Bücher im Journal: Ein Hoch auf den Gentleman
Roman: Ford Madox Ford beschrieb schon 1924 den Verfall der jahrhunderte- alten britischen Gesellschaft. Jetzt wurde das Meister- werk übersetzt.
Er war eine der schillerndsten Persönlichkeiten der englischsprachigen Literaturszene. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts machte sich der deutschstämmige Ford Hermann Hueffer (1873- 1939) unter dem Pseudonym Ford Madox Ford einen Namen als Dandy, Frauenheld, Gentleman und Lebemann.
Seine Affären sorgten für Aufruhr, und sein exzentrischer Lebenswandel bescherte ihm ständige Geldsorgen. Zudem tat er sich hervor als produktiver, genialer Schriftsteller, dem es gelang, die Stimmung und die Gesellschaft der zerfallenden englischen Upperclass in rasanter Prosa zu verarbeiten.
Jetzt ist Fords Roman "Manche tun es nicht", der in England bereits 1924 publiziert wurde, erstmals in deutscher Sprache erschienen. Christopher Tietjens ist die Hauptfigur dieser traurigen Geschichte über Betrug, Scheinheiligkeit und zwischenmenschliche Grausamkeiten, die stark autobiografische Züge trägt.
Der untersetzte Endzwanziger Tietjens gilt fachlich als genial, wird privat aber an seiner tragischen Ehe gemessen. Sylvia ist eine kaltherzige Schönheit, die Tietjens aus Berechnung heiratet, ihn wegen eines anderen verlässt und dann bei dem Gehörnten ohne Zeichen von Reue um Wiederaufnahme bittet. Tietjens lässt sie zurückkehren, denn er ist der perfekte Gentleman: höflich, zurückhaltend, intelligent und von einer geradezu übermenschlichen Selbstbeherrschung.
Die Demütigungen seiner Frau erträgt er, ohne mit der Wimper zu zucken. Er versucht sogar, den Ruf Sylvias zu retten. Das ruiniert ihn schließlich, denn er gerät in einen Teufelskreis aus Verleumdungen, Unterstellungen und Betrug. Die beginnende Liebesbeziehung Tietjens zu einer selbstbewussten Suffragette markiert eine Wende, denn obwohl Tietjens mit stoischer Gelassenheit die Ungerechtigkeiten erduldet, kann er jetzt endlich Gefühle zugeben und ausleben.
Der Roman spielt unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs im englischen Großbürgertum der edwardianischen Gesellschaft. Während auf dem Kontinent bald der Krieg toben wird, ergeht sich der britische Adel an Klatsch und Konversation. Die Handlung folgt keinem linearen Schema, es fehlt ein allwissender Erzähler, die Geschichte erschließt sich durch die intensive Darstellung von Szenen, Gefühlen und Gedanken. Dieses Gestaltungsprinzip entwickelte Ford mit Joseph Conrad, den er 1898 kennen lernte und mit dem er drei Romane verfasste. Grandios sind Fords Personenbeschreibungen, er vermag in wenigen Worten Menschen anhand von Gesten zu porträtieren.
An Tietjens Schicksal zeigt er den Verfall der Traditionen und Maßstäbe einer Gesellschaft, die im Umbruch begriffen ist, aber an moralischen Grundsätzen festhält. Ford Madox Ford gelingt es mit diesem Gesellschaftsroman, große Figuren zu schaffen und an ihnen exemplarisch den Verfall einer jahrhundertealten Gesellschaft zu demonstrieren. Er schaut mit Melancholie und Zynismus dem Untergang der britischen Oberschicht zu.
Ford Madox Ford: Manche tun es nicht. Eichborn Berlin, ISBN 3-8218-0710-5, 433 Seiten; 24,90 Euro.



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