Ein Sprachensammler an den Küsten der Welt
Wortjongleur, Maler, Lebenskünstler: Aus Liebe zur Küste tut Ferdinand Blume-Werry seltsame Dinge.
Ein bißchen gegen den Strich gebürstet ist er schon, der Dichter. Ferdinand Blume-Werry sitzt am Küchentisch, zieht eine Augenbraue hoch und liest dann langsam und genüßlich vor: "jit forhüri ja di Uurter ön di Tiiderslach fan di Spraak. trinjom pekjunk Ingis di Winj hiaret dit Halem".*
Das war Friesisch, Sylter Friesisch, und der Dichter findet es wunderbar. Für solche Sätze schlägt er sich die Nächte um die Ohren, verbeißt sich in Laute und Wörter, in Klangfarben und Bedeutungen. Keine Frage: Der Mann mit dem blumigen Namen - seine Vorfahren stammen aus Nicaragua, Norwegen und Bremen-Vegesack - ist von Sprachen besessen.
Doch nicht die Weltsprachen haben es ihm angetan, obwohl er auch schon auf Portugiesisch geschrieben hat, sondern europäische Küstensprachen. Nischen, nach denen man richtig suchen muß: Galizisch, "Sölring" (Friesisch) oder Sardisch. Um die zu lernen, scheut Ferdinand Blume-Werry keinen Aufwand. Fährt jahrelang jede Woche zum Friesisch-Unterricht an die Uni Kiel, verlegt seinen Urlaub nach Santiago de Compostela, weil man da Galizisch lernen kann, löchert Schafshirten auf Sardinien mit seinen Fragen und brütet dann ein Jahr lang über den sardischen Antworten. "Verrückt ist das!", ruft er. "Also wunderschön."
Einen Hang zum Exzentrischen hatte der dünne Mann mit dem dicken Pferdeschwanz wohl schon früh, aber besonders eilig hatte er es in seinem Leben nicht. 16 Semester lang studierte er indische Sprachwissenschaft und Philosophie in Mainz und Hamburg, lernte Sanskrit und Hindi. Doch statt der geplanten Promotion entschied er sich plötzlich für die wildere Variante. "Ich wollte raus aus dem Elfenbeinturm und das machen, was ich mich niemals getraut hatte: freischaffender Künstler werden."
In einer Lyrikwerkstatt lernte er die Frau kennen, die er später heiratete: die Malerin Elisabeth Axmann (70). Sie brachte ihm bei, wie man Radierungen fertigt, und ermutigte ihn zum Ausleben seiner Träume.
Zwanzig Jahre lang lebte das Künstlerpaar in einer alten Villa an der Elbe. Als sie raus mußten, zogen sie in ein Mietshaus in Iserbrook. Hier haben sie sich jetzt mit viel Farbe und Liebe zum Detail eingerichtet, hier entsteht ihre Kunst. Wenn sie nicht gerade auf Reisen sind.
Litauen wäre noch was. "Ich bin eben ein Mensch der Küste", sagt Ferdinand Blume-Werry. "Ich liebe es, an den Rand zu kommen."
* Übersetzt: "Noch verstecken sich die Wörter / im Weidekreis der Sprache / ringsum dunkle Wiesen / der Wind dengelt das Dünengras."



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