"Erzähl ich denen von Adenauer, sagen die: ,Ist ja kraß, Alter!'"
Nicht früher, sondern heute ist alles besser. Sagt Joachim Lottmann, Autor des Romans "Die Jugend von heute" (Verlag KiWi). Für seine Recherchen verbrachte Lottmann, abgeschleppt von seinem Neffen, ganze Tage und Nächte mit Berliner Jugendlichen, was ihn schwer beeindruckte, und kam zu provozierenden Erkenntnissen. Lottmann ist in dritter Ehe verheiratet.
JOURNAL: Wie haben Sie denn die Jugend von heute erlebt?
LOTTMANN: Als durch und durch liebenswert. Unter den jungen Leuten war kein einziger, der sich rüpelhaft benommen hätte. Sie sind totale Softies und haben alle ihre Eltern lieb. Die Medienklischees von der frechen Jugend sind eine Lüge.
JOURNAL: Haben Jugendliche heute nicht viel weniger zu lachen?
LOTTMANN: Sie haben sogar viel mehr zu lachen. Die Jugend der Metropolen - ich spreche hier nicht vom Landleben, das ist furchtbar - ist definitiv glücklicher als die früherer Generationen. Von ihrer Grundeinstellung her sind sie immer gut drauf.
JOURNAL: Warum nur?
LOTTMANN: Vielleicht begreifen Jugendliche die Realität viel besser als wir. Nicht als Materie aus Stein und Glas und Fließbändern und Arbeitsplätzen, sondern als virtuelle Realität. Wenn sie nachts von vier bis sieben Uhr chatten, die schönsten Mädchen treffen und über Monate virtuellen Sex haben, sind sie aus gutem Grund glücklich. Und ich kann dazu nur sagen: Hut ab!
JOURNAL: Wofür interessieren die sich überhaupt?
LOTTMANN: Für den Flow. Auf einer Welle zu sein, immer in der Wärme der Gruppe. Ab dem Aufstehen klingelt ja im 10-Sekunden-Takt das Handy: ,Hey, was machst du, wo bist du, Alter?' Man vernetzt sich, koordiniert die nächsten Stunden und das ganze Leben. Die Jugend hat nichts mit uns gemeinsam.
JOURNAL: Was mögen Sie an den Jugendlichen?
LOTTMANN: Sie sind angenehm vorurteilslos und wißbegierig. Ich könnte denen drei Stunden am Stück über den Werdegang Konrad Adenauers erzählen, sie würden zuhören, an ihren Joints ziehen und sagen: "Ist ja kraß, Alter!" Sie haben überhaupt keine Vorurteile, trennen weder nach Rasse noch nach Religion, noch nach sexueller Orientierung. Ich hab' gar nicht herauskriegen können, wer hetero ist und wer schwul oder halbschwul.
JOURNAL: Nach Ihren Erfahrungen wird über Sex ohnehin nur gelabert.
LOTTMANN: Sie sind die Post-Aids-Generation, diejenigen, die gar keinen Sex mehr ausüben. Sie praktizieren die historisch völlig neuartige Methode des Schmusens und Kuschelns. Sie bleiben immer 12, mit 22 und auch noch mit 32 Jahren.
JOURNAL: Wie unreif . . .
LOTTMANN: Das ist natürlich die Interpretation alter Leute.
JOURNAL: Und sie bleiben Singles.
LOTTMANN: Nun ja, sie verlieben sich dreimal am Tag und glauben jedes Mal, es sei die Liebe ihres Lebens.
JOURNAL: Wie erziehen die ihre Kinder, falls sie versehentlich doch welche kriegen?
LOTTMANN: Zu Zweierbeziehungen sind sie nicht mehr fähig, statt dessen haben sie viele Bindungen gleichzeitig. Weil sie Vater- und Mutterrolle nicht mehr kennen, kümmert sich die ganze "Homie"-Schar um dieses Kind.
JOURNAL: Wovon leben sie, wovon bezahlen die ihre Handy-Rechnungen?
LOTTMANN: Die zahlen überhaupt nichts, weil sie schlau sind: Sie telefonieren übers Internet, das kostet fast nichts. Ansonsten zaubern sie ihr Geld herbei. Meist tauschen sie ohnehin alles, und falls nötig, ziehen sie sich kleine Jobs an Land. Kellnern, Kurierdienste, Türstehen, irgendwas. Sie würden sich niemals anstellen lassen - das ist letztes Jahrhundert. Sie denken viel weiter, schneller und besser als ihre Eltern, sind durch nichts zu verunsichern.
JOURNAL: Das liegt an den Drogen.
LOTTMANN: Das darf man nicht überbewerten. Drogenphasen wechseln sich ab mit totalen Anti-Drogen-Phasen, in denen sie so clean sind, daß ihnen nicht mal deutsches Mineralwasser rein genug ist. Das schaukelt sich immer dialektisch hoch.
JOURNAL: Was ist Ihre Zukunftsversion für die Jugend?
LOTTMANN: Wenn sie so alt sind wie wir, werden sie Herrscher der Welt sein und sehr verantwortungsvoll alles lenken. Aber bis sie dort ankommen, haben sie eine lange Durststrecke vor sich.



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