Mufflig, faul, schmusig: TIGER
30 Raubkatzen haben im neuen Film "Zwei Brüder" von Jean-Jacques Annaud ("Der Bär") mitgewirkt. Hier erzählt er von den schwierigen Dreharbeiten in Kambodscha.
Der Faszination von Tigern kann man sich nicht leicht entziehen. Die großen Raubkatzen strahlen eine unnachahmliche Mischung von Eigenschaften aus. Sie sind majestätisch, lässig, muskelbepackt und unbezähmbar. Von einer Sekunde auf die andere können sie sich von einem verspielten Wesen in einen gefährlichen Jäger verwandeln. Dabei sind sie selbst Gejagte. Ihr wunderschönes Fell hat sie zum Opfer eines Gegners gemacht, gegen den sie sich kaum wehren können: den Menschen.
Diese Faszination hatte auch der französische Regisseur Jean-Jacques Annaud im Hinterkopf, als er sich daran machte, die Gestreiften zu den Hauptdarstellern in seinem neuen Film "Zwei Brüder" zu machen. Er erzählt darin von den Tigerbabys Kumal und Sangha, die in den 20er-Jahren im Dschungel von Indochina leben. Sie werden getrennt und wachsen unter völlig unterschiedlichen Verhältnissen auf. Einer wird an den Zirkus verkauft, der andere wird der Spielgefährte des Sohns vom Gouverneur. Aber beide Brüder begegnen sich noch einmal. In einer Arena sollen sie gegeneinander kämpfen. Werden sie sich wiedererkennen?
Man würde dem französischen Regisseur Jean-Jacques Annaud Unrecht tun, wenn man ihn als Tierfilmer bezeichnen würde. Aber der Oscar-Gewinner (1977 für "Sehnsucht nach Afrika") hat neben hochkarätigen Literaturverfilmungen ("Der Name der Rose", "Der Liebhaber"), einem Steinzeit- ("Am Anfang war das Feuer") und einem Weltkriegsdrama ("Duell - Enemy At The Gates") schon einmal einen spektakulären Film über wilde Tiere gedreht. "Der Bär" lockte 1989 in Frankreich mehr als neun Millionen Zuschauer in die Kinos.
Warum jetzt, 15 Jahre später, die Rückkehr in die Wildnis? "Tiere helfen einem, die eigenen Instinkte besser zu verstehen", sagt Annaud. "Wir glauben zu sehr, dass wir von der Natur weit entfernt sind." Das herauszufinden dauert für den 1943 geborenen Franzosen recht lange. Nach dem Ende seines Filmstudiums unterrichtete er eine Zeit lang in Kamerun. Mit drastischen Folgen für den rational-intellektuell erzogenen Filmemacher. "Afrika war ein enormer Schock für mich. Ich habe erst dort entdeckt, meinen Instinkten und Emotionen zu trauen."
Für Annaud sind die Ähnlichkeiten zwischen Tier und Mensch eine ausgemachte Sache, die er noch einmal neu erzählen wollte. Die 30 Tiger, die er bei den Dreharbeiten einsetzte, erwiesen sich als kooperativ, aber sehr unterschiedlich. "Ich hatte einen muffeligen, einen stolzen, einen faulen, einen schmusigen, einen Verführer, einen Macho . . ." Gedreht wurde in einem großen eingezäunten Areal. Regisseur, Kameramann und Crew filmten aus einem starken Käfig heraus. Das war sicher. Meistens jedenfalls. Ab und zu versuchten die 300 Kilogramm schweren Tiger nämlich, durch die nur mit Karnickeldraht gesicherten Öffnungen für die Kameras ins Innere des Käfigs zu gelangen. Annaud nennt das verniedlichend "ziemlich spezielle Momente".
Aber die Dreharbeiten in Kamboscha waren nicht nur wegen der Tiger gefährlich. "Wir mussten die vielen Landminen entfernen, und auch die medizinische Versorgung vor Ort war schwierig", sagt Annaud, der für eine Crew von 150 Mitarbeitern verantwortlich war.
Die menschlichen Schauspieler sind in seinem Film eigentlich nur Statisten. Dabei hat der von Guy Pearce verkörperte Jäger McRory, der durch die Freundschaft zu einem Tiger zum Raubtierschützer wird, interessante historische Vorbilder. "Jim Corbett war um die Jahrhundertwende einer der berühmtetsten Tigerjäger", erklärt Annaud. Nachdem Corbett sich auch mit Büchern über seine Jagderfolge einen Namen gemacht hatte, wechselte er die Seiten und errichtete in Indien die ersten Parks zum Schutz der Tiger. Und der französiche Romanautor Andre Malraux ("So lebt der Mensch") begann als Plünderer kambodschanischer Kunstschätze, kam dafür ins Gefängnis, schrieb darüber - "und später wurde er de Gaulles Kulturminister", sagt Annaud und lacht.



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