Montag, 28. Mai 2012, 19:40

Abendblatt als Startseite | Aboservice | E-Paper

www.abendblatt.de

  • E-Mail
  • Singles
  • Branchenbuch
  • Jobs Hamburg
  • Immobilien Hamburg
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Rechner
  • Ticket kaufen

Journal

Ein letzter Blick aufs Paradies

Eine Frau sucht nach ihrer Familiengeschichte - in der Südsee. Ronald Wrights neuer Roman verbindet die Selbstfindung der Heldin mit historischen Fakten, Fiction und Abenteuer.

Die Dokumentarfilmerin Olivia Wyvern sitzt im Frauengefängnis von Arue auf Tahiti und wird fälschlich verdächtigt, in den Tod einer jungen Frau verwickelt zu sein. Während sich die Indizien der Ankläger nur allmählich entkräften lassen, konzentriert sie sich auf einen Brief, eher einen Lebensbericht - an ihre Tochter, die sie nicht kennt. Mit 16 Jahren hatte sie das Kind in England zur Welt gebracht und sofort zur Adoption freigegeben.

Jetzt zieht die inzwischen erwachsene Tochter Erkundigungen über Olivia ein, sie spürt ihren Wurzeln nach. So wie Olivia selbst, die in die Südsee gekommen ist, um das Schicksal ihres Vaters aufzuklären. Der Air-Force-Pilot wurde 1953 im Koreakrieg als vermisst gemeldet. Warum hat die Mutter nie an seinen Tod geglaubt? Wusste sie mehr, als sie den Töchtern erzählt hat? Olivia folgt einem Hinweis, dass er desertierte und auf den pazifischen Marquesas- Inseln Zuflucht fand.

Ein zweites, älteres Familienrätsel führt in diese Region: der lange, wunderbar gearbeitete Speer aus schwarzem Holz, Erbstück eines Vorfahren namens Henderson. In seinen Tagebüchern, die Olivia im Keller findet, schildert Henderson, wie er den Kronprinzen Edward ("Eddy") und seinen Erzieher Dalton auf einer "Bildungsreise" begleitete. Auf der Marquesa-Insel Nuku Hiva spielte sich ein Drama ab, das Henderson nur dem Tagebuch anvertraute. Was er mitbrachte, war der Speer. Eine Trophäe? Ein Geschenk.

Der Brite Ronald Wright, wohnhaft in Ontario/Kanada, hat für seinen ersten Roman "Die Schönheit jener fernen Stadt" (A Scientific Romance, 1997) bereits Preise bekommen. In "Hendersons Speer" verknüpft er authentische und fiktive Ereignisse in Kolonialzeit, Nachkriegszeit und Gegenwart. Die Bildungsreise von "Eddy", Sohn Edwards VII. und Enkel von Königin Victoria, hat 1879- 1882 auf der H.M.S. Bacchante wirklich stattgefunden.

"Eddy" war jenes schwarze Schaf der königlichen Familie, das wegen seiner homosexuellen und Unterwelt-Beziehungen sogar verdächtigt wurde, Jack the Ripper zu sein. Er starb knapp zehn Jahre nach der Reise, ohne den Thron bestiegen zu haben. Auch Commander Francis B. Henderson hat wirklich gelebt - ein Verwandter von Wright.

Was der Roman-Henderson als geheime Episode schildert, entspringt Wrights Fantasie. Aber an den historischen Kontext der Reise hat sich der Autor gehalten, "so genau wie möglich". Die historischen Personen sind in dem Roman Scouts, die in die Geschichte des Südpazifik zurückführen; einer Region, deren Bild Robert Louis Stevenson ("In der Südsee") und Moby-Dick- Autor Herman Melville ("Taipi") geprägt haben.

Dieses Bild vom "edlen Wilden" und von Südseeromantik überkleistert das wahre Schicksal der vielen Inselgruppen. Wright versucht, den Kleister zu beseitigen. Melvilles und Stevensons Paradiese mit ihren alten Kulturen wurden beim kriegerischen Gezerre zwischen Frankreich und England am Ende des 19. Jahrhunderts schon großenteils zerstört. Eine Fortsetzung folgte nach dem Zweiten Weltkrieg, als die USA (seit 1953 auf dem Bikini-Atoll) und Frankreich (seit 1966, Mururoa-Atoll) Atomversuche durchführten. Viele Nachbarinseln wurden verstrahlt. Das Greenpeace-Schiff "Rainbow Warrior", das dagegen protestierte und Bewohner evakuierte, wurde kurz danach vom französischen Geheimdienst versenkt.

Für ihr Eindringen in diese "verbotenen Zonen" wird Olivia mit ihrer Haft "verwarnt". Aber sie, die ihren Vater als Kind schmerzlich vermisste, die ein Kind bekam, ohne Mutter zu werden, gewinnt am Ende ihrer Suche neue Gewissheit und Sicherheit im Leben. Wright zeichnet seine Figuren glaubwürdig, die vielen Schauplätze anschaulich; ohne Beschwülstigung gelingt ihm oft eine eigene Poesie - ein Klang von Trauer um das missbrauchte Eden.

  • Ronald Wright, Hendersons Speer. Dt. Erstausgabe, übers. von Sophie Kreutzfeldt, Dt. Taschenbuch Verlag, 395 S., 15 Euro.

  •  

    Artikel versenden

    Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus