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Journal

Kopfüber ins Aquarium

Krimi: Sehr skurril und tiefgründig spannend: "Ein sturer Hund" von Heinrich Steinfest ist einer der besten Kriminalromane des Jahres.

Er ist einfach ein wenig anders. Markus Cheng, Privatdetektiv mit einzeiligem Eintrag im Branchenbuch, ist ein "verdammter Wiener", wie er sagt, auch wenn er aussieht wie ein "verdammter Chinese". Er nimmt nur solche Fälle an, die ihm nicht auch noch seinen zweiten Arm kosten. Der eine ist schon weg, flach hängt sein Sakkoärmel in der Tasche. Irgendeine Sache mit einer Frau ist daran Schuld. Cheng hält sich da bedeckt, zumal er seit jener Begebenheit auch ein Bein nachzieht. Kein Detektiv klassischer Provenienz also, den Autor Heinrich Steinfest sich für seine bislang zwei Cheng-Romane ausgedacht hat, sondern ein körperlich lädierter, ein beschädigter Ermittler, dem sein Job unauslöschliche physische Spuren eingeschrieben hat, quasi Stigmata des Überlebenskampfes in der Moderne. Der Detektiv als Krieger im Alltagsdschungel, von Wien hat es ihn derweil ins beschaulichere Stuttgart verschlagen.

Auch sonst ist alles etwas anders bei Heinrich Steinfest. Seine Figuren sind ein wenig verschrobener als in anderen Kriminalromanen, seine Art des Erzählens ein wenig betulicher, behäbig manchmal, drohend, sich im beschriebenen Detail zu verlieren, doch den Tod immer fest im Visier. Schließlich ist der Autor Österreicher, Wiener, um genau zu sein.

Und da dem Wiener ein besonders ausgeprägtes, in gewisser Weise inniges Verhältnis zum Tod nachgesagt wird, geht es in Steinfelds außerordentlichem Kriminalroman "Ein sturer Hund" auch so blutig wie skurril und schwarzhumorig zu: Ein abgeschlagener Kopf landet in einem Aquarium. Von möglichen Folgen für die zarte Zierfischseele mal abgesehen - am schlimmsten erwischt hat es natürlich den ehemaligen Kopfträger, ein gewisser Marlock, Programmierer von Beruf, der kurz zuvor noch am Tresen einer Bar mit einem Kollegen einige Pils gekippt hatte. Ihnen gegenüber saß eine Frau, elegant und athletisch; sie porträtierte Marlock auf einem Bierdeckel. Die Frau und Marlock verließen später gemeinsam die Bar. Mortensen, ein erfolgloser Schriftsteller, ist Zeuge dieser Szene. Ihn trieb es eher beiläufig in die Bar, weil er sich, ohne zu wissen warum, auf die Spur Marlocks gesetzt hatte, weil dieser in einer Bibliothek Mortensens Bücher ausgeliehen hatte. Der Schriftsteller verfolgt seinen vielleicht einzigen Leser, und den Fortgang der Geschichte entwickelt Steinfest aus dieser zufällig erscheinenden Konstellation - bis zu jenem Moment, in dem Mortensen aus einem Versteck heraus beobachtet, wie Marlocks abgetrennter Schädel . . . siehe oben.

Die Struktur seiner Geschichte gründet Steinfest auf einem sicheren Fundament, auf die eigenbrötlerische Figur des Mortensen, der weltabgewandt für sich lebt, dessen sorgsam austarierte seelische Symmetrie ins Wanken gerät, nachdem er die Folgen der gräuslichen Tat mit ansehen musste. Ein kleiner Mann, der aus seiner Angst, seiner komischen Verzweiflung heraus jedoch auch eine spezifische Form des Mutes entwickelt. Dann wendet er sich an Markus Cheng.

Mit einer präzisen, mit exakten kleinen Charakterstudien gespickten Dramaturgie entwickelt Steinfest die Handlung. Ihrem Sog kann man sich nicht entziehen. Kein Wiener zudem, der sich nicht einen Seitenhieb auf seine Landsleute erlaubte. "Die Österreicher blicken nie zu Gott, immer nur zu den Deckenmalereien auf", schreibt Steinfest. Was er dort sieht, ist eine virtuos erzählte Geschichte, tiefgründig spannend und durchsetzt von intellektuell verspieltem Humor. Eine der besten deutschsprachigen Kriminalromane des Jahres.

  • Heinrich Steinfest: Ein sturer Hund. Piper-Verlag, 314 Seiten; 8,90 Euro.

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