Sommersprossen
Manche finden sie frech und sexy, andere mögen sie überhaupt nicht. Doch eines ist der Pfeffer im Gesicht auf jeden Fall: ein sicheres Zeichen für den Sommer.
Auf Fingerspitzen kletter' ich jetzt zu Dir hinauf in Dein sonnenübersätes Gesicht. Immer gleich zwei Sprossen auf einmal, damit Du weißt: Wir sind uns in allen Punkten einig.
Mit diesen Zeilen stellte ein unbekannter Dichter klar, daß Sommersprossen bei ihm ein ausgesprochen gutes Image haben. Und damit steht er nicht alleine da. Denn die Epheliden, wie die kleinen gelblichen oder bräunlichen Flecken medizinisch heißen, gelten bei Vielen als frech und sexy.
"Sommersprossen sehen einfach keß aus", findet der Hamburger Hautarzt Dr. Matthias Kießling und meint: Sie sind - wie das Salz in der Suppe - der Pfeffer im Gesicht. Im Gegenteil dazu unterliegen Sommersprossen bei ihren Trägern einem merkwürdigen Mechanismus: Wer sie hat, der mag sie oft nicht. Manche hassen sie sogar und kriegen Komplexe.
Dabei ist doch ganz klar: Ohne Sonne keine Sprossen. So gesehen können Sommersprossenträger getröstet, sogar stolz sein: An ihnen sieht man gleich, wenn es schöner und wärmer wird, eben sonniger. Und wenn die Sonne mal verschwindet, wie wir oft leidvoll erleben müssen, halten sie die Sonne irgendwie doch noch fest. Das ist doch ein Grund zu Freude!
Mit Sommersprossen gesegnet sind vor allem blonde und rothaarige Typen mit grünen oder blauen Augen, der so genannte Hauttyp 1, der irische, und zwar vor allem an den Stellen, die oft der Sonne ausgesetzt sind: also im Gesicht, auf den Händen und Unterarmen. Aber Achtung: Wer sich nun ausgerechnet in die Sommersprossen seines Augensterns verliebt, sollte vielleicht auch an den Winter denken: Da verblassen sie nämlich oder verschwinden ganz.
Im Grunde sind Sommersprossen ein genetischer Defekt, auf Grund dessen sich die Pigmente nicht gleichmäßig verteilen, sondern trichterförmig ansammeln. Aber eben nur punktuell, deshalb kann man bei ihnen auch nicht, wie bei gleichmäßiger Bräune, von Sonnenschutz sprechen. Im Prinzip gilt: Je dunkler jemand pigmentiert ist, desto weniger neigt er zu Sommersprossen. Aber: "Es gibt sogar Schwarze, die Sommersprossen haben", weiß Kießling aus seiner Praxis.
Imageprobleme hatten die harmlosen Pigmentflecken in der Tat bis in die 70er Jahre hinein. Aber dann kam Pippi Langstrumpf, und zwar ins Fernsehen. Das war das Entscheidende. So wurde auch dem Leseunfähigsten ihr strotzendes Selbstbewußtsein nebst Sommersprossen direkt im Wohnzimmer vor Augen geführt.
Das machte Schule. Pippi, die erste Powerfrau, die so überzeugte, daß man ihr nicht nur das fehlende Trendbewußtsein und die rutschenden Strümpfe nicht ankreidete, hatte es geschafft, Sommersprossen als so lustig zu zeigen, daß nun endlich auch andere Sommersprossenträger sich selber zu lieben lernten.
Wer sich dennoch ganz und gar nicht mit seinen Sommersprossen abfinden kann, dem sei gesagt: Ja, es gibt ein sicheres Mittel, um sie zu verhindern - "Indem man Sonne meidet und überhaupt nicht rausgeht. Das wäre zwar für die Haut das gesündeste - aber wer will schon zum Stubenhocker werden?" fragt Matthias Kießling.
Hier klingt übrigens ein Konflikt der Gesundheit mit der Schönheit an. Schließlich haben wir gelernt, daß der Körper Sonne zum Wohlfühlen und für die Entstehung beispielsweise von Vitamin D braucht, einem wichtigen Knochen-Baustoff. Alles nicht so wild, wenn man Hautarzt Kießling glaubt: "Selbst wenn wir nur Gesicht und Hände nicht bedecken, reichen schon zehn Minuten Streustrahlung aus, um genug Vitamin D freizusetzen. Wir brauchen also nicht mal die direkte Sonneneinwirkung." Und für den Bedarf an Glückshormonen (Serotoninen) reicht eine Viertelstunde Solarium pro Woche aus. "Man kann dasselbe aber auch vollkommen unschädlich erreichen", sagt Kießling und empfiehlt: "Täglich zwei frische Bananen oder eine halbe frische Ananas essen." Zur Not tut es übrigens auch Schokolade, da ist ebenfalls Serotonin drin.
Wer Sommersprossen nun mal hat, sie aber loswerden will, der könnte sie mit Bleichmitteln bekämpfen, wie sie zum Beispiel in Gurken enthalten sind. Leider sind sie in Deutschland verboten. Reicht nicht eine Gurkenmaske? "Dann müßten es schon unverhältnismäßig viele Scheiben sein", deutet Kießling auf kiloweisen Einsatz des Gemüses hin.
Vielleicht wäre es dann doch einfacher, sich mit dem "Makel" abzufinden. Schließlich sind Sommersprossen auch nur Gesichtspunkte - und insofern irgendwie relativ.



Branchenbuch Hamburg
100. Geburtstag
Axel Springer






Abendblatt auf Facebook

Das Rätsel des Tages



