45 Jahre GUTE-NACHT- Geschichten
Die dienstälteste Fernsehfigur feiert Jubiläum: das Sandmännchen (Ost) - nach dem Ende der DDR völlig ideologiefrei. Jetzt müßte bei den Kindern nur noch der Traumsand funktionieren!
Spätestens ab 18 Uhr fängt Jannis (4) alle fünf Minuten an zu quengeln: "Kommt jetzt endlich das Sandmännchen?" Ohne dieses bärtige Püppchen, das wie eine Mischung aus Walter Ulbricht und Ho Chi Minh aussieht, gehen er und sein Bruder Jascha (2) nur unter Protest ins Bett. Also sitzen wir jeden Abend gemeinsam auf dem Sofa und beobachten, wie der Sandmann zwischen Plattenbauten umherfährt, in Kasachstan kleine Kinder beglückt oder mit einer Weltraumkapsel im All herumschwebt.
In den USA ist der Sandmann noch nie gelandet, fällt mir nach ungefähr dem 100. Abendgruß auf, während die Pinguin-Südpolgang gerade mal wieder eins ihrer akustisch schwerverständlichen Lieder quakt, bei denen der Jüngste immer so begeistert mitklatscht.
Die USA und das Sandmännchen - das wäre zu DDR-Zeiten wohl so gut wie Volksverrat gewesen. Denn was heute so unschuldig daherkommt, war früher zu großen Teilen die reinste DDR - Propaganda - Maschine. Am 22. November 1959 wurde die Figur im Zuge einer "Klassenkampf-Ansage" von Walter Heynowski, dem damaligen DDR-Fernsehchef, quasi über Nacht ins Programm gehoben. Heynowski hatte erfahren, daß der SFB im Westen auch ein Sandmännchen plante, und wollte vermeiden, "daß der Klassenfeind der DDR auch noch die letzten Zuschauer wegnimmt", wie Sandmännchen-Forscher Volker Petzold weiß.
Die Komposition der bekannten Titelmelodie dauerte drei Stunden - der Schnellschuß war auf Anhieb ein Erfolg. Während sich im Westen keiner der zehn verschiedenen Sandmänner halten konnte, feiert der Ost-Sandstreuer nun mit 45 Jahren seinen Geburtstag als dienstälteste Kinderfernsehfigur. Und er ist neben dem grünen Rechtsabbiegerpfeil das einzige DDR-Relikt, das auch in Westdeutschland Karriere gemacht hat - allerdings erst nach der Wende.
Denn Heynowski blieb zu DDR-Zeiten knallhart beim "Nein", als der damalige WDR-Chef Werner Höfer, ein "Osthasser", viel Geld für den Ost-Sandmann bot. Ansonsten war die kleine Puppe jedoch ein Export-Schlager, zu sehen im sozialistischen Ausland, aber auch in nordeuropäischen Ländern wie Schweden, Norwegen und Finnland - schließlich kam von dort auch die Märchenfigur des "Ole Lukæje" (Ole Augenschließer) von Hans Christian Andersen, der für das Sandmännchen Pate stand.
Wahrscheinlich liefen in Schweden jedoch nicht jene Episoden, in denen zum Beispiel Walter Ulbrichts Geburtstag gefeiert wurde oder der Sandmann, die Hammer-und-Sichel-Fahne schwenkend, die Nationale Volksarmee und die Weltfestspiele besuchte. Ganz linientreu forderten die Sandmännchen-Figuren am 1. Mai die Eltern zur fleißigen Arbeit auf. Und pünktlich zur Ernte fuhr der rotgekleidete Wicht mit dem Traktor übers Feld oder lenkte zur Leipziger Messeeröffnung kindgerecht einen Brückenlegerpanzer.
"Der Sandmann wurde zur ideologischen Erziehung benutzt. Man propagierte durch ihn den technischen Fortschritt der modernen DDR", sagt Sandmännchen-Forscher Petzold, den schon als Kind der umfangreiche Fuhrpark der Puppe fasziniert hat.
Während die Mehrheit der DDR-Bürger zu Fuß oder im Trabi unterwegs war, durfte das Sandmännchen nämlich mit Raketen durchs Weltall düsen, futuristische Flugzeuge steuern und mit einem Geländewagen durch den Dschungel Afrikas preschen - letzteres sollte die Solidarität mit dem Befreiungskampf der Afrikaner ausdrücken. Für den Sandmann gab es kein Reiseverbot, allerdings durfte er nur politisch korrekte Länder besuchen - wie etwa den Irak nach der Machtübernahme Saddam Husseins. "So sollte das Wissen der Kinder über die Welt erweitert werden", erklärt Petzold.
Da ist es doch beruhigend, daß heute allein "ein guter, harmonischer Tagesausklang" das erklärte Ziel der Sandmännchen-Redakteurin Anne Knabe ist. Bildung kommt nicht mehr mit dem Holzhammer, sondern subtiler durch die lehrreichen Abenteuer des "kleinen Königs" oder der naturliebenden Maulwürfe "Paula und Paula". Jetzt müßte nur noch dieser Traumsand zum Schluß anständig funktionieren - für unsere Söhne ist er noch längst nicht das Signal für eine ruhige Gute-Nacht-Stimmung.
"Unser Sandmännchen" Rätselaktion bis zum 22.11. mit vielen Überraschungspaketen. Täglich auf KIKA um 18.55 Uhr.
"Happy Birthday, Sandmännchen". Sondersendung mit oft gewünschten Sändmännchen-Filmen. Am 22.11. auf KIKA um 18.30 Uhr. www.sandmaennchen.de



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