Alarm! Nächte des Grauens
Bombennächte, Tod und Zerstörung, Flucht und die Suche nach einer neuen Heimat. Ein Schicksal, das viele Hamburger während des Feuersturms erlitten. Ilse Grassmann hat ihre Eindrücke festgehalten: Ausgebombt.
Die Pfingsttage 1943 hatte Ilse Grassmann mit ihrer Familie noch in der Heide verbracht: "Sonne, junges Birkengrün und eine Wanderung in Ramelsloh." Wenige Tage später schlug der Albtraum des Krieges mit brutaler Wucht zu. Die Hamburgerin, in jenem Sommer 35 Jahre alt, schrieb ihre Eindrücke von den Angriffen auf Hamburg und vom alltäglichen Überlebenskampf mit vier Kindern in einem Tagebuch nieder. Eine Neuauflage der Erinnerungen ("Ausgebombt"), erweitert um bislang unveröffentlichte Dokumente, erscheint am 24. Juli. Herausgeber ist Ilse Grassmanns Sohn Werner Grassmann, Gründer und Geschäftsführer des Abaton-Kinos. "Es ist keine Heldengeschichte", heißt es im Vorwort, "vielmehr ein menschliches Schicksal, das viele aus dieser Generation erfahren haben." 18. Juli 1943: "Dann kommt der Luftschutzwart und verlangt: ,Die Badewanne und sämtliche vorhandenen Eimer müssen mit Wasser gefüllt werden.'" 24. Juli 1943: "Ich träumte, ich stand am Ufer, der Dampfer schwamm weit draußen auf der See und ließ seine Sirene ertönen. Da merkte ich, dass ich nicht mehr träumte, die Sirene heulte wirklich. Alarm! Schauerlich klingt das zwischen den Mauern, immer wieder." 24. Juli 1943 Kurt an die Jungs (Brief an die ältesten Söhne Werner und Martin im Kinderlandverschickungslager in Rottach am Tegernsee): "Liebe Jungs, Sonnabendnacht um halb ein Uhr hat sich nach einem Jahr ein Terrorangriff auf Hamburg wiederholt. Nur ist es diesmal etwas schlimmer, insofern ganze Stadtteile in Schutt und Trümmer gelegt wurden. Hier in Uhlenhorst sind nur einzelne Straßenteile in Mitleidenschaft gezogen worden, z. B. Mundsburger Damm, Ecke Immenhof. Die vielen Luftminen haben viele Scheiben eingedrückt, bei uns nur im Esszimmer. Die anderen Fenster und Türen wurden aufgerissen, so dass die Scheiben heil blieben. Wir sind also bisher noch am besten weggekommen. Bei Oma Lieschen am Grindelhof und den Großeltern in der Glücksburger Straße in Altona sieht es schlimmer aus. Die Häuser selbst stehen noch. In der Umgebung brennen aber Trümmerhaufen. Wir haben jetzt nicht nur in der Nacht, sondern auch am Tage öfter Alarm, wobei meistens Bomben fallen. Obgleich unsere Wohnung zu klein ist, hat Mama drei Obdachlose aus dem Langen Zug 15 aufgenommen. Sie haben ihre ganze Villa mit Inhalt verloren. Obwohl am Sonntagmorgen über der Alster die Sonne schien, kam sie über Hamburg wegen des Rauchs und Qualms nicht durch. Es herrschte eine gelbe, düstere Finsternis. Die Nikolaikirche mit dem Hopfenmarkt brennt. Von der Kirche in St. Georg ist die Kuppel eingestürzt. Wahrscheinlich werden viele Hamburger evakuiert, wenn Hamburg zum Kriegsgebiet erklärt wird. Wir bekommen nun 50 Gramm Tabak und 50 Gramm Bohnenkaffee zugeteilt, für drei Tage Verpflegung zusätzlich." 25. Juli 1943: "Das Radio unterscheidet sich in seinem Programm nicht von den anderen Tagen. Im Wehrmachtsbericht heißt es nur kurz: ,In der Nacht erfolgte ein größerer Angriff auf Hamburg.'" 27. Juli 1943: "Wieder ein heftiger Einschlag, jetzt erlischt das Licht. Erbarmungslos dem Dunkel und dem Grauen ausgeliefert, erwarten wir nun das Ende." 28. Juli 1943: "Meine Hoffnung, in der Volksschule Averhoffstraße etwas Notverpflegung zu bekommen, ist vergeblich . . . Die Schule ist vom Erdboden verschwunden." 30. Juli 1943: "Auf einer Treppe, die nach oben zur Straße führt, sitzt leblos eine Mutter, ihr totes Kind an sich gedrückt, möglich, dass die beiden in der Hitze erstickt sind. Über allem die Stille des Todes." 10. Oktober 1943 (in Haynau/Schlesien): "Nun kann man wieder telefonieren mit Hamburg, aber es gibt kaum eine Verbindung, die wenigen Leitungen sind besetzt. Die vielen getrennt lebenden Familien benützen das Telefon häufiger als zu normalen Zeiten." Weihnachten in Schlesien 1943: "Man muss an die Menschen denken, die uns am letzten Weihnachtsfest noch so nahe waren und nun unter den Trümmern unserer Städte für immer verloren sind, an Familien, die kein eigenes Zuhause mehr haben." April 1944 (wieder in Hamburg): "Die Störangriffe kommen so unvermutet, dass man nicht gleich in den Bunker geht. Auf der anderen Seite der Hochbahn am Eppendorfer Baum ist eine Luftmine heruntergekommen, und die meisten Menschen waren noch nicht im Keller." 2. Mai 1945: "Ich gehe zu Kurt und merke, dass ich weiche Knie habe. Er ist ganz ruhig und pflanzt, als wäre nichts geschehen. Er sagt, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt: "Der Krieg ist für uns vorbei. Nun müssen wir sehen, dass die Kartoffeln in die Erde kommen" . . .



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