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Journal

"Schiff backbord!" Ein Unglück im Nebel

. . . er konnte doch nichts anderes und wollte auch nichts anders in seinem Leben tun, außer ein Schiff fahren . . . Auszeichnung Klasse 9/10

Nebel, überall nur Nebel, die Sicht ist gleich null. Vom Hafen ist nichts zu erkennen, keine anderen Schiffe sind zu sehen, und es herrscht eine trügerische Ruhe. Es sind zwar keine hohen Wellen, aber irgendwas stimmt hier nicht. Manni hat schon so einiges in seinem Seefahrerleben erlebt, aber diese Brühe ist auch für ihn etwas Neues. Konzentriert versucht er etwas zu erkennen, schließlich ist er hier im Hamburger Hafen, links und rechts liegen Stege, die Landungsbrücken und das "König der Löwen"-Zelt, aber es ist nichts zu sehen, trotz Nebelscheinwerfer.

Zu dem Nebel kommt auch noch die Nacht hinzu, es ist stockdunkel. Allmählich bekommt es Manni mit der Angst zu tun. Er weiß, dass er hier nicht alleine ist. Hier fahren noch viele andere Schiffe, was ist, wenn Manni sie zu spät sieht? Langsam bewegt sich das Schiff weiter in Richtung Landungsbrücken, durch den wohl schlimmsten Nebel seit langer Zeit hindurch. Manni und sein Freund können nur vermuten, wo sie jetzt sind. Die Speicherstadt, waren da nicht eben Umrisse von den alten Klinkerhäusern?

Ja, so muss es sein. Manni geht es etwas besser, endlich weiß er wieder ungefähr, wo er ist. Angestrengt verfolgt er den Funkverkehr anderer Schiffe und schaut gebannt nach draußen durch sein Fenster. Wenn er schon bei der Speicherstadt ist, müssen es nur noch wenige Minuten bis zu seinem Anlegeplatz sein. Langsam fängt Manni an sich zu entspannen. Er denkt an den restlichen Abend: Anlegen, ausladen, sich mit dem Händler treffen und dann gemütlich in die Kneipe setzen und mit Kollegen über diesen verdammten Nebel reden. Während Manni noch in seinen Gedanken über den Feierabend versunken ist, rennt sein Freund über das Deck, er war ganz vorne, um Ausschau zu halten. Aufgeregt läuft er zu Manni. "Schiff backbord, Schiff backbord!" Manni schaut nach links, und plötzlich sieht er etwas großes Schwarzes vor sich auftauchen. Geistesgegenwärtig reist er das Steuer nach rechts, jedoch vergebens. Ein lauter Schrei von seinem Freund, gefolgt von einem Hupen und Krachen.

Bis zu diesem Punkt erinnert sich Manni, als sei es gestern gewesen. Fünf Wochen ist dieser Unfall nun schon her, vor drei Tagen wurde er aus dem Krankenhaus entlassen. Die Ärzte sprachen von einer Armee von Schutzengeln. Seinen Freund hat dieser Unfall das Leben gekostet, Manni war einige Minuten unter Wasser, nach vier Tagen im Koma wachte er mit fünf Knochenbrüchen, einer Gehirnerschütterung und zahlreichen Prellungen im Krankenhaus auf. Was zwischen dem Unfall und seinem Erwachen aus dem Koma passiert ist, ist in Mannis Erinnerungen nicht mehr vorhanden. Drei Tage ist er jetzt schon wieder aus dem Krankenhaus heraus, wie hat er sich auf diesen Moment gefreut, endlich wieder frei sein! Manni ist 49 Jahre alt und leidenschaftlicher Seefahrer. Es war eine Qual für ihn, ans Bett gefesselt zu sein, vielleicht wurde er deswegen so außergewöhnlich schnell wieder gesund. Sein Drang zur Freiheit und zum Wasser ist größer als bei vielen anderen Menschen, deswegen war die Nachricht seines Arztes einen Tag vor seiner Entlassung härter, als alles zuvor. "Herr Manfred Beck, ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie. Sie werden morgen entlassen, alle Verletzungen sind besser verheilt, als wir erwartet hatten."

