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Journal

Schmidt treibt mit

Seine Freundin schaute sich jeden Freitag- abend die Comedys auf RTL an. Er fand die langweilig, aber seine Freundin lachte, und Schmidt lachte mit. 3. Preis Klasse 11-13

Immer wenn Schmidt unglücklich ist, fährt er Auto. Er fährt ohne Ziel quer durch Hamburg, lässt sich einfach im Verkehr treiben. Das beruhigt ihn. Die Stadt lebt, sie pulsiert. Die Fußgänger gehen nicht durch die Straßen, sie fließen in breiten Strömen, fließen in Häuser hinein, fließen aus Häusern heraus, fließen durch Geschäfte und fließen durch alle Winkel der Stadt. Die Autos fahren nicht, sie fließen, mal schnell und gleichmäßig, mal langsam und zähflüssig. An jeder Ampel kommt der Autofluss ins Stocken, aber nicht lange, und er strömt weiter, immer weiter, ohne je für lange Zeit abzureißen. Am liebsten ist es Schmidt, wenn es regnet. Dann fließt die ganze Stadt.

Heute fährt er wieder Auto, ist wieder unglücklich. Er lässt seine Freundin in seiner hellen, warmen Wohnung in Osdorf zurück, steigt in seinen silbergrauen Opel Astra und fährt los, wie immer. Trotzdem ist alles anders als sonst. Er kann es nicht genießen, sich einfach treiben zu lassen. Er will etwas ändern. Er hat es satt, mit dem Strom zu schwimmen. Er will aus dem alten Fluss, der jede seiner Handlungen bestimmt, aussteigen. Er will dagegen angehen. Doch das möchte er nicht erst seit heute. Vor zwei Monaten, an seinem dreißigsten Geburtstag, ist ihm bewusst geworden, dass er sein Leben ändern will. Bis dahin war es eintönig, langweilig. Er hat nie das getan, was er wollte, und scheinbar hat er nicht einmal einen eigenen Willen gehabt.

Er biegt aus den kleinen Nebenstraßen in die Hauptstraße ein. Jetzt kann er gleichmäßig fünfzig fahren und nachdenken.

Während der Schulzeit war er manchmal zu Partys eingeladen worden. Seine Freunde tranken, besoffen sich maßlos. Er verabscheute diese sinnlos betrunkenen Gestalten, aber Trinken gehörte dazu. Und Schmidt trank mit.

Später, wenn Schmidts Freunde in die AOL-Arena zu einem Fußballspiel gingen, ging er mit. Dabei interessierte ihn das Spiel nicht wirklich. Seine Freunde johlten, schimpften, grölten und ereiferten sich. Ihm kam das Ganze lächerlich vor. Aber Schmidt grölte mit.

Seine Freundin schaute sich jeden Freitagabend die Comedys auf RTL an. Er fand diese langweilig und niveaulos, aber seine Freundin lachte darüber. Und Schmidt lachte mit.

Die Sonntage verbrachten er und seine Freundin bei ihren Eltern. Pünktlich um 12.30 Uhr wurde zu Mittag gegessen, das dauerte ungefähr eine Stunde, danach gab es Kaffee, dann gingen alle zusammen eine halbe Stunde spazieren und gegen 15 Uhr gab es Kuchen. Vor 17 Uhr kamen Schmidt und seine Freundin nie nach Hause. Die Fragen der Eltern waren immer dieselben: Wie geht es euch? Wie läuft die Arbeit? Gefällt es euch noch in eurer Wohnung? Und schließlich: Denkt ihr nicht daran, bald zu heiraten? Für ihn waren diese Treffen oberflächlich, und er musste sich dazu quälen.

Fortsetzung im Internet: www.zeit-stiftung.de/schreibmal

Kirstin Grantz (19), 13. Kl., Gymnasium Willhöden, verfasst oft Kurzgeschichten. Schreiben ist ihr Hobby und ihr Berufsziel:Journalistin.

 

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