Die Geschichte einer Muse
Ein Geheimnis der Kunstgeschichte: Wer war "Das Mädchen mit dem Perlen-Ohrring"? Tracy Chevalier schrieb 1999 das Buch zum aktuellen Film. Eine fiktive Geschichte? Wir sprachen mit ihr.
Ein Film, in dem viele Bilder - eins nach dem anderen - zu einem bewegten Ganzen verschmelzen. Ein bisschen Rembrandt, ein bisschen Brueghel. Meist im typischen Halbdunkel der niederländischen Genremalerei, dem natürlichen Licht der Flammen, die vor der Erfindung der Glühbirne gang und gäbe waren. Ruhig und intensiv.
Wie das Mädchen, das uns anschaut, in einer Mischung aus Schüchternheit und Verlangen: das Mädchen mit dem Perlenohrring, gemalt von Johannes Vermeer (1632-1675). Wie die "Mona Lisa" ging es in die Kunstgeschichte ein: auch so ein Gesicht voller Rätsel, in die Generationen von Kunsthistorikern bis heute Gefühl und Absicht hineininterpretieren.
1665/66 soll das Gemälde entstanden sein. Tracy Chevalier, ein Mädchen in Washington, hatte es 1981 als Poster in ihrem Schlafzimmer hängen. Da war sie 19. "Ich lag eines Morgens im Bett, betrachtete das Gesicht des Mädchens und dachte: ,Was hat Vermeer getan, um sie gleichzeitig so glücklich und traurig aussehen zu lassen?' Innerhalb von drei Tagen hatte ich eine ganze Geschichte dazu ausgearbeitet. Es war nicht schwer, ich konnte alles an ihrem Gesicht ablesen. Vermeer hatte die Arbeit schon gemacht."
1999 - sie hatte inzwischen ein Jahr kreatives Schreiben studiert - machte sie endlich ein Buch daraus. Sie machte das Mädchen zum Hausmädchen im Hause Vermeer und nannte sie Griet. Das Buch wurde ein Bestseller, bisher um die drei Millionen Mal verkauft. Jetzt läuft der Film zum Buch an: "Das Mädchen mit dem Perlenohrring" von Regisseur Peter Webber.
Er verbindet die Fantasie Tracy Chevaliers mit dem Wenigen, was man von Vermeer kennt, zu einem Film voller Ausdruckskraft. "Es ist eine sehr spezieller Film. Ich habe es genossen, ihn anzusehen wie eine Serie von echten Gemälden. Wunderbar", schwärmt Tracy Chevalier.
Im holländischen Delft, so geht die Geschichte, wird ein junges Mädchen beim Maler Jan Vermeer angestellt. Sein Drang zur Genauigkeit und zu ausgefeilten Lichteffekten lässt ihn in seinem unruhigen Haushalt die künstlerische Isolation suchen. In Griet erkennt er jemanden, der empfänglich ist für seine Arbeit, für die Farben, und sieht sie auch als Modell, das ihn inspiriert und das er malt - heimlich.
Das Buch, einfach, aber dicht geschrieben, verzichtet auf schnörkelreiche Beschreibungen. Fast altmodisch, ohne jegliche moderne Spezialeffekte, schildert auch der Film Griets Leben in Vermeers Haus und im (Original-)Atelier des Malers. Sie ist die Tochter eines Kachelmalers, die als Dienstmagd das Geld für ihre gesamte Familie verdienen muss, als ihr Vater erblindet.
Im Film, wie in der Historie, ist Vermeer immer in Geldnot. Er muss sich häufig hohe Summen leihen, u. a. von seinem Gönner Pieter van Ruijven. In Buch und Film wurde auch übernommen, dass Vermeer fasziniert war von der "camera obscura"; und dass es in seinem Bild "Das Mädchen mit der Wasserkanne am Fenster" tatsächlich einen Stuhl gegeben hatte, den er aber übermalte, wie Röntgenaufnahmen enthüllten. Im Film gibt es dazu eine wunderbar reduzierte Szene: Griet stört der Stuhl, sie nimmt ihn weg - und Vermeer übernimmt es widerspruchslos ins Bild.
Scarlett Johansson, bekannt vor allem aus "Lost in Translation", zeigt als Griet ihre Stärke mit der hypnotisierenden Wirkung eines Stummfilmstars. Ihr Kummer über ihre Armut und ihre romantische Leidenschaft werden in ihrer sensiblen Mimik und sparsamen Reaktionen lebendig. Sie fühlt sich angezogen von Vermeer, aber sie tut mit äußerster Zurückhaltung, was er verlangt, bis hin zu der Ungeheuerlichkeit, dass sie sich von ihm für das Porträt ein Ohrloch stechen lässt - damit sie die Ohrringe tragen kann, ausgerechnet die Ohrringe seiner Frau.
War es damals so? Es könnte so gewesen sein. Genau so. "Ich war begeistert, wie Tracys Geschichte Vermeers Arbeit reflektiert, mit welcher Nähe und welchem Verständnis sie das Ganze zu einem epischen Werk werden lässt", freut sich Regisseur Webber. Deutlich schwebt Griets unausgesprochenes Verlangen, Vermeer über die Grenzen des Anstands hinaus nahe zu sein, in jeder Atelierszene mit.
"Die Sehnsucht ist die Maschine, die jeden antreibt", sagt Tracy Chevalier. "Sie liegt überall drin, aber nicht nur als Sehnsucht nach Menschen. Ein Künstler zum Beispiel wünscht sich, etwas auszudrücken. Wenn man jung ist, glaubt man, dass Sehnsucht das Wichtigste ist, aber nach einer Weile merkt man dann: Das stimmt nicht. Es ist wichtig, aber eben nur ein Aspekt im Leben."
Und so macht sie Griet zu einer Art Personifizierung dieser Tatsache. Griet weiß, wohin sie gehört, ist Vermeers Muse, bleibt aber auf Abstand. Und so wenig er ihre Sehnsucht erfüllt: Sie trifft sich doch mit dem Fleischersohn Pieter, denn er wird einst ihr Leben sein. Nicht Vermeer.
Drehbuchautorin Olivia Hetreed sah das genauso. "Sie verstand genau, was ich sagen wollte", sagt Tracy Chevalier, "sie konnte die Themen für den Film noch weiter spinnen. Sie hat einiges ins Drehbuch geschrieben, von dem ich wünschte, dass es mir eingefallen wäre."



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