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Journal

Meisterwerke der Etrusker

Nur ihre prächtigen Totenstätten verraten heute noch etwas über das geheimnisvolle Volk im antiken Italien: die Etrusker. Eine Doppelausstellung in Hamburg bringt uns ihre Mythen näher - Grabkultur mit Fresken und wertvollen Beigaben.

Frühjahr 1857, in der Nähe der italienischen Stadt Vulci: Unter Anleitung des Archäologen Alessandro François beginnen einige Männer zu graben, legen nach und nach einen mehr als 30 Meter langen Gang frei. François hofft, dass es sich dabei um den künstlich in den Fels geschnittenen Zugangsweg zu einem bedeutenden etruskischen Grab handelt. Aber der Erfolg des Unternehmens ist höchst ungewiss. Nach 14 Tagen stoßen sie endlich auf einen Hohlraum. "Wie eine Schlange" kriecht der Archäologe dort hinein. Nun ist er sicher, eine bedeutende Entdeckung gemacht zu haben. "Die Freude, die in diesem Moment in mein Herz strömte, war so groß, dass es weder eine Feder geben kann noch ein Talent, deren Ausmaß zu beschreiben", notiert er später.

Dabei hat er zu diesem Zeitpunkt den eigentlichen Schatz noch gar nicht gesehen. Erst nach weiteren zwei Wochen erreicht François das Hauptgrab, sieht die vor den Wänden stehenden Totenkisten, die Totenbetten mit den darauf liegenden Körperresten, die Aschenurnen und die kostbaren Grabbeigaben aus Terrakotta, Bronze und Gold - etwa 250 Objekte.

Das Kostbarste aber offenbart sich erst nach und nach im flackernden Licht der Kerze: Die Wände der Grabkammer sind über und über mit großartigen Fresken bemalt, einem Fries kämpfender Tiere und dramatischer Darstellungen aus der griechischen Mythologie und der etruskischen Geschichte. Er sieht Achilles, der mit dem Schwert einen trojanischen Gefangenen tötet und dessen Blut dem Schatten seines Freundes Patroklos opfert, jenes Helden, der von Hektors Hand fiel. Die Mythen sind griechisch, die Bilder etruskisch. Und die Todesgöttin Vanth, die hinter Achill steht, entstammt bereits dem etruskischen Pantheon.

Auf der rechten Wand sind Szenen eines Kampfes zu sehen, in dem Etrusker in schwerem Handgemenge einen ihrer Anführer befreien. Die Figuren mit ihren feinen Lasuren wirken ungemein plastisch. François ist überwältigt und fühlt sich "an die besten Zeiten von Botticelli und Perugino" erinnert. Nur die etruskischen Namen, mit denen die Figuren bezeichnet waren, machten ihm klar, dass er hier keine Fresken der Renaissance vor sich hatte, sondern Meisterwerke der Antike.

Jetzt bringt eine Doppelausstellung in Hamburg uns die Kultur der ebenso faszinierenden wie rätselhaften Etrusker näher. "Den überwältigenden Eindruck, den François 1857 im Augenblick seiner Entdeckung hatte, wollen wir den Besuchern auch vermitteln", sagt Bernard Andreae, der Kurator der Etrusker-Ausstellung, die unter dem Titel "Bilder vom Diesseits - Bilder vom Tod" im Bucerius Kunst Forum gezeigt wird; zu sehen sind gleich mehrere vollständige Fresken-Zyklen aus etruskischen Gräbern. Parallel dazu stellt das Museum für Kunst und Gewerbe den etruskischen "Luxus für das Jenseits" vor - die kostbaren Grabbeigaben.

Einzigartig ist die Präsentation. Denn die ältesten Zeugnisse europäischer Malerei werden, teils im Original, teils als Faksimile, in ihrem ursprünglichen Raumzusammenhang ausgestellt.

Wer in dem etwa 100 Kilometer nördlich von Rom gelegenen Tarquinia auf dem Hügel Monterozzi die bedeutendste etruskische Nekropole besucht, kann die ausgemalten Grabräume nur durch Glasfenster betrachten. In der Hamburger Ausstellung ist es den Besucher dagegen möglich, in die rekonstruierten Gräber einzutreten und die Fresken so zu betrachten, wie sie sich ihren Entdeckern präsentierten.

Aber welche Vorstellungen verbanden die Etrusker mit dem Tod? In der um 500 vor Christus entstandenen Tomba Scrofanera und der Tomba del letto funebre, die ebenfalls im Bucerius Kunst Forum im Original rekonstruiert werden, erscheint er nicht als schreckliches Ereignis, sondern vielmehr als heitere Fortsetzung des irdischen Seins. Dagegen vermittelt die nach ihrem Entdecker benannte Tomba François, die Hauptattraktion der Ausstellung, ein düsteres Bild: Die etruskische Todesgöttin Vath wirkt schon Furcht erregend, aber ihr Kollege Charun fletscht sogar die Zähne und sieht mit seiner krummen Nase geradezu abstoßend aus. In der linken Hand hält er einen Hammer, mit dem er die Tür zum Jenseits einschlägt - keine beruhigende Vorstellung.

