Mit Polgar im Ratskeller
Auf dem Nachttisch
Harry Rowohlt hat ein großes Alfred-Polgar-Lesebuch zusammengetragen. Das sind Texte, zwischen deren Fugen und Ritzen zarte Gräser der Ironie wachsen, deren Pflanzen später Steindecken sprengen. Polgar schrieb über Seifenblasen und Katastrophen, Liebe und Autopannen, Schüchternheit, Reisen oder Lebensglück. Nie drängelt das an die Hirnpforte der Leser, manchmal ist es ins Heitere gewandelte Qual, die nicht immer süße Erkenntnisse auffunkeln lässt. Siegfried Jacobsohn meinte, Polgar keltere den Wein der deutschen Sprache, Tucholsky jubelte, er habe ihr viele prächtige Kinder gemacht. Man trifft auf Eleganz, Klugheit und Charme, wo immer man dieses Lesebuch aufschlägt.
Harry Rowohlt gibt zu, dass es nicht schwer war, gute Texte zu finden, weil Polgar keine "Durchhänger" geschrieben hat. Harry durfte übrigens als kleiner Junge seinen Vater Ernst Rowohlt in den Ratskeller zu einem Treffen mit Alfred Polgar begleiten. Die beiden Herren wetteten um 100 Mark. Polgar gewann. Harry, "vorlauter Rotzlöffel vom Mecki bis zur Sohle, krähte: ,Alfred, das Geld kriegst du nie!'" Eine Woche später kam ein Brief mit einem Hundertmarkschein: "Damit du siehst, dass dein Vater ein Ehrenmann ist, auf dessen Wort Verlass ist . . ."
1873 wurde Polgar in Wien geboren, war Theaterkritiker, Bühnenautor und Meister der Glossen, Skizzen und Erzählungen. Er fand das Leben zu kurz für lange Literatur. Wenn man ihn heute liest, möchte man selbst sofort aufhören, Unfug zu fabrizieren.
Alfred Polgar: Das große Lesebuch. Kein & Aber, 426 Seiten; 22,80 Euro.
* Annemarie Stoltenberg stellt für den Börsenverein, Region Nord, Neuerscheinungen vor. Hier präsentiert die NDR-Redakteurin einmal im Monat ihre persönliche Bücher-Auswahl.



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