So kommen die Fische an Land
In Ozeanarien können auch Nicht- Taucher die Unterwasserwelt bewundern. Das Aquarium, einst rabiater Versuch der Fischhaltung, zieht heute ein großes Publikum in Bann.
Von außen drückt der offene Ozean gegen das Glas. Von innen gucken die Besucher direkt in den blauen Lebensraum der Tunfische und Tiefseehaie. Nur eine dreißig Zentimeter dicke Acrylscheibe trennt die Bucht von Monterey/Kalifornien vom größten Becken des Aquariums - näher kann man dem Meer kaum zu Leibe rücken. Mit seiner Architektur zählt das Aquarium auf dem Gelände einer ehemaligen Sardinenfabrik zu den spektakulärsten der Welt. Es ist ein Großaquarium der neuen Generation: artgerecht, unterhaltsam und zugleich mit wissenschaftlichem Anspruch. Schließlich wird hier für den Artenschutz geforscht. Zu sehen sind, das gehört zum Konzept, ausschließlich heimische Tiere. 1,8 Millionen Besucher zieht es jährlich nach Monterey Bay. Eine Erfolgsgeschichte, die sich die Pioniere des Wassers nicht hätten träumen lassen. Das Meer war dem Menschen stets ein unheimlicher Ort, gefährlich zu befahren und schwer zu erforschen. Seine Faszination und die fantastischen Geschichten darüber hat das nur angeheizt. Ab 1830 fuhren die ersten Forscher aufs offene Meer hinaus. Sie brachten Krebse und Fische zurück und versuchten, sie in Labors zu züchten. Der "Ozean im Glas" trat seinen Siegeszug an. Anfangs noch mit bescheidenem Erfolg, denn die Tiere starben an Land rasch. Als pompöses Accessoire fand das Aquarium später seinen festen Platz in den Wohnzimmern; so lange, bis das neue Hobby den Bürgern langweilig wurde. Die Idee indes war nicht totzukriegen. War es pure Neugier an den wenig erforschten Tiefen, war es das Schaudern vor merkwürdig gestalteten Kreaturen, die fast ohne Sauerstoff auskamen? Immerhin öffneten ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die ersten Publikumsaquarien. Hier wurde mit Süß- und Meerwasserbecken in größeren Dimensionen experimentiert: Aus Asien importierte Buntfische, Meerestierschwärme und ganze Pflanzenlandschaften hinter Glas ließen das Publikum staunen. Inszenierung und Dramaturgie spielten dabei früh eine wichtige Rolle: Ein Spektakel sollte im Becken stattfinden, möglichst bunt, bewegt und vollgestopft. Das Raumlicht musste, allein schon um das Wuchern der Algen zu verhindern, gedämpft sein; die Gebäude waren fensterlos und tunnelartig konstruiert. Besucher ließen sich auf ihrem Weg durch eine submarine Schaubühne leiten. In Hamburg öffnete ein Aquarium im zoologischen Garten. Ausgerechnet heimische Heringe und Makrelen gingen dort schon nach einem Tag ein. Das Wissen über artgerechte Tierhaltung war noch nicht so recht gediehen; und viele Fische landeten konserviert und getrocknet in irgendwelchen Sammlungen. Im Tiergarten am Dammtor gestaltete Direktor Alfred Brehm ("Brehms Tierleben") 22 Becken mit wissenschaftlichem Anspruch; seine Geschichte ist in Vergessenheit geraten. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen "Delfinarien" in Mode. Die intelligenten Säuger mussten für Dressurnummern herhalten. Die Diskussion um den Tierschutz führte ab den 70ern dazu, dass diese Einrichtungen nach und nach geschlossen wurden - zum Glück, weiß man heute. Dem amerikanischen Architekten Peter Chermayeff gelang ein Quantensprung, erstmals gezeigt auf der Weltausstellung in Lissabon 1998: Chermayeff entwarf große Biotope, mit aufeinander gestapelten Becken, in denen die Meeresbewohner artgerecht leben konnten. 12 Meter hoch und 32 Meter breit war das Hauptbecken im Ozean-Pavillon, drum herum stapelten sich kleinere Anlagen und ein Röhrenbecken für Schwarmfische. Diese maritime Erlebniswelt begründete eine neue Generation von Aquarien, in denen der Mensch - allein durch die räumlichen Dimensionen - zum Meer in Bezug gesetzt wurde. Außerdem vermittelte sie auf unterhaltsame Weise, dass die Ozeane als Erbe der Menschheit nicht totgefischt werden dürfen. Große Seewelt-Anlagen entwickelten sich auf der ganzen Welt, von Vancouver bis Osaka, zu touristischen Attraktionen. Das Publikum, durch Besuche gebildet, hatte seine Haltung grundlegend geändert: Ein purer Vergnügungspark der Meere weckt ungute Gefühle; auch düstere, geschlossene Anlagen mit kleinen Schaukästen - wie das Aquarium in London - werden als traurig und quälend wahrgenommen. Viele Besucher halten es heute nicht mehr für vertretbar, Wale oder Robben in Gefangenschaft zu halten. Kein aufgeklärtes Kind schreit noch nach "Flipper" oder klopft an die Scheiben - schließlich sind viele Fische schall- und stressempfindlich. Vereinzelte Begebenheiten führen das immer wieder vor Augen: Ein Hai starb vor Schreck, als ein Besucher aus Spaß in sein Becken sprang; 52 Pinguine aus dem Zoo von San Francisco zogen wochenlang manisch Kreise durch das Becken. Die Presse berichtete darüber, die Öffentlichkeit war beunruhigt. Moderne Großaquarien wollen ein alternativer Lebensraum für die Tiere sein und dies auch vermitteln. Die Besucher möchten heute, anstatt auf einem vorbestimmten Parcours geleitet zu werden und rechts und links wie in Fernsehröhren zu gucken, selbst ihren Zugang gestalten. Umgehbare oder befahrbare Becken, Einsichten von mehreren Seiten und interaktive Angebote sind inzwischen Standard. Vor allem in den europäischen Metropolen sind Großaquarien auch ein Lieblingskind der Stadtplanung. Gerade in den Küstenstädten drängt sich der natürliche Bezug förmlich auf: Das Aquarium im italienischen Genua, gestaltet vom Star-Architekten Renzo Piano, schmiegt sich in seiner lang gestreckten Form nahezu symbiotisch in den Hafen. Für Hamburg ist Ähnliches geplant.



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