Der "Napola"-Jungstar, der erst mal das Abitur macht
Es stimmt wohl: Kinder haben eine gute Nase für nette Menschen. Denn als die beiden kleinen Mädchen ins Berliner Restaurant "Jules Verne" kommen, ist Max Riemelt der erste, dem sie die Postkarten ihres Schulbasars anbieten. Und obwohl er seit Tagen nicht auf der Bank war, kratzt er sein letztes Kleingeld zusammen, um die Karten zu kaufen. Bevor er zum dritten Mal sagt, wie unangenehm es ihm ist, daß er sich zum Interview verspätet hat. Und dabei tatsächlich rot wird.
Allüren findet Max Riemelt peinlich. Schließlich ist er Berliner. Und so bodenständig, daß er mit Worten wie "Star" nicht viel anfangen kann. Aber er wird von der European Film Promotion (EFP) auf der Berlinale nun als deutscher "Shooting Star" 2005 präsentiert, für seine erste Kinohauptrolle in Dennis Gansels Film "Napola - Elite für den Führer". Der 21jährige spielt den jungen Boxer Friedrich Weimer, der 1942 eine Eliteschule der Nazis besucht. Einig waren sich die Filmkritiker zumindest im Lob der Darsteller. Allen voran Max Riemelt.
Er ist nicht der Typ, der es über Nacht schafft. Eher einer, der Zeit braucht, sich warmzulaufen. Der sich ausprobiert und scheitert, um es dann wieder und wieder zu versuchen, und dabei immer einen Tick besser wird. Das hat er beim Kickboxen gelernt. Seit Jahren trainiert er sechs Mal in der Woche. Ein Pensum, das oft schmerzt. "Aber meine Seele macht das Boxen frei", philosophiert er.
Mit 13 landete er in der Kartei einer Castingagentur und kassierte erst einmal Absage nach Absage. Bis er "gar keinen Bock mehr hatte" und bei einem Vorsprechtermin endlich so locker war, daß er überzeugte. Der Lohn: die Hauptrolle in der ZDF-Weihnachts-Serie "Zwei allein". Es folgen weitere Fernsehfilme und das Kinder-Kinoabenteuer "Der Bär ist los". Unkomplizierte Rollen ohne große Ecken und Kanten. In "Mädchen Mädchen!" im Jahr 2000 avanciert er zum Teenie-Schwarm. Früher habe er nichts Weltbewegendes gedreht, sagt er. Aber mit seiner ersten ernsthaften Rolle konnte er jetzt souverän bestehen. Doch das will Riemelt gar nicht hören. "Oft hört es sich verdammt fremd an, Schauspieler genannt zu werden."
Im Kopf ist er zur Zeit tatsächlich noch ganz woanders. Unter seinem schwarzen Parka liegt der Rucksack mit den Schulsachen. Vor einer Stunde hat er an einem Privat-Kolleg in Charlottenburg noch fürs Abitur gebüffelt. Von Interviews und Filmsets auf die Schulbank. Manchmal kommt ihm das vor wie ein Doppelleben, und er weiß nicht, was er eigentlich ist: Schüler, Schauspieler, beides, nichts davon?
"Nee, zufrieden bin ich momentan nicht", sagt er. "Weil ich nicht weiß, wo ich stehe." In dieser Grauzone hat er sich noch nie gerne bewegt. Vom Theaterspielen hat er schnell die Finger gelassen, als er merkte, daß die Welt der Bühne nicht die seine ist. Und später die Zwei-Zimmer-Wohnung in Friedrichshain gegen ein gemütliches Zimmer in Berlin-Mitte getauscht. "Mehr Platz brauch' ich nicht. Warum also mehr haben?" fragt er, und das klingt so, als seien alle Jas und Neins, Wenns und Abers des Lebens so simpel wie die Wahl der Wohnungsgröße.
Riemelt denkt praktisch. Oberflächliches Blabla mag er nicht. Dann lieber Thai-Curry für seine besten Freunde kochen. Und als ob das nicht schon ungewöhnlich genug wäre für einen 21jährigen, setzt er noch eins drauf: "Das wichtigste im Leben sind Gesundheit und Menschen, die einen lieben."
Andererseits: Max Riemelt hat vom Kickboxen auch das Kämpfen gelernt. Daß die Berlinale seine Chance ist, internationale Kontakte zu knüpfen, weiß er sehr genau. Selbstbewußt spricht er davon, daß "Napola" erst der Anfang war, daß er irgendwann gerne mit John Malkovich oder Monica Belucci vor der Kamera stehen würde. Im Sommer jedenfalls kommt mit Dominik Grafs "Der rote Kakadu" schon seine nächste Hauptrolle in die Kinos.
Ehrgeizig ist er, der Junge mit dem glattgebügelten Gesicht, auf dessen Stirn immer diese eine Denkfalte sichtbar wird, wenn er spricht. Aber er ahnt auch, daß es mit dem Ruhm sein könnte wie mit den Premierenpartys: "Du amüsierst dich gut. Aber am nächsten Morgen wachste auf und weißt genau, daß alles nur Schall und Rauch war." Er klebe nicht an der Schauspielerei. In diesem Jahr sollen zwei Filme jedenfalls genug sein. "Auf neue Projekte habe ich gerade gar keine Lust", sagt er. Noch etwas, das er vom Boxen gelernt hat: Pausen sind wichtig. Dann hat man die besten Chancen, nicht zu Boden zu gehen. (Stefanie Rüggeberg)



Branchenbuch Hamburg
Schatzbüdel

100. Geburtstag
Axel Springer




Abendblatt auf Facebook

Das Rätsel des Tages



