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Journal

Zurück aus der Zukunft

Bügeleisen, Brause- tabletten, Bratäpfel: Mit derlei "Special Effects" wagte sich das deutsche Fernsehen in den Weltraum. Jetzt kommt Orion, die Raumpatrouille, ins Kino.

Eigentlich müsste an dieser Stelle Musik erklingen - aber da stößt eine Zeitung an ihre medialen Grenzen. Denn die Titelmelodie, die Peter Thomas für die Fernsehserie "Raumpatrouille" geschrieben hat, ist ein Markenzeichen. Sie fräst sich in die Gehörgänge, ist mittlerweile schon 50-mal gecovert worden und hat mit zum Erfolg von Deutschlands erstem Versuch in Sachen TV-Science-Fiction beigetragen. Dieser erste Versuch feiert nun schon sein zweites Comeback. Ab September 1966 - der Bundeskanzler hieß noch Ludwig Erhard - flimmerten die sieben einstündigen Folgen erstmals über die Bildschirme. Nach dem Wunder von Bern und dem Wirtschaftswunder wagte man sich also an die Wunder des Weltraums. Thematisch betrat man damit drei Jahre vor der Mondlandung und noch vor dem Jungfernflug des Raumschiffs "Enterprise" Neuland und erzielte mit der ersten Folge die heute astronomisch wirkende Einschaltquote von 44 Prozent. Mitte der 80er-Jahre feierte die TV-Serie ihr erstes Comeback in den Programmkinos. Jetzt versucht die Orion, die Mutter aller deutschen Raumkreuzer, einen Neustart in den Multiplexen mit einer 92-minütigen Fassung und einigen neuzeitlichen Extras. Ben Becker spricht mit sonorer Stimme aus dem Off den Vorspann, das "Orion-Evangelium", das Fans natürlich auswendig können: "Was noch heute wie ein Märchen klingt, kann morgen Wirklichkeit sein. Hier ist ein Märchen von übermorgen. Es gibt keine Nationalstaaten mehr. Es gibt nur noch die Menschheit und ihre Kolonien im Weltraum. . . Mit heute noch unvorstellbaren Geschwindigkeiten durcheilen Raumschiffe unser Milchstraßensystem. Eins dieser Raumschiffe ist die Orion. Winziger Teil eines gigantischen Sicherheitssystems, das die Erde vor Bedrohungen aus dem All schützt. Begleiten wir die Orion bei ihrem Patrouillendienst am Rande der Unendlichkeit . . ." Eine spektakuläre Neuerung ist der Quereinstieg von Elke Heidenreich, die sozusagen als "embedded journalist" auftritt. Sie spielt Nachrichtenoffizier Helma Krapp, die wiederholt die bekannte Handlung unterbricht, um Nachrichten vorzulesen oder Werbung anzukündigen. Als PR-Gag mag das ja ganz geschickt sein, und Elke Heidenreich sieht mit ihrer Bienenstockfrisur auch recht kurios aus. Aber die Handlung, die gerade von ihrem naiv-trashigen Charme lebt, braucht die ironischen Sottisen nicht wirklich. Außerdem wartet man ständig darauf, dass Heidenreich ein Buch unter dem Moderatorentischchen hervorzieht, um es uns zum Lesen zu empfehlen. Sehenswerter sind da schon oder immer noch die Originalszenen. Von Action ist weit und breit keine Spur, wenn man davon absieht, dass die Orion ab und zu in Turbulenzen gerät und sich die Mannschaft dann auf äußerst linkische Weise zur Seite wirft. Der schneidige Commander heißt Cliff Allister McLane. Dietmar Schönherr, der übrigens auch James Dean synchronisierte, spielt ihn als rebellischen Hasardeur mit neckischem Hang zur Insubordination. Auf seine Mannschaft, die er in oft hölzernen Dialogen kommandiert ("Mario, Kampfstand besetzen!") kann er sich verlassen, besonders, wenn es zusammen gegen Tamara Jagellovsk (Eva Pflug) vom Galaktischen Sicherheitsdienst geht. Sie ist als Aufpasserin für den aufmüpfigen McLane mit an Bord und liefert sich mit ihm autoritär-amouröse Scharmützel. Die eigentlichen Feinde sind die Frogs, glibberige Typen, von denen man meist nur die Raumschiffe sieht. Die seien "ohne galaktische Seriennummer", heißt es. Sehr verdächtig, wahrscheinlich haben sie nicht mal eine TÜV-Plakette. Und es geht natürlich ums Ganze, um die Rettung der Welt. Die Lage ist hoffnungs-, aber nicht aussichtslos. Aber: "Wenn es ein Wunder gibt, heißt es McLane", betet General Winston Woodrow Wamsler. Überhaupt, diese Namen! Neben den schon erwähnten spielen Atan Shubashi (F.G. Beckhaus), Hasso Sigbjörnson (Claus Holm), Helga Legrelle (Ursula Lillig), General Lydia van Dyke (Charlotte Kerr) und der undurchsichtige Oberst Villa (Friedrich Joloff). Wunderbar anzuschauen sind nach wie vor einige Details wie beispielsweise die Ausstattung. Der Produktionsdesigner, der spätere Oscar-Preisträger Rolf Zehetbauer (1973 für "Cabaret"), entdeckte mangels Etat die italienischen Momente im Leben und improvisierte, was das Zeug hielt. Für die Innenausstattung der Orion verbaute er das legendäre Bügeleisen, Anspitzer und Wasserhähne. Die Special Effects waren 1966 auch noch nicht der Rede wert. Also filmten die Regisseure Michael Braun und Theo Mezger die aufsteigenden Luftbläschen von Brausetabletten für den Orion-Start und machten aus einem Bratapfel eine Supernova. Eine Augenweide ist auch die Unterwasser-Disco, das "Starlight Casino", in dem sich die Helden nach getaner Raum-Arbeit ganz ordinär Whisky und Cognac hinter die spacige Binde kippten. Bestaunen kann man dort auch einen gelinde gesagt eigenwilligen Tanz, den "Galyxo", den zum Beispiel Roswitha Völz, die Ehefrau von Wolfgang (Mario de Monti), zelebriert. Der "Rücksturz ins Kino", so der Untertitel, dürfte für die Orion zu einem interessanten Abenteuer werden. Weil man nicht genau weiß, wie die Fangemeinde auf die Änderungen reagiert und weil es heute, in Zeiten von millionenschweren Sci-Fi-Abenteuern à la "Matrix Reloaded", interessant anzusehen ist, wie man sich vor fast 40 Jahren Zukunftsmärchen vorgestellt hat.

 

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