"Dass die Bilder der Tomba François heute überhaupt wieder in dieser Farben- und Leuchtkraft zu sehen sind, grenzt schon an ein Wunder", sagt Bernard Andreae und erzählt die Geschichte dieses einzigartigen Grabes: Alessandro François starb schon wenige Monate nach der Entdeckung des Grabes, vermutlich an den Folgen einer schweren Erkältung, die er sich in dem kalten und feuchten Gemäuer zugezogen hatte. Er erlebte nicht mehr, wie die Fresken 1862 auf Anordnung des Papstes im Auftrag von Fürst Torlonia unter Zuhilfenahme von Sacktuch und wasserlöslichem Leim von den Wänden abgelöst, nach Rom gebracht und dort im Palazzo Torolonia aufbewahrt wurden. "Damals war das ein gängiges Verfahren, aber heute wäre so etwas aus konservatorischen Gründen natürlich undenkbar", sagt Professor Andreae, der von 1984 bis 1995 Direktor des renommierten Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Rom war.

1948, nachdem die Malschicht auf Leinwand übertragen wurde, kamen die Fresken in die Villa Albani. Doch ihr Zustand war inzwischen Besorgnis erregend. Das änderte sich erst in den letzten Monaten nach einer umfassenden Restaurierung durch die Werkstatt L'Officina, die die Hamburger Zeit-Stiftung im Auftrag des Bucerius Kunst Forums mit 100 000 Euro finanziert hat.

Januar 2004, Rom: Gleich hinter der auch im Winter von Touristen belagerten Piazza Navona erhebt sich an der Piazza Sant' Apollinare der stattliche Bau des Palazzo Altemps mit dem Museo Nazionale Romano. In der Restaurierungswerkstatt im Obergeschoss befinden sich - teils an die Wände gelehnt, teils auf dem Boden, teils auf Arbeitstischen liegend - die 37 originalen Freskenfragmente der Tomba Francois. Die meisten Puzzleteile des grandiosen etruskischen Bilderzyklus' strahlen bereits wieder in kräftigen Farben, aber noch haben die Restauratoren ihre Arbeit nicht beendet.

Konzentriert sitzt eine junge Frau vor ihrer Staffelei, auf der der Teil eines Frieses eingespannt ist. Mit dem Pinsel trägt sie etwas destilliertes Wasser auf. Dann nimmt sie einen kleinen Wattebausch und tupft Schmutzschicht um Schmutzschicht ab. Die Substanz der Farbe darf nicht beschädigt werden. "Es geht vor allem darum, die Fresken zu reinigen und ihre Substanz zu festigen", sagt Andreae, der fasziniert ist von der Strahlkraft, die die 2300 Jahre alten Kunstwerke Quadratzentimeter für Quadratzentimeter zurückgewonnen haben.

Zum Abschluss ihrer Arbeit haben die Restauratoren im Museo Nazionale die Fragmente der Tomba Francois auf Platten aus Aluminiumlamellen befestigt. Dann wurden sie in Klimakisten verpackt und nach Hamburg transportiert. Dass solche Kunstwerke Italien überhaupt verlassen können, ist eine Ausnahme - möglich nur dank der Restaurierung durch die Zeit-Stiftung.

Aber wie baut man die Gräber so nach, dass Besucher sie tatsächlich betreten können? Im vergangenen Sommer hat Bernard Andreae in Vulci die leere Grabkammer fotografiert, ausgemessen, dokumentiert. Gemeinsam mit einem Tischler, der nicht nur Handwerker, sondern ein Holzkünstler ist, und einem ebenso begeisterungsfähigen Innenarchitekten entwickelte er eine raffinierte Holzkonstruktion, die den T-förmigen Grundriss der Tomba François nachbildet und über ein Stützsystem verfügt, an dem die Aluminiumplatten mit den Originalfresken angebracht werden.

Das Resultat wird eine Rekonstruktion sein, die den Raum der Tomba François originalgetreu nachbildet. Man tritt hinein und kann tatsächlich erahnen, was Alessandro François im Augenblick seiner Entdeckung empfunden hat. Damit die Illusion perfekt wird, muss man sich auch jene Kostbarkeiten vor Augen führen, die im Museum für Kunst und Gewerbe zu sehen sind: die Luxusgegenstände, auf die reiche Etrusker auch im Jenseits nicht verzichten wollten.

 

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