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Journal

Ein Volk ohne Manieren?

Der äthiopische Prinz Asfa-Wossen Asserate hat das Benehmen der Deutschen beobachtet und vergleicht es mit afrikanischen Umgangsformen. Amüsant und originell.

Es ist der fremde Blick auf das Eigene, der an diesem Buch fasziniert. Da schreibt einer, längst eingebürgert, aber immer noch mit diesem fremd-neugierigen Blick, über Deutsche und ihre Manieren. "Frauen haben, so weiß man, keine Schwierigkeiten mit dem ,Du'. Sie duzen sich, kaum dass sie sich kennen, wenn sie sich nicht verabscheuen. Einem Mann kann dieses blitzartige Einverständnis schon unheimlich werden. Da tut sich eine unsichtbare Haremsgemeinschaft auf. Kein Überkreuztrinken und was sich Männer in der Kneipe noch alles ausdenken, um dem ,Du' höhere Weihen zu verleihen."

Asfa-Wossen Asserate, Prinz von Äthiopien, Jahrgang 1948, Neffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie, ist ein präziser Beobachter. Seit 35 Jahren lebt er in Deutschland, im Hauptberuf ist er Unternehmensberater, Er schreibt in sehr persönlichem Stil, wie er hier Umgangsformen erlebt. Die erste Auflage des Buches, von Hans Magnus Enzensberger herausgegeben, war rasch ausverkauft. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" bringt seit Wochen Vorabdrucke und erhält begeisterte Leserbriefe. Tenor: Endlich sagt mal einer den Deutschen, dass sie längst ein Volk ohne Manieren sind.

Das bestätigt Asserate aber nicht. Es liegt ihm fern, Lesern Vorschriften zu machen. Sein Buch ist keine Betriebsanleitung für Etikette und guten Stil, vielmehr eine Kulturgeschichte des Anstands und seiner Bedeutung im zwischenmenschlichen Miteinander. Als promovierter Ethnologe betrachtet er europäische, vor allem deutsche Sitten und Kultur und vergleicht sie mit afrikanischen Umgangsformen. Dabei kommt es zu überraschenden Erkenntnissen.

Etwa die Frage der Ehre. Eine Sache von gestern, könnte man meinen. Heute duelliert sich niemand mehr, weil er seine Ehre in Gefahr sieht. Doch dem Deutschen mit der afrikanischen Seele geht es um einen anderen Ehrbegriff. Für Asserate ist der Mensch mit guten Manieren jener, der die Gefühle anderer so achtet, als wären es seine eigenen. Ist jemand unpünktlich, begegnet man ihm nicht auch noch mit anmaßender Hochnäsigkeit.

Ob der Handkuss heute peinlich ist, ob man noch Blumen verschenkt und welche, wer die Restaurant-Rechnung übernimmt - wer eindeutige Antworten erwartet, wird enttäuscht. Der Prinz macht Vorschläge. Bekennt aber, dass der Begriff "Herr" ihn erfreut. "Das ist eine wunderbare Anrede, und es gibt im Deutschen kein schöneres Wort dafür."

Der Sohn von Herzog Asserate Kassa, einer der bedeutendsten Ratgeber am Hof von Kaiser Haile Selassie, hatte eine österreichische Kindergärtnerin und war schon als Kind von der europäischen Kultur fasziniert. Als er in den 1970er-Jahren Addis Abeba verließ, um in Frankfurt zu studieren, hat ihn das wohl vor dem Tod bewahrt.

In der bald darauf einsetzenden äthiopischen Revolution wurde der Kaiser gestürzt und mit einem Kopfkissen erstickt, Asserates Vater erschossen, die Mutter und seine Geschwister in eine 15-jährige Gefangenschaft mit vielen Demütigungen geschickt.

Als vornehmste aller Manieren bezeichnet Asserate die Aufmerksamkeit als Grundhaltung des Menschen gegenüber der Welt. "Der Aufmerksame hat sich dazu entschieden, nicht sich selbst, sondern die ihn umgebenden Phänomene zu betrachten, man könnte auch sagen, sich selbst ausschließlich im Spiegel der anderen wahrzunehmen."

Asfa-Wossen Asserate: Manieren. Eichborn Verlag, 392 S.; 22,90 Euro.

 

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