Zwei Lebensläufe
Der Fluss. Der hat schon viel gesehen. Und der Junge. Der hat viel zu schlucken. Auszeichnung Klasse 9/10
Wer ich bin? Die Römer nannten mich "Albis", die Deutschen "Elbe". Ich habe im Laufe meines langen Lebens viel gesehen. Entstanden ist mein Tal aus einem Gletscher, meine Quelle entspringt fern von hier, in einem Land, das die Menschen Tschechien nennen, und endet in einem großen Meer. Die Leute beteten mich an, sie verfluchten mich. Ich bot ihnen Schutz und vernichtete sie. Oft hat mein Anblick die Menschen erfreut, oft war mein Wasser blutrot gefärbt.
Es war ein Tag wie jeder. ER ging zur Schule. Immer denselben Weg. Nie würde es ein anderer sein. Er kannte jede Stelle, jeden Stein, jede Baumwurzel. Er liebte ihn nicht, doch er war ihm vertraut. Dann Schule. Dort traf er viele Leute, Freunde und . . . Chrisch. Der piesackte ihn, wo es ging. Chrisch war jeder Anlass recht, er wartete förmlich darauf, dass ihm etwas Peinliches passierte. Zu Hause wars auch nicht viel anders. Da kümmerte sich niemand um ihn.
Viele Menschen zogen über mich hinweg. Jäger, Sammler und Siedler. Einige dieser ließen sich an mir nieder und gründeten eine Stadt, die sie Hamburg nannten. Zu Beginn waren das nur einige Strohhäuser mit Rauchöffnungen, die von einem Erdwall umgeben waren. Und dann kamen sie: Männer aus dem Norden, die sich Wikinger nannten.
O.k., er war da. Discman auf den Ohren, gegähnt und in Richtung Klassenraum. Er saß an einem viel zu kleinen Tisch, hörte dem Geschwätz der anderen zu, beteiligte sich daran. So war es immer, aber hier kam jeder auf seine Kosten. Die Prahler und die Stillen. Eine Art zweites Zuhause. Er wurde um Geld angepumpt, er lieh den anderen ein offenes Ohr und auch Hausaufgaben. Das war zwar nicht toll - aber sein Preis, um dazuzugehören. Und dann betrat er den Klassenraum. Die Tür knallte hinter ihm ins Schloss.
Sie hatten schnelle und wendige Boote mit viereckigen Segeln. Darauf waren wilde Kerle. Sie zündeten die Siedlung an. Alles brannte lichterloh. Ich hätte die Menschen beschützen sollen, doch man benutzte mich als Mittel zum Zweck. Als die Nordmänner wieder abfuhren, hatten sie Hamburg dem Erdboden gleich gemacht.
Chrisch stand wie selbstverständlich im Raum und bahnte sich seinen Weg zu ihm. Er wich nicht zurück, sondern tat so, als beachte er ihn gar nicht.
Und dann begann Chrisch mit einem hämischen Grinsen: "Na, Bubi, letztes Wochenende auf 'ner Party gewesen?" "Nö, wieso?" "Wenigstens was getrunken?" Kopfschütteln. "Weichei!" Lachend ging er siegreich von dannen.
So was würde nicht noch einmal passieren, das schwor er sich. Ein Freund kam zu ihm und sagte, er solle ihn nicht ernst nehmen. "Wie könnte ich?", lachte er, die Tränen zurückhaltend.
Doch die Menschen kamen wieder und bauten die Stadt viel größer und besser, mit viel stärkeren Mauern und viel schöneren Häusern wieder auf. Bis dann ein Mann in die Stadt gebracht wurde.
Der folgende Vormittag verlief ruhig. Doch dann ging es wieder los. Am Schultor wartete Chrisch . . .
Fortsetzung im Internet: www.zeit-stiftung.de/schreibmal
Ulrich Denzer (16), Klasse 10, Gymnasium Bondenwald, findet Deutsch und Geschichte richtig spannend. Er surft auch gerne mal im Internet.



Branchenbuch Hamburg
Schatzbüdel

100. Geburtstag
Axel Springer




Abendblatt auf Facebook

Das Rätsel des Tages



