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Journal

Die Suche nach dem Inka-Gold

Die Hochkultur der Inka war schon für viele Überraschungen gut. Archäologen vermuten, dass ihr Reich sogar bis zum Amazonas reichte. Die ZDF-Reihe "Schliemanns Erben" hat neue Exkursionen begleitet.

Coca-Tee steht nicht auf der Getränkekarte des Hamburger Literaturhaus-Cafes. Michael Tauchert muss japanischen Sencha zum Interview bestellen - selbst die Einfuhr eines harmlosen Coca-Teebeutels fiele in Deutschland unter das Betäubungsmittelgesetz. Auf seinen Reisen durch Südamerika jedoch schwört der gebürtige Berliner auf den aus den Blättern der Coca-Pflanze gewonnenen Mate, um in extremen Höhen gegen die soroche, die tückische Höhenkrankheit, gefeit zu sein: "Der hat einfach sehr positive Auswirkungen."

Und Tauchert, der zeitweise in Hamburg und seit mehr als 20 Jahren in Kolumbien lebt, kennt die Tücken großer Höhen. Zuletzt musste der Dokumentarfilmer im August und September 2003 mit der sauerstoffarmen Bergluft umgehen, als es ihn nach Peru an die Ufer des 3810 Meter hoch gelegenen Titicacasees verschlug. Das sagenumwobene Gewässer wurde für Tauchert die erste Station eines Abenteuers im Sinne des Entdeckers und Forschers Heinrich Schliemann, Auftakt für die fünfte Staffel der populären ZDF-Reihe "Schliemanns Erben". Eine Expedition, die Tauchert tief in die Historie des südamerikanischen Kontinents führte: zur "Goldstraße der Inka".

"Den Schweiß der Sonne" nannten die Inka ihre unermesslichen Goldschätze, denen die verschwundene Andenkultur wohl in erster Linie ihre ungebrochene Faszination verdankt. Vieles wurde gefunden, manches geplündert, weniges sicher verwahrt. Noch immer werden große Goldvorkommen in unentdeckten Städten vermutet. Hier setzten Tauchert und sein Team an. Ihre These: Die Inka, deren Imperium sich Anfang des 16. Jahrhunderts über 5000 Kilometer von Südkolumbien bis ins heutige Chile ausdehnte, sind sehr viel weiter nach Osten vorgedrungen, als bisher angenommen wurde.

"Ideal ist es, eine Frage zu beantworten und dabei neue Geheimnisse zu entdecken", so beschreibt Michael Tauchert seine Faszination für Archäologie, eine Wissenschaft, die gerade deshalb zur Sisyphusarbeit wird. "Das ist ein Teil der menschlichen Psychologie", glaubt er. "Mythen, neue Geheimnisse . . . Wir brauchen das!" Und Südamerika, Taucherts Wahlheimat, ist ein geradezu prädestiniertes Terrain.

Welchen geographischen Umfang hatte das gewaltige Inka-Reich tatsächlich? Welche Beziehungen unterhielten die Inka zu den Völkern des Amazonas? Wie tief drangen sie vor in die grüne Hölle des Dschungels?

Trotz der nicht ungefährlichen Bauernaufstände und Coca-Kriege (nicht nur der erdige, leicht bittere Tee ist ein Produkt der berüchtigten Coca-Pflanze, sondern auch die Droge Kokain) besuchte Tauchert die Projekte von finnischen und US-amerikanischen Archäologen, die ihn (samt knapp 600 Kilo Filmausrüstung und Gepäck) mit auf ihre Streifzüge nahmen. Als Grundlage der Exkursionen diente dabei eine einmalige Errungenschaft der Inka, die weder Rad noch Schrift kannten: die Quipu, ein Verschlüsselungssystem, das mit geknüpften Knotenschnüren selbst komplexere Informationen übermitteln konnte. Nach der spanischen Eroberung ging diese Kunst weitgehend verloren - bis auf Ausnahmen, wie jene erst kürzlich entdeckte Übersetzung eines Quipu-Codes aus dem Jahr 1790: Sie berichtete erstmals von einem Inka-Vorstoß in die Amazonas-Region und von einer Festung, die dort am Zusammenfluss zweier Ströme errichtet worden sei. Ein Hinweis auf Paititi, das unentdeckte "El Dorado" der Inka?

"Das ist alles ein bisschen wie bei Indiana Jones, nur wissenschaftlich fundiert", findet die Hamburgerin Gisela Graichen, Initiatorin von "Schliemanns Erben", die im Schnitt 5 Millionen Zuschauer pro Folge erreicht und seit mittlerweile zehn Jahren im ZDF "Scherben putzt", wie sie es flapsig nennt. Über ihren Autor sagt sie anerkennend: "Der Tauchert ist ein Irrer!" Schon morgens um vier habe er sein Team hochgescheucht, um die Forscher zu begleiten: über die verschlungenen Pfade, versteckten Routen und bewachsenen Trails der Capac Ñan, wie die Inka ihr 40 000 Kilometer langes Straßensystem bezeichneten. Ein Wege-Netz, das nicht mit Wagen oder Kutschen befahren, sondern von Staffettenläufern genutzt wurde. Dieses Kommunikations- und Transportkonzept war so ausgereift, dass der "Inka", der jeweils herrschende Sonnenkönig, auch tief im Inland nicht auf frischen Meeresfisch verzichten musste.

Solche Forschungsergebnisse sind bekannt. Bei Besuchen von heiligen Stätten wie der "Sonneninsel" im Titicacasee oder rituellen Zentren in dessen Nähe jedoch stießen die Wissenschaftler jetzt außerdem auf Objekte mit Darstellungen einer Tierwelt, wie sie in den kargen Bergregionen der Anden nicht vorkommt - darunter Fabelwesen aus Schlange, Leguan und einem Pumakopf.

Die logische Schlussfolgerung: Die Inka hatten sehr wohl Kontakt zu den Völkern des amazonischen Tieflandes. Dort also muss man suchen - und dort suchen sie nun, die Historiker, Archäologen und Abenteurer. Und sie finden. Immer mehr und immer deutlichere Anzeichen für ein Vordringen der Inka gen Osten: von Menschenhand behauene Urwaldsteine oder Scherben mit typischem Inka-Muster nahe der brasilianischen Grenze. Der "Inka-Limes", das muss inzwischen als bewiesen betrachtet werden, verlief mindestens 400 Kilometer weiter im Inneren des Kontinents als bisher angenommen. Eine spannende, aufregende Schnitzeljagd steht den Forschern bevor. Gleich drei aufwendige Expeditionen sind in nächster Zeit geplant, berichtet Tauchert: "Der Urwald soll gescannt werden." - aus der Luft, mit Hilfe von Militärhubschraubern und Satellitenfotografie, und auf dem Boden, zwischen giftigen Schlangen und Tausendfüßlern, mitten in Gebieten von Malaria und Dengue-Fieber. Michael Tauchert hat die Filmrechte bereits angeboten bekommen. "El Dorado tatsächlich zu finden, wäre dabei eigentlich eine Katastrophe", philosophiert der Filmemacher. Dass das allzu bald passiert, ist allerdings kaum zu befürchten. Und wenn doch, werden dort neue Fragen, "neue" alte Mythen, neue Geheimnisse warten: "Es gibt so viele weiße Flecken auf der Landkarte." Die Suche geht weiter.

 

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