Das war die gute Nachricht.

"Die schlechte ist, dass wir bei Ihnen eine enorme Sehschwäche festgestellt haben. Ob diese durch den Unfall bedingt ist oder schon vorher vorhanden war, können wir nicht sagen. Auf jeden Fall wird Sie diese im normalen Leben nicht sonderlich beeinträchtigen, jedoch dürfen Sie nicht mehr als Kapitän mit einem Schiff fahren. Ihnen wurde Ihre Lizenz als Berufskapitän entzogen."

Diese Worte des Arztes waren für Manni schlimmer als jeder Unfall oder Sturm in seinem bisherigen Leben. Was sollte er jetzt machen, er konnte doch nichts anderes und wollte auch nichts anders in seinem Leben tun, außer Schiff fahren. Mit 49 ein Pflegefall? Arbeitslos sein, vielleicht noch ein paar Jahre von Sozialhilfe leben und dann als Krüppel mit 60 sterben?

Diese Aussichten schwirren Manni im Kopf herum, während er, wie so oft seit seinem Unfall, am Hafen spazieren geht und über sein Leben nachdenkt. Sein einziger Freund ist bei diesem Unfall ums Leben gekommen, Manni hat sich in seinem Leben noch nie sehr um Beziehungen oder Freundschaften gekümmert. Das Einzige, was er mochte, war das Wasser mit den Schiffen und Häfen, er war ein Teil davon, und genau das wurde ihm nun genommen.

Langsam geht Manni den Kai entlang, an den Landungsbrücken vorbei zu den Barkassen, wo die Kapitäne Passagiere für Hafenrundfahrten werben wollen. Manni versucht sich zu erinnern, war der Unfall wirklich seine Schuld? Was war das überhaupt für ein Augenleiden, wenn er jetzt ordentlich gucken konnte, warum konnte er dann kein Schiff lenken? Der anfänglichen Ohnmacht folgen nun Frust und Unverständnis. Niemand kann mich vom Schifffahren abhalten!, denkt er und geht entschlossen zu den Anlegern im Hafen.

Ohne sich wirklich darüber im Klaren zu sein, was er eigentlich gerade tut, steigt Manni in das kleine Motorboot eines Bootsvermieters, macht die Leinen los und legt ab. Nach einigen Minuten kommt er in die Nähe der Unfallstelle von vor fünf Wochen.

Da sind sie plötzlich wieder, die Bilder des Unfalls, der Nebel, das Hupen und das Schreien. Alles ist wieder genauso, als wäre es gestern gewesen. Manni kann keinen klaren Gedanken fassen, Schweiß läuft ihm den Rücken runter, und ihm gehen die Bilder aus jener Nacht nicht mehr aus dem Kopf. Wo befindet er sich überhaupt genau? Er weiß zwar, dass er in der Nähe der Speicherstadt ist, aber wo genau, etwa in der Fahrrinne anderer Schiffe? Jetzt hat er nur ein kleines Boot und muss den großen ausweichen, eigentlich hat ein kleines Motorboot zwischen Tankern, Fracht- und Passagierschiffen nichts zu suchen. Die können ihm nicht ausweichen, die sehen so ein kleines Bötchen doch gar nicht.

Plötzlich werden die Wellen größer, aber es ist doch kein Sturm? Manni weiß, diese Wellen müssen von einem anderen Schiff kommen, dass ihn gleich wieder rammen wird, genau wie damals . . .

Fortsetzung im Internet: www.zeit-stiftung.de/schreibmal

Gregor Joachim (16), 10. Klasse, Gymnasium Stormarnschule, schrieb in Praktika schon für Zeitungen und Internet. Er dreht auch gern Videofilme.

 

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