Der Fischmann und die Reste einer zerstörten Zivilisation
Mister Anthony T. Cheung kann die amerikanische Unabhängigkeitserklärung auswendig aufsagen. Doch die Bedeutung der Wörter hat sich längst verflüchtigt. Sein Vortrag hat beruhigende Wirkung und könnte auch als Einschlafgeschichte herhalten. Verheißungsvoller für die Bewohner Floridas sind dagegen die Programme von Cubaradio, die mit leichter Musik unterhalten und versprechen, dass alle Hörer unter dem Schutz der Regierung in Havanna stehen.
US-Autor Denis Johnson spottet gern über die Ängste seiner Landsleute. Doch dieser Sarkasmus ist in seinem Roman "Fiskadoro" eher marginal. Im Zentrum steht die Frage, wie Überlebende eines Atomkrieges an die Reste einer zerstörten Zivilisation anknüpfen. 1985 kam "Fiskadoro" heraus, 1990 erschien eine deutsche Übersetzung, die jetzt überarbeitet wurde. Johnsons bildmächtiger Roman mit seiner bizarren Fantasie hat den zeitgeistigen Anlass von Wettrüsten und Atomkriegsangst locker überlebt.
Mister Cheung ist Manager des Miami Symphony Orchestra und Mitglied einer wissenschaftlichen "Gesellschaft". Doch hört sich dies gewaltiger an, als es ist. Denn Cheung lebt in einer Ruinenstadt, die einmal Key West war und jetzt Twicetown heißt, weil sie zweimal von Nuklearraketen verschont wurde, die als Blindgänger niedergingen.
Die "Gesellschaft" ist der hilflose Versuch, aus zufällig verschonten Büchern ein Wissen der Vergangenheit zu rekonstruieren. Und das Orchester setzt sich ebenso beliebig aus Leuten mit übrig gebliebenen Instrumenten zusammen.
Während Cheung sich an die Vergangenheit klammert, ist Titelheld Fiskadoro ein Kind seiner Zeit. Er lebt bei den Fischern und spricht ein spanisch-englisches Kauderwelsch. Mit Cheung verbindet ihn ein Schatz, den er in einem alten Samsonite hütet: eine Klarinette. Fiskadoro ist ein talentfreier Schüler, der Lehrer Cheung doch überflügelt: Der "Fischmann" wird von Sumpfbewohnern gefangen, überlebt einen archaischen Initiationsritus und verliert unter Drogeneinfluss sein Gedächtnis. Was ihn in einer Welt, in der Bob Marley mit Jahwe, Allah und Quetzalcoatl um den Part des einen Gottes konkurriert, zum Erlöser macht. Cheung erkennt: "Du hast keine Erinnerungen, die dich wahnsinnig machen." (Lutz Wendler)
Denis Johnson: Fiskadoro. Rowohlt Verlag, 255 S.; 19,90 Euro.



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