Flucht vor den Machos
Im Iran haben Frauen keine Rechte. Sarah Hosseinis Mutter wollte das nicht akzeptieren. Sie ging nach Deutschland. Ein Heimatbesuch in dem streng islamischen Land nach 16 Jahren wurde auch für ihre Tochter zum Albtraum.
Obwohl ich die Aufnahmeprüfung zur Lehrerin mit voller Punktzahl erreicht hatte, durfte ich nicht unterrichten, da ich nicht strenggläubig war" oder "Nach einer Demonstration gegen die Regierung habe ich viele meiner Freunde nie mehr wieder gesehen, man sagt, sie wurden umgebracht" oder "Dein Vater und ich wurden sogar schon mal von der Polizei verfolgt, nur weil wir Jeanshosen getragen hatten". Solche Geschichten kriege ich von meiner Mutter zu hören, wenn ich sie auf ihr Heimatland, den Iran, anspreche.
Meine Mutter ist zwar schon 43 Jahre alt, aber zum Glück überhaupt nicht streng. Dies ist auch nur so, weil sie als junge Frau nicht viele Freiheiten hatte und sie mir somit umso mehr gönnt. Strenggläubig ist sie auch nicht, jedoch wurde sie damals, auf Grund des Glaubens ihrer Familie, zum Islam gezwungen, auch Moslimin zu sein, obwohl sie gar nicht an Allah glaubte.
Mit fünfundzwanzig Jahren hatte meine Mutter dann endgültig genug von diesem von Männern dominierten Land und flüchtete nach Deutschland. Grund für die Flucht war, dass sie in ihrer Jugend noch die europäischen Zeiten des Irans kennen gelernt hatte. Das hieß, man ging feiern, konnte sich mit dem anderen Geschlecht treffen, und alle waren gleichberechtigt. Jedoch folgten nach der Revolution 1979 die noch heute bestehenden streng islamischen Zeiten.
Dieses lag daran, dass eine strenggläubige Regierung (unter Khomeini) an die Macht kam und von da an die Frauen im Iran keine Rechte mehr hatten. Dazu gehört, dass eine Frau das Land nicht ohne die Erlaubnis ihres Mannes verlassen darf. Wenn die Frau von ihrem Mann beim Ehebruch ertappt wird, hat dieser das Recht, sie zu töten. Nach einer Scheidung geht das Sorgerecht der gemeinsamen Kinder an den Vater. Zudem werden Frauen bei Gerichtsverhandlungen nicht als Zeugen zugelassen.
"Ich habe es gehasst, immer darauf achten zu müssen, dass kein Haar unter meinem Kopftuch hervorguckt. Deswegen traute ich mich auch kaum auf die Straße, vor Angst, etwas Falsches zu tragen oder zu machen. Denn die Polizei hatte an allem etwas auszusetzen."
Denn ein zu freizügiges Auftreten der Frau in der Öffentlichkeit wird durch spöttische oder verletzende Sprüche der Passanten bestraft. Außerdem befinden sich überall auf den Straßen Polizisten oder Aufpasser, die Personen, die auf Grund ihrer Freizügigkeit auffallen, aus der Menge herauspicken und abführen. Noch heutzutage gibt es den Tod durch Steinigung wegen Fremdgehens oder das Amputieren von Gliedmaßen auf Grund von Diebstahl.
All diese Gesetze schreckten mich natürlich ab, da ich in Deutschland geboren und groß geworden bin. Doch nach 16 Jahren Heimweh entschloss sich meine Mutter, dann doch in den Iran zu fliegen, um ihre Familie wiederzusehen. Obwohl sie mittlerweile nicht mehr betet und Schweinefleisch isst, musste sie sich vor ihrer Familie als Moslimin ausgeben.
Am wichtigsten war ihr aber, dass ich, als ihre Tochter, das extreme Gegenteil von Deutschland kennen lerne und mir eine eigene Meinung über den Iran machen konnte.
Ich schwitzte dann ganze sechs Wochen bei 40 Grad Celsius, da ich verschleiert auf die Straße gehen musste. Mir rutschte alle zwei Minuten das Kopftuch herunter, da diese Art von Kopfbedeckung neu für mich und wirklich lästig war. Ich wurde etliche Male von der Polizei ermahnt, da meine Fußknöchel zu sehen waren. Einmal wurde ich sogar dazu gezwungen, mir Söckchen zu kaufen und diese anzuziehen.
Nach all diesen Erlebnissen habe ich mir meine eigene Meinung über den Iran gebildet. Ich bin meiner Mutter dankbar dafür, dass sie den Mut hatte, ihr Heimatland und ihre Familie zu verlassen.
Denn so hat sie mir ermöglicht, in Deutschland aufzuwachsen und mir meine eigene Meinung über die Welt und das Leben zu bilden, also zu einer "mündigen Bürgerin" zu werden.
Sarah Hosseini, Kl. 10/11 Handelsschule Altona



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