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Journal

Ein Sittenbild der Spießbürgerlichtkeit

Roman: Frits Bernard Hotz erzählt von den Sehnsüchten einer Kindheit in den Nieder- landen, von Ehekrisen und Enttäuschungen.

Ich wünschte, ich hätte eine verkrüppelte Freundin, um lieb zu ihr zu sein", schrieb Frits Bernard Hotz am 13. Mai 1942 als Zwanzigjähriger in ein Heft. Er hatte beschlossen, Schriftsteller zu werden und deshalb sein Studium der Werkzeugtechnik abgebrochen. Aber an diesem Tag wurde noch nichts aus der Literatur. Er musste erst als Jazzposaunist ein anderes Leben führen, ehe er 1975 als Schriftsteller debütierte.

Er schrieb vor allem Erzählungen autobiografischen Inhalts, und einige sind jetzt zu einem "Roman in Erzählungen" von Sibylle Mulot übersetzt und unter dem Titel "Die Chaussee" zusammengefasst worden. Der Roman endet mit der Eintragung von 1942, erzählt also von der Kindheit und dem Heranwachsen des in den Niederlanden hoch gelobten Autors.

Der Titel steht für die Chaussee vor dem elterlichen Haus in Leiden. An derselben großen Straße, auf der anfangs noch die Dampf-Tram fuhr, später die "Elektrische", wohnten die Großeltern väterlicherseits.

Die glückliche Kindheit wurde von den Ehekrisen der Eltern und auch der Großeltern überschattet. Die Männer waren untreu und ihre Frauen die Dummen. Der Großvater starb in den Armen einer Geliebten, die Eltern ließen sich nach endlosen Zänkereien scheiden.

Ein Umzug nach Haarlem machte es für den Ich-erzählenden Autobiografen und seine etwas ältere Schwester noch schlimmer. Eine Siedlung mit sparsamen Einfamilienhäusern ist für Kinder aus der Stadt einfach langweilig.

Selten liest man von den Beschädigungen einer Kindheit und der Sehnsucht nach Vertrautheit und Vertrauen, auch nach Urbanität, so schlicht und eindrücklich wie bei Hotz.

Zugleich malt Hotz ein Sittenbild gehobener Spießbürgerlichkeit. Der Vater war Reisender für eine Weingroßhandlung. Der Großvater war Versicherungsvertreter. Beide verfügten über eine in diesem Beruf lebensnotwendige gewinnende Art und sahen gut aus. Sie hatten Glück bei den Frauen - und sie suchten es auch.

Zu Hause waren sie unfrei, fühlten sich unterdrückt, merkten nicht, dass sie die Ursache für die schlechte Stimmung waren.

Die Kinder bekamen davon mehr mit, als sie verstanden. Sie spürten die Kämpfe der Erwachsenen und litten darunter.

Die Mutter des Autors wurde nach der Scheidung schwermütig und krank. "In der Liebe tun wir einander den Tod an." Der Junge wird - inzwischen sind die Niederlande von den Deutschen besetzt - nicht erwachsen. Er pubertiert nachhaltig, von seiner Mutter genervt, von seinem Vater enttäuscht. Er pendelt zwischen den Loyalitäten zu den getrennten Eltern, hat kein Selbstbewusstsein. Auch sein Versuch, konspirativ eine Untergrundzeitung zu verteilen, misslingt ihm.

Als er, was ihm ausdrücklich untersagt war, eines Tages zu den Vertrauensleuten im Untergrund gehen wollte, "witterte ich instinktiv, dass ich an diesem Tag in meinen Augen wieder wie eine Null dastehen würde. Ich besaß keine ausformulierte Theorie darüber, dass das hartnäckige Scheitern, erwachsen zu werden, eine Voraussetzung für die gesuchte Lebensform in der Zukunft sein könnte."

Nur aus einem diskreten Nachwort seines Freundes Maarten't Hart wissen wir, dass der vor drei Jahren gestorbene Frits Bernard Hotz als Posaunist und auch als Schriftsteller keineswegs scheiterte. Er wurde ein bislang für deutsche Leser nicht entdeckter Klassiker der niederländischen Literatur. "Die Chaussee" ist hoffentlich erst der Anfang seiner posthumen Karriere im Lande der ehemaligen Besatzer seiner Heimat.

Frits Bernard Hotz: Die Chaussee. Roman in Erzählungen. Deutsch von Sibylle Mulot, Arche Verlag, 284 Seiten; 21 Euro.Harald Loch

 

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