Vom verlorenen Radiergummi
Eines seiner schönsten Bücher: die neu veröffentlichten Gedichte und Zeichnungen des Nobelpreisträgers.
ines der schönsten Bücher von Günter Grass, zum 75. vor zwei Jahren versprochen, ist jetzt erschienen: "Lyrische Beute", ein Band mit 147 Gedichten aus allen Schaffensperioden des Nobelpreisträgers sowie 86 Zeichnungen - vom Verfasser gestaltet.
Da lesen wir wieder von den "Vorzügen der Windhühner", mit denen der junge Dichter 1956 die Gruppe 47 wie auch das literarische Kolleg des Walter Höllerer in Berlin auf sich aufmerksam machte, drei Jahre, bevor mit der "Blechtrommel" der sensationelle Durchbruch als Romancier folgen sollte. Und wie stets, wenn Grass an einem Buch arbeitete, setzte er sich mit dem Stoff auch zeichnerisch und dichtend auseinander. So mit dem "Tagebuch einer Schnecke" 1972, der in Hamburg entstandenen "Rättin" 1986 oder dem "Butt" 1977, in dem es in dem Gedicht "Worüber ich schreibe" heißt:
"Ich schreibe über den Überfluß, Über das Fasten und warum es die Prasser erfunden haben. Über den Nährwert der Rinden vom Tisch der Reichen. Über das Fett und den Kot und das Salz und den Mangel. Wie der Geist gallebitter und der Bauch geisteskrank wurden, werde ich - mitten im Hirseberg - lehrreich beschreiben."
Grass' mitunter lakonischer Humor, er wird in diesen Gedichten durch die Reduktion deutlicher als in seinen Romanen. Er beschreibt zum Beispiel eine Lappalie in fast Brechtscher Kürze:
"Gestern verlor ich meinen Radiergummi; ohne ihn bin ich hilflos. Meine Frau frägt: Was ist? Ich antworte: Was soll sein? Ich habe meinen Radiergummi verloren."
Die Zeichnungen und Verse gehen bis ins letzte Jahr, als er sich mit kleinen Bronze-Plastiken und Gedichten des Themas "Tanz" annahm - Reminiszenzen an die Nobelpreis-Feier in Stockholm werden wach, als der Dichter, die Tochter im Arm, im Leihfrack nächtens über das festliche Parkett schob. Grass' "Lyrische Beute" sagt mehr über den Künstler und sein Werk als noch so viele kluge Rezensionen.



Branchenbuch Hamburg
Schatzbüdel

100. Geburtstag
Axel Springer




Abendblatt auf Facebook

Das Rätsel des Tages



