hamburger Sportwissenschaftler Claus Tiedemann scheut sich nicht, Tischfußball auf Spitzen-Niveau als Sport zu bezeichnen: "Es geht hier um geschicktes Bewegen. Das ist ähnlich wie beim Minigolf - eine der vielen kuriosen Blüten im großen bunten Strauß des Sports."
Meistens versuchen die Tischfußball-"Profis", den Ball von der Mittelreihe in den Sturm zu passen und von dort ein Tor zu erzielen. Bis zu 50 km/h schnell ist so ein Torschuß. Das berühmte "Kurbeln", jener schwungvolle Wirbel der Stangen, ist unter Tischfußballspielern nicht nur verpönt, sondern laut Regelbuch sogar verboten. Außerdem, sagen die Spitzenspieler: "Überlegen Sie mal, wie lange die Figuren in der Luft sind und gar keinen Kontakt zum Ball haben können." Der richtige Dreh kommt aus den Fingern und aus dem Handgelenk.
Wer's kann, feilt an seiner Technik. Da gibt es Pin Shots und Pull Shots, Bandenschüsseund Abquetscher. Eigentlich ist das ganze ja Standfußball - aber unterhaltsamer als der Standfußball, den man schon bei "echten" WM-Spielen erdulden mußte.
Auch die körperlichen Blessuren sprechen für Tischfußball als Sport. Verletzungen an der Schulter, am Rücken, am Ellenbogen und am Handgelenk sind nicht selten. Griffbänder oder Gummiüberzüge sichern den optimalen Griff, damit die Hände nicht schwitzen und abrutschen können. Manche Spieler sprühen ihre Griffe mit Silikonspray ein.
Und wer hat's erfunden? Gleich mehrere Länder reklamieren die Urheberschaft für sich: die Franzosen ("Baby-Foot") behaupten, der Citroën-Mitarbeiter Lucien Rosengart habe die Idee Anfang des Jahrhunderts entwickelt. Die Briten schwören, daß 1913 Edwin James Lawrence ein Patent für "Table-Soccer" erhielt. In den USA soll es schon 1901 Fußballtische gegeben haben. Dort allerdings hapert's mit dem Zählen: der "Tornado"-Tisch made in USA hat oft mal 13 Figuren.
Über die Tische der Schweizer Firma "Kicker" hat sich der Name "kickern" etabliert. Irgendwie aber führen alle Wege auch nach Deutschland. Ein amerikanischer Tische-Importeur schrieb vor einem Vierteljahrhundert voller Hochachtung: "Nahezu jedes deutsche Dorf hat einen Fußballverein. Und in jedem Clubhaus steht auch ein Kickerspiel." Klar, daß es in Deutschland auch eine Bundesliga gibt - mit so prickelnden Namen wie TFC Gut Stubb Neunkirchen, Eifelshooters Mayen oder JaJa Zecken Hennef.
Die Frauen holen beim Tischfußball gewaltig auf. Bei der WM in Hamburg treten sie im Einzel und im Mixed an. "Frauen stehen Männern vom Ehrgeiz her in nichts nach", sagt Tim Ludwig. "Es geht ja auch ohne Kraft, ohne Gewalt." Und wo kann man die kickenden Objekte schon mal selbst in die Hände nehmen?
Weltmeisterschaft in Hamburg: 25.-28. Mai 2006, Fischauktionshalle.
Geräte: Gute Tische kosten zwischen 250 und 1000 Euro, anspruchsvolle Profi-Geräte ab 1500 Euro. Bei Internet-Anbietern sind Tische schon für unter 100 Euro zu haben.
Internet: www.dtfb.de; www.tischfussball-online.com; www.tischfussball-wm-2006.de



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