Mittwoch, 15. Februar 2012, 01:15

Abendblatt als Startseite | Aboservice | E-Paper

www.abendblatt.de

  • E-Mail
  • Singles
  • Branchenbuch
  • Jobs Hamburg
  • Immobilien Hamburg
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Rechner
  • Ticket kaufen

Journal

Victorias aufregendes Eisbär-Leben

Zwei wollweiße, flauschige Ohren gucken über die Felskante. Schwarze Knopfaugen werden sichtbar. "Eisbär-Baby!" kreischen die Kinder, die vor dem Eismeer-Gehege in Hagenbecks Tierpark stehen. Victoria, der sieben Monate alte Nachwuchs des Bären-Paares Fanny und Theo (beide 24), verzaubert alle. Nicht immer gelingt ein freier Blick auf das Eisbären-Mädchen - häufig versteckt es sich mit seiner Mutter in einer Felsenhöhle oder spielt, kaum sichtbar für die Besucher, im Wasser. Das Abendblatt hat einen ganz besonderen Einblick nehmen dürfen und einen Tag im Leben der kleinen Eisprinzessin dokumentiert. 8.30 Uhr, eine halbe Stunde, bevor der Tierpark die ersten Besucher einlässt. Pfleger Dirk Stutzki (33) öffnet den Schieber - so heißt die Verbindungstür zwischen Innen- und Außenanlage - im Eisbärengehege. Schichtwechsel. Vater Theo hat den Abend und die Nacht draußen verbracht. Als Einzelgänger wird der Eisbärenmann erst mit Fanny und Victoria zusammenkommen, wenn seine Tochter etwas größer ist. Theo kommt ohne zu zögern in die Innenanlage - denn hier wartet Futter. Schnell säubert Stutzki das Außengehege. Dann dürfen Fanny und Victoria, die die Nacht eng zusammengekuschelt in ihrem Schlafkäfig verbracht haben, ins Freie. Kaum draußen, ist Victoria nicht mehr zu halten. Die Sonne spiegelt sich im Wasser, zwei Möwen, die auf der Suche nach Fischresten waren, fliegen erschrocken auf, als die kleine Bärin auf sie zugerannt kommt. Spielen! Während Fanny es sich schon bald in einer schattigen Höhle bequem macht, tobt Victoria durchs Gehege. Erst mal eine Runde um das Wasserbecken. Kurzer Halt, dann anders herum. "Seit etwa zwei Monaten ist sie so aktiv", sagt Stutzki. Mitte April hatte Victoria zum ersten Mal mit ihrer Mutter die Außenanlage betreten. Erst nach vier Wochen löste sie sich aus dem Schatten ihrer Mutter und machte eigene Erkundungsgänge. Zur Geburt hatte sich die erwachsene Bärin, wie auch in freier Wildbahn üblich, im Dezember in eine Höhle zurückgezogen und war dort in Ruhe gelassen worden. Den Nachwuchs, anfänglich nur so groß wie ein Meerschweinchen, entdeckten Stutzki und seine Kollegen auf dem Monitor der Überwachungskamera. Eine große Überraschung: Nach acht Jahren Pause hatte kaum noch jemand mit einem Baby gerechnet. Inzwischen ist Victoria, dritter Nachkomme Fannys und Theos, ein Wirbelwind. Wenn Mutter schon nicht spielen will, muss ein großer Ast als Sparrings-Partner herhalten. Mit ihren spitzen Zähnen und den kräftigen Krallen hält sie ihn fest, schleudert ihn herum, richtet ihn auf und zwingt ihn nieder. Aufgeben gilt nicht. 9.30 Uhr. So viel Aktivität macht hungrig. Der Ast ist vergessen, nun steht Mama im Zentrum der Aufmerksamkeit. Mit leisen Lauten geht Victoria auf sie zu. Die Bärin setzt sich aufrecht hin, und die Kleine beginnt zu trinken. Nach zehn Minuten ist ihre Schnauze milchverschmiert, als sie sich neben ihre Mutter zu einem Schläfchen hinlegt. "Sechs bis acht Mal wird sie am Tag gesäugt", erzählt Stutzki. "Zwar frisst sie auch schon feste Nahrung, aber entwöhnt wird sie erst mit zwei Jahren." 10.15 Uhr. Dirk Stutzki startet seine erste kommentierte Fütterung am Eismeer. Einige Fische wirft er zu Fanny und Victoria hinüber, den Großteil frisst die Mutter. Danach ist Siesta im Eisbärengehege - sehr zum Bedauern einer Schulklasse, die die beiden so nicht sehen können. 11.00 Uhr. Victoria ist wach. Und geht baden. Wasserfontänen zeigen, wo sie sich ins Becken stürzt, kopfüber, dann wieder mit einer Rolle rückwärts. Ihr liebstes Spiel: in die Höhle hinter dem Becken rennen, dorthin, wo der Boden leicht ansteigt. Und von diesem höchsten Punkt ins kühle Nass zu flitzen. Mutter Fanny steckt nur kurz den Kopf ins Wasser, zieht sich dann wieder zurück. 13 Uhr. Zweite Fütterung am Eismeer. Für Fanny und Victoria hat Dirk Stutzki heute eine Überraschung bereit: eine Acht-Kilo-Eisbombe. "Da frieren wir Fische, Obst und Gemüse in einem Wassereimer ein - so sind die Tiere länger damit beschäftigt, um an das Futter heranzukommen", erklärt der Pfleger. Und wirklich: Anderthalb Stunden spielen und streiten Mutter und Tochter um die kalte Beute, schieben und kauen, lecken und beißen daran herum. 14.45 Uhr. Nun ist es auch Fanny warm geworden. Die Eisbärin lässt sich ins Wasser gleiten, während ihre Tochter vom Rand aus versucht, die Mutter mit einem sanften Prankenhieb zu necken. Wüsste man nicht, dass hier Mutter und Tochter balgen, müsste man bei den gewaltigen Pranken und dem starken Gebiss der erwachsenen Bärin Angst um das Leben der kleinen Victoria haben. Doch die bekommt von den Albereien gar nicht genug. Nachdem Fanny das Becken verlassen hat, säugt sie Victoria in der hinteren Höhle. 15.30 Uhr. Nach der letzten Fütterung, bei der es nur noch wenig Fische für Fanny und Victoria gibt, wird Mutter Eisbär unruhig. Sie geht vor dem Schieber in Stellung. Der Austausch steht bevor. "Papa soll auch noch etwas von der Sonne haben", sagt Stutzki, als er um 16 Uhr den Schieber öffnet. Fanny und Victoria verschwinden im Inneren der Kunstfelsen-Anlage, und kurze Zeit später erscheint Theo auf der Außenanlage. Langsam geht der Bärenmann über die Anlage und schnuppert dort, wo gerade noch Mutter und Tochter spielten. Die, die er da riecht, fressen währenddessen im Schlafstall die letzte Mahlzeit des Tages. Bevor sie sich für die Nacht zusammenrollen. (Claudia Sewig)

 

Artikel versenden

